Blair Witch | Filmkritik: Im Wald nichts Neues

08. Oktober 2016

Blair Witch

Es gibt gute Gründe, warum man sich über Sequels von Filmen, die rund zwei Jahrzehnte oder mehr zurückliegen und zudem eine ganze Armada von Nachahmern auf den Plan gerufen haben, besser keine ernsthaften Gedanken machen sollte. Da ist schon eine geballte künstlerische Vision vonnöten (wie im Ausnahmefall von „Mad Max: Fury Road“), um am Ende mit mehr als einem bemüht-müden Wiederaufguss dazustehen, der seiner Zeit gewaltig hinterher hinkt und mit dem Fluch der eigenen Verzichtbarkeit zu kämpfen hat. Im Fall von „Blair Witch“ (der bessere Titel wäre wohl „Project: Blair Witch Sequel“ gewesen) ist eine solche Vision jedenfalls ausgeblieben.

Der größte Fehler lag vermutlich bereits in der Grundidee, erneut auf Found Footage zu setzen und damit nicht nur den direkten Vergleich zu den Wirkweisen des Originals, sondern auch zu dessen unzähligen Epigonen auf den Plan zu rufen, die den POV-Wackellook längst bis zum völligen Überdruss ausgereizt haben. Ausnahmen bestätigen die Regel, und wo sie das tun, gelingt ihnen entweder eine mehr oder weniger clevere Variation (wie zuletzt im Fall von Adam Greens „Digging up the Marrow“) oder sie heben den stilistischen Ansatz gleich auf eine ganz andere Ebene (Idealbeispiel: „Chronicle“). Adam Wingard und sein Autor Simon Barrett kommen in keinem von beiden Fällen auf einen grünen Zweig – vielleicht haben sie auch einfach den Wald vor läuter Bäumen nicht gesehen.

Womit wir bereits mitten im Film wären, denn der spielt erneut in den Wäldern von Black Hills, in denen schon die unglückselige Ursprungstruppe von 1999 ein finsteres Ende fand. Kann man da vielleicht bereits erahnen, was der neuerliche Zusammenschluss um den Bruder eines der früheren Opfer wohl zu erwarten hat? Also Abzählreimdramaturgie und Final Girl? Check. Ergänzend zur unvermeidlichen Handkamera kommen diesmal zwar auch Headcams und eine Drohne zum Einsatz (die nichts, aber auch gar nichts Relevantes aufzeichnet), ansonsten ist aber alles wie gehabt. Figuren, die niemanden interessieren, erschrecken sich vor undefinierten Geräuschen und laufen laut kreischend davon. Neuerungen: Die Zeit scheint stehenzubleiben und irgendwann wird jemand von einem fliegenden Zelt angegriffen. Tja.

Blair Witch

Der Film ächzt so sehr unter dem eigenen Anspruch, dem Original gerecht zu werden und zugleich kräftig eins oben drauf zu setzen, dass er sich selber im Weg steht. Was 1999 so real wirkte, weil (zumindest beim ersten Anschauen) kein Kalkül zu erkennen war, ist 2016 das spürbare Ergebnis x-fach durchdachter strategischer Planung. Nach den lautstarken Schreckmomenten kann man jedenfalls – wie man es von anderen einschlägigen Genre-Beiträgen mit Buh-Dramaturgie kennt – irgendwann die Uhr stellen. Auch sonst regiert die Vorhersehbarkeit: Die Drohne bleibt in einer Baumkrone hängen, eine Figur klettert durchs Geäst, um sie zu bergen. Was passiert wohl? Richtig, genau das.

Und so weiter, und so weiter. Das soll nicht heißen, „Blair Witch“ sei lieblos dahingeschludert. Das Gegenteil ist der Fall. Wingard und Barrett haben sich in ihrer bereits neunten Zusammenarbeit (darunter „You’re Next“ und „The Guest“) eine Menge Mühe gegeben, dem Original gerecht zu werden. Wer sich etwa auf Ostereiersuche begibt, wird reichlich fündig werden. Für einen rund 90-minütigen Fanfilm unter professionellen Bedingungen (unfassbar, wie viele Namen in den End Credits auftauchen) reicht das aus. Für die große Leinwand eher nicht. Dass die traditionell erzählte Fortsetzung von 2000 an den US-Kinokassen mehr einspielen konnte als diese neuerliche Wiederauflage, spricht für sich. [LZ]

OT: Blair Witch (USA/ 2016). REGIE: Adam Wingard. BUCH: Simon Barrett. MUSIK: Adam Wingard. KAMERA: Robby Baumgartner. DARSTELLER: James Allen McCune, Callie Hernandez, Corbin Reid, Brandon Scott, Wes Robinson, Valorie Curry. LAUFZEIT: 89 Min.

Blair Witch | Filmplakat

[Abbildungen: Studiocanal]

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