BLACK DEATH | Filmkritik

11. September 2010

Black Death | Filmkritik

Dass sich Christopher Smith nicht festlegen will, ist offensichtlich. Auch wenn er im Grundsatz jederzeit dem Genre-Kino verbunden bleibt, vermeidet er es tunlichst, sich inhaltlich zu wiederholen. In dieser Hinsicht gleicht er seinem ebenfalls britischen Filmemacherkollegen Neil Marshall, und bemerkenswerter Weise wenden sich beide in ihren aktuellen Filmen historischen Stoffen zu, in denen Soldaten auf einer blutigen Odyssee ins Herz der Finsternis reisen. Zeitlich mögen „Centurion“ und „Black Death“ zwar einige Jahrhunderte voneinander entfernt sein, doch ähnliche Grundtendenzen sind nicht zu übersehen. Dass wenigstens einer der beiden Filme es hierzulande in die Kinos geschafft hat, liegt wohl vor allem an deutschen Geldern.

Filmkritik: BLACK DEATH

In gewissem Sinn wäre dieser Film nicht ohne Edward I. möglich gewesen. Der nämlich hatte im Jahr 1290 alle Juden aus England vertrieben und seinen Landsleuten so quasi prospektive die Möglichkeit genommen, sich sechzig Jahre später den ausgedehnten Pogromen des europäischen Festlandes anzuschließen. Anders betrachtet, hat er die nächste Generation der jüdischen Inselbewohner damit auch direkt jener Ausrottung ausgeliefert, die zum Beispiel in Deutschland (allen voran Köln und Mainz) und Frankreich vor sich gingen, sowie überall dort, wo man dringend einen Sündenbock und Schuldigen für das gnadenlose Wüten einer Epidemie brauchte, der niemand weder mit einer Erklärung noch gar einem Heilmittel beikommen konnte. Für die Vergiftung der Brunnen und Gewässer, die man dort nur zu gerne den Juden zurechnete (passende Geständnisse hatte man sich zeitgemäß via Folterung besorgt), muss in Christopher Smiths Pestfantasie stellvertretend eine junge Frau herhalten, die ein aufgebrachter Lynchmob als Hexe verbrennen will.

Das ist fraglos die konfliktärmere Variante, und so geht „Black Death“ auch problemlos als blutige Horrormär durch, ohne kritische Themengebiete streifen zu müssen. Dass der gesamte Film dabei fast ausschließlich von deutschen Geldern finanziert und in Sachsen-Anhalt gedreht wurde, muss unter dieser Voraussetzung als echter Witz erscheinen. Von Geschichtsklitterung zu sprechen, wäre zwar zuviel des Guten, aber dass man sich hierzulande jetzt mit einem Film schmücken kann, der ein speziell deutsches Kapitel des zugehörigen historischen Kontextes schauplatzbedingt ausblendet, darf einem schon zu denken geben.

Black Death | Sean Bean

Dem Film selber lässt sich daraus freilich kein Strick drehen, denn der will in erster Linie ein blutiges Abenteuer sein, bei dem Pest und religiöser Fanatismus maximal als MacGuffins fungieren: 1348 macht sich der schwarze Tod in Europa breit. Zur Jahresmitte erreicht er England und macht keinen Halt davor, jeden zweiten Inselbewohner dahinzuraffen. Für die Kirche ist die Pandemie doppelt problematisch, denn eine apokalyptisch anmutende Ausrottung der Menschheit wie diese, die auch vor den Männern Gottes keinen Halt macht, lässt sich nur auf zweierlei Weise erklären: Entweder ist der Schöpfer selber zuständig und vollstreckt eine kollektive Strafe, oder aber der Fürst der Finsternis und seine Dämonen sind am Werk.

Doch damit nicht genug. Während das Sterben in den Städten nicht aufzuhalten ist, machen Berichte über ein entlegenes Dorf die Runde, dessen Bewohner von der Seuche verschont bleiben. Doch warum? Aus Sicht der Kirche ist die Erklärung unstrittig: Nur ein Pakt mit dem Teufel kann hier vor dem sicheren Tod bewahren, und so schickt der Bischof einen Söldnertrupp aus, der unheiligen Sache ein Ende zu bereiten.

Black Death | Eddie Redmayne, Sean Bean

Soweit wäre „Black Death“ vermutlich eine ziemlich eindimensionale Angelegenheit geworden, hätte sich Autor Dario Polini nicht einen zweiten Handlungsstrang ausgedacht, der die Geschichte zunehmend dominiert und in Wahrheit als ihr eigentlicher Träger fungiert. So ist die Hauptfigur dieses Films auch weniger Sean Beans Ritter Uric, der Anführer des Himmelfahrtskommandos, sondern vielmehr der von Eddie Redmayne dargestellte Mönchsnovize Osmund, dessen Aufgabe es ist, den Trupp ans Ziel zu lotsen. In der Vermarktung setzt man nichts desto trotz ausschließlich auf Bean, und ganz sicher ist es eine typische Folge von Vertragsverhandlungen, dass sein Name der erste ist, der in den Credits fällt. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen.

Redmaynes Figur trägt den eigentlichen Konflikt des Films aus, und sie ist auch die einzige, die eine echte Entwicklung durchlebt. Denn Osmund liebt seinen Gott ebenso sehr wie das junge Mädchen Averill, und weil er beides nicht miteinander vereinen kann, aber auch nicht wirklich begreift, warum er sich hier ausschließlich zu nur einer der beiden Seiten bekennen soll, ist er eine ideale, da moderne Identifikationsfigur – und bietet einen angenehmen Kontrast zu den auf archaische Weise gottesfürchtigen Söldnern, die nur zu gerne im Namen des Herrn töten, foltern und ihre Zweifel, sofern überhaupt vorhanden, einfach auf stumm schalten.

Osmund schickt das Mädchen zu Beginn aus der Stadt fort in die Wälder, damit sie von der Pest verschont bleibt. Ihr nachzufolgen ist seine eigentliche und einzige Motivation dafür, Ulric und seine Leute als Wegführer zu begleiten. Der Zuschauer teilt mit ihm dieses geheime Wissen und entfernt sich so noch ein gutes Stück weiter von allen anderen Figuren, die nur selten eine Gelegenheit bekommen, mehr zu sein als bloße Staffage. Erst als die Pest auch die Soldaten heimsucht, bekommen einzelne Charaktere die Chance, die emotionale Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich zu lenken. Doch auch das hält nicht lange vor, und bald schon liegt die Konzentration wieder gänzlich auf dem zunehmend zweifelnden Novizen.

Black Death | Sean Bean

Brachiale Kampfsequenzen und finstere Begegnungen mit Pestopfern und Menschen am Rande des Wahnsinns bestimmen die erste Hälfte des Films, und da sich Station an Station reiht, gibt sich „Black Death“ schnell als eine Art mittelalterliches Roadmovie zu erkennen. Die Erwartungen, die dabei in den Zielort, jenes rätselhafte Dorf, gesetzt werden, schrauben sich zunehmend hoch, zumal nie so ganz klar ist, welche Richtung der Film eigentlich einschlägt. Was hat der Trupp am Ende seiner Reise zu erwarten? Von einem Necromancer ist die Rede, der die Toten wieder zum Leben erwecken kann, und damit beim Zuschauer den Verdacht schürt, dass sich auch diese Geschichte nicht der aktuellen Zombie-Welle entziehen kann. Aber sehen die Pestopfer des Films nicht ohnehin schon so aus, als seien sie bereits umherirrende Tote?

Mit der Ankunft im Dorf schließlich ändert sich der Ton. Ein Hauch von Robin Hardys „The Wicker Man“ liegt, wie vielfach angemerkt worden ist, über der Szenerie, und man möchte dem etwas zu selbstsicher vorgehenden Trupp am liebsten bei den Schultern packen und wachrütteln. Denn dass man hier mit dem Schwert alleine nicht viel anrichten kann, lässt sich an den Fingern einer Hand leicht abzählen. Tim McInnerny (nach „Severance“ seine zweite Zusammenarbeit mit Regisseur Christopher Smith) bietet als Dorfvorstand eine fantastisch zwielichtige Gestalt, deren linkischer Freundlichkeit niemand Glauben schenken kann – und ganz offensichtlich auch nicht einmal soll.

Black Death | Carice van Houten

Doch die eigentliche Sensation ist Langiva, eine verführerische Schönheit, die das Dorf und seine Bewohner in Wahrheit zu befehligen scheint. Rothaarig (mehr muss man nicht wissen) und so vertrauenswürdig wie eine Gottesanbeterin beim Paarungsakt: Carice van Houten muss diese Figur gut gefallen haben, denn sie Schicht für Schicht zu häuten, macht ihr sichtbar Spaß und erweitert den Film um eine Dimension, die er bis dato nicht hatte – und erlaubt den glaubwürdigen Übergang zu jenem blutigen Grauen, auf das die Geschichte schließlich hinausläuft.

„Black Death“ mag seine Längen haben und sich ein bisschen zu sehr auf seine nicht ganz klischeefreie Darstellung eines finsteren Spätmittelalters verlassen, aber das tut der allgemeinen Wirkung seiner Geschichte keinen Abbruch. Dass der Film im letzten Drittel eine Entwicklung nimmt, die ebenso konsequent wie unerwartet ausfällt, hebt ihn auch rückwirkend aus der Masse ähnlich gelagerter Genre-Beiträge hervor. Interessanterweise hat er gerade dort eine Menge mit dem hierzulande fast unbekannten finnischen Horrorfilm „Sauna“ gemein, dessen grundlegende Verstörung er zwar nicht erreichen kann, wohl aber genügend Parallelen aufweist, um die ideale Basis für ein vergleichendes Doppel-Feature zu bieten. [LZ]

OT: Black Death (UK/D 2010). REGIE: Christopher Smith. BUCH: Dario Poloni. MUSIK: Christian Henson. KAMERA: Sebastian Edschmid. DARSTELLER: Eddie Redmayne, Sean Bean, Carice van Houten, Tim McInnerny, Andy Nyman, David Warner, Kimberley Nixon. LAUFZEIT: 102 Minuten.

Black Death | Filmposter

[Abbildungen: Wild Bunch / Central Film]

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