Birdman | Filmkritik

02. Januar 2015

Birdman

Riggan Thomson hat einen Alptraum. Das Flugzeug, in dem er gerade sitzt, gerät in heftige Turbulenzen und alle anderen Passagiere kreischen und zetern vor Angst. Doch er selbst bleibt völlig ruhig, denn ihn beschäftigt nur ein einziger Gedanke: Ein paar Reihen vor ihm sitzt George Clooney mit seinem dämlichen Kinn und all der hysterischen Aufmerksamkeit, die ihm jederzeit sicher ist. Würde der Pilot die Situation nicht unter Kontrolle behalten können und es käme zum Absturz, wessen Foto würde Riggans Tochter dann am nächsten Tag groß in der Zeitung sehen und wessen Foto nicht? Genau.

In den 80ern hätte das noch ganz anders ausgesehen, denn da war er eine große Nummer, Vorreiter und Türöffner für alle Superheldenfilme, mit denen seine millionenschweren Kollegen heute ihr Geld verdienen, während er die eigene Bleibe verpfänden muss, um sein Broadway-Debüt zu finanzieren – eine Art letzter Strohhalm, mit dem er endlich etwas schaffen will, das Bedeutung hat. Doch davon hält sein Alter Ego wenig, und das heißt Birdman, eine geflügelte Comicfigur im Latexanzug, die er nicht los wird, weil sie die einzige Erfolgsrolle ist, die er vorweisen kann, und die ihn deshalb bis zum bitteren Ende als Christian-Bale-Stimme in seinem Kopf zu verfolgen droht.

Wenn wir ihn das erste Mal sehen, schwebt er im Lotussitz etwa einen Meter über dem Boden. Es ist nicht seine einzige Superkraft. Neben Levitation beherrscht er offensichtlich auch eine zurückhaltende Form von Telekinese. Oder findet beides nur in seiner Vorstellung statt? Das ist schwer zu beurteilen, denn bald schon hat der Zuschauer begriffen, dass es in diesem aus entwaffnend perfekt choreografierten Plansequenzen bestehenden Film keinen einzigen (sichtbaren) Schnitt gibt. Wir müssen uns also wohl oder übel damit abfinden, dass wir alles, was es hier zu sehen gibt, auch für bare Münze zu nehmen haben. Zumindest bis – aber das gehört nicht hierher.

Birdman | Michael Keaton

Thomson ist Michael Keaton und ja, selbstverständlich gibt es da diese Metaebene, die jeder Fünfjährige herunterbeten könnte (Batman/Birdman, begriffen?), sich aber an ihr festzuklammern, als ginge es um die Entdeckung Amerikas, sei anderen überlassen. Keaton hat als Schauspieler nie Glaubwürdigkeit eingebüßt, seiner Filmfigur hingegen kommt das Bild des Flügelmannes einem Brandzeichen gleich, das für alle Tage seinen Platz in der Branche zu kennzeichnen scheint, ohne dass er den geringsten Nutzen daraus ziehen könnte (eine Rückkehr zum Franchise hatte er zu seinen besten Zeiten vehement abgelehnt).

Für eine neue Karriere als Theatermacher ist er in einem denkbar ungünstigen Alter, zumal besagtes Stigma in den Köpfen von Kritikern wie Zuschauern gleichermaßen keinen Raum lässt. Das Feuilleton nimmt ihn nicht ernst und die Boulevardpresse will ihn in jeglicher Hinsicht alt aussehen lassen. Sitzen einmal Vertreter beider Lager gemeinsam in seiner Garderobe (wo ihnen ein Birdman-Plakat dekorativ über die Schultern blickt) und die Rede zu Riggans Entzücken auf Roland Barthes kommt, kann die Dame von der Schmierblattzunft nur fragen, in welchem Film der denn wohl mitgespielt habe und womit genau sich ihr Gegenüber das Gesicht aufspritzen lasse. So kann man am eigenen Image nicht wirklich effektiv arbeiten.

Wie in jedem Film des von herkömmlichen Erzählmustern stets gelangweilten Alejandro González Iñárritu kann Thomson natürlich nicht die einzige Figur sein, um die sich alles dreht (in diesem Fall auch ganz wörtlich, denn die Kamera ruht sich selten aus). Etwa ein halbes Dutzend weiterer Ensemblemitglieder durchlebt seine eigene Geschichte aus Abstürzen und Maskenträgerei – wir sind schließlich am Theater.

Da ist etwa Broadwaystar Mike (Edward Norton), der einspringt, nachdem einer der Darsteller beinahe von einem Scheinwerfer erschlagen wurde. Als überzeugter Method-Vertreter gehört für ihn echter Gin auf die Bühne und so ruiniert er nicht nur eine Testaufführung, sondern zieht zu Riggans Unbehagen im Verlauf auch alle Aufmerksamkeit auf sich – von einem Verhältnis mit dessen entfremdeter Tochter (Emma Stone) ganz zu schweigen. Doch Mike ist eben Schauspieler und so trägt auch er sein eigenes Birdman-Kostüm aus Arroganz, Zynismus und Überheblichkeit mit sich herum, während ihm eine Erektion meistens nur noch gelingt, wenn er gerade eine Rolle spielt.

Weitere problematische Funktionen kommen Thomsons und Mikes aktuellen Lebens- und Bühnenpartnerinnen zu (Andrea Riseborough, Naomi Watts), die irgendwann mehr Interesse aneinander als an ihren Männern entwickeln. Das klingt nach Soap, könnte aber nicht weiter entfernt sein. „Birdman“ nimmt seine Figuren ernst, egal wie lächerlich sie sich machen. Wenn Riggan etwa dank einer halbnackten Peinlichkeit vorübergehend zur Youtube-Sensation aufsteigt, trägt das immerhin zum bis dato kaum vorhandenen Marketing seiner Broadway-Premiere bei. Und wem ohnehin permanent das Latexkostüm im Nacken sitzt, der kann auch keine größere Albernheit mehr abgeben, wenn er praktisch gar nichts trägt. So in etwa muss man es wohl sehen.

Birdman | Michael Keaton, Edward Norton

Dass hier ausgerechnet eine Kurzgeschichte von Raymond Carver mit dem bezeichnenden Titel „What we talk about when we talk about Love“ zu einem Bühnendrama verarbeitet wird, ist mehr als ein bloßer Insiderwitz. Viele Schriften des früh verstorbenen Autors hatten zu Lebzeiten zunehmend unter den Eingriffen des Lektors Gordon Lish gelitten, so dass die literarische Öffentlichkeit nur ein arg verfälschtes Bild geliefert bekam. Die betreffende Kurzgeschichte war zunächst in stark bearbeiteter Fassung als Teil einer mit dem gleichen Titel versehenen Sammlung erschienen. Erst nach Carvers Tod gelang seiner Witwe die Veröffentlichung der Originalmanuskripte.

Im Film selber erklärt Thomson seine Entscheidung mit einer Glückwunschnotiz, die der Autor ihm vor Jahren einmal zugesteckt hat – vermutlich unter Alkoholeinfluss, wie Mike ernüchternd feststellt. Dass es aber doch eher diese Seelenverwandtschaft zwischen Autor und Schauspieler über das Verborgensein der eigenen Stimme hinter dem eitlen Lärm anderer ist (Publikum, Kritiker, Branche, Mitstreiter), die Riggan dazu bewogen haben mag, Carvers nüchterne Vorlage mit jeder Menge klebrigem Pathos auf die Bühne zu bringen, ist eine Frage der Lesart.

Alles an diesem vielschichtigen, überraschungsreichen und von exzellenten Leistungen in allen Abteilungen bestimmten Film ist mit dem Vorab-Prädikat „Oscarkandidat“ versehen und spielt diese Karte auch gehörig aus: gefallene Schauspieler, die niemand ernst nimmt; arrogante Kritiker, die ihnen keine Chance geben; der eigene Ausverkauf in den sozialen Medien; satirischer Blick auf die Branche und ihre Blockbusterpolitik; eine Hauptrolle mit Metaebene (siehe oben) etc. Hier findet die bekanntlich überwiegend aus Schauspielern bestehende Academy jede Menge Themen, die zum Kreuz an der richtigen Stelle animieren.

Das Positive daran: Jede zusätzliche, durch Nominierungen und Preise angefachte Aufmerksamkeit, die „Birdman“ bekommt, ist nicht nur wohlverdient, sondern auch überaus willkommen. Einer der besten Filme des vergangenen Jahres – geistreich, witzig, originell und nie um einen unerwarteten Einfall verlegen. Mehr kann man nicht wollen. [LZ]

Birdman

OT: Birdman or the unexpected virtue of ignorance (USA 2014) REGIE: Alejandro González Iñárritu. BUCH: Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Armando Bo. MUSIK: Antonio Sanchez. KAMERA: Emmanuel Lubezki. DARSTELLER: Michael Keaton, Edward Norton, Emma Stone, Zach Galifianakis, Andrea Riseborough, Naomi Watts, Amy Ryan, Lindsay Duncan. LAUFZEIT: 119 Min.

Birdman

[Abbildungen © 2014 Twentieth Century Fox]

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