Big Eyes | Filmkritik

11. März 2015

Big Eyes

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten und Schönheit liegt im Auge des Betrachters: Die ästhetischen Qualitäten von Margaret Keanes bizarr-kitschigen Porträts trauriger Kinder mit überdimensional großen Augen mögen einem noch so fragwürdig erscheinen, ihr sensationeller Verkaufserfolg in den 60er Jahren lässt sich jedenfalls nicht kleinreden. Dass Tim Burton seit langem zu den glühenden Verehrern und Sammlern der schwer zu ertragenden Bilder gehört, kann nicht wirklich überraschen. Jetzt hat er also einen Film über die Künstlerin gemacht, die auf schier unglaubliche Weise lange Zeit im Schatten ihres hallodrigen Ehemanns stand.

Walter Keane, windiger Blender und genialer Selbstverkäufer mit einem Riecher für gute Geschäfte, hatte die Bilder seiner Frau über Jahre hinweg als die eigenen verkauft und dabei jede Menge Geld und Ruhm gescheffelt – wohlgemerkt mit dem Einverständnis Margarets, denn (so wird es an einer Stelle im Film ihr Beichtvater formulieren) der Mann im Haus weiß letzten Endes am besten, was für die Familie gut ist. Also produzierte Misses Keane über fast ein Jahrzehnt hinweg im sorgsam vor der Öffentlichkeit und der eigene Tochter verschlossenen Atelier mal brav, mal mit der Faust in der Tasche einen großäugigen Verkaufsschlager nach dem anderen. Bis die Sache eskalierte.

Wären die Grundzüge der Geschichte nicht verbürgt, würde man sie vermutlich als arg weit hergeholt belächeln. Umso erstaunlicher, aber auch konsequenter, dass ausgerechnet der große Märchenerzähler und Bilderstürmer Tim Burton überraschend hinter dem Geschehen auf der Leinwand zurücktritt, seine Manierismen auf ein Minimum herunterfährt und die große Bühne seinen Darstellern, den manchmal arg in Pastell getauchten Bildern von Bruno Delbonnel (zuletzt: „Inside Llewyn Davis“) und dem fantastischen Drehbuch überlässt. Selten war der Meister selbst so unsichtbar und das tut dem Film merklich gut.

Big Eyes

Eigentlich beginnt die ganze Angelegenheit mit einem Akt der Emanzipation, denn wir werden Zeuge, wie Margaret Tochter und Gepäck zusammenrauft und ihren ersten Mann entschlossen hinter sich lässt – und das, so fügt der Erzähler aus dem Off hinzu, lange bevor so ein Verhalten in Mode kam. Wir befinden uns schließlich Mitte der 1950er Jahre! Doch der Aufbruch in die Freiheit erweist sich schon bald als Reise in die vollkommene Abhängigkeit. Auf einem Kunstmarkt – Margaret malt bereits eifrig ihre Großaugenkinder – lernt sie den durchaus charmanten Walter kennen, seines Zeichens Freizeitmaler und erfolgreicher Immobilienmakler, der ihr eine gefühlte Woche später bereits einen Heiratsantrag macht.

Auf Hawaii läuten die Hochzeitsglocken und für Margaret scheint ein neuer, ein besserer Lebensabschnitt begonnen zu haben. Walter setzt alles daran, nicht nur seine eigenen, ziemlich scheußlichen Bilder von Pariser Straßenszenen an den Mann bzw. Galeristen zu bringen, sondern auch den im Vergleich geradezu anmutigen Kindermotiven seiner Frau ein öffentliches Forum zu schaffen. Schließlich mietet er ein bisschen Ausstellungsfläche in einem angesagten Club an und tatsächlich: Die ersten Kunden beißen an – wohlgemerkt bei Margarets Bildern, die irrtümlicherweise ihrem Mann zugeordnet werden. Sollte man da widersprechen? Aber nicht doch.

Hier schimmert schimmert das Burton-Universum am deutlichsten durch, denn Margaret fügt sich perfekt ein in eine lange Reihe verkannter Außenseiter, die sich vor der Welt verstecken müssen, weil niemand ihr wahres Gesicht sehen darf – in diesem Fall als eine Art weiblicher Cyrano de Bergerac, nur dass an die Stelle der überdimensionierten Nase die überdimensionierten Augen treten, deretwegen ein anderer die falschen Lorbeeren davonträgt.

Immer wieder müssen Burtons oft tragische Figuren ihr wahres Gesicht maskieren, Lügengeschichten erfinden oder ihre Identität verleugnen, damit sie ihre Helden- oder Schurkentaten begehen können. Das gilt für Margaret nicht weniger als für Walter, der in gewissem Sinne auf der anderen Seite des Spiegels steht. Als hemmungslos überzeichnete Parodie dessen, was sich eine breite Öffentlichkeit unter dem Klischee des wahnsinnigen Künstlers vorstellt, trägt er vermutlich mehr zum Erfolg der Marke „Keane“ bei als die Bilder seiner Frau.

Big Eyes

Big Eyes

Und so gehört ihm in Wahrheit auch der Film. Christoph Waltz legt ihn durchweg als Karikatur an und gibt dabei mächtig Gas. Breites Grinsen (die markante obere Zahnreihe), große Gesten, Minenspiel wie aus einem Cartoon – subtil ist hier nichts. So wie Walter seine Frau Margaret fegt auch Waltz seine Filmpartnerin Amy Adams und ihr zurückhaltend vielschichtiges Spiel völlig beiseite und hält das Geschehen über weite Strecken unbehelligt in der Hand. Auch das ein typisches Burton-Phänomen, das bis zu Jack Nicholsons Joker-Show zurückreicht und Figuren wie den verrückten Hutmacher, Willy Wonka und nicht zuletzt den hasserfüllten Schimpansen Thade hervorgebracht hat.

Ob sich Waltz nicht zurücknehmen konnte, wollte oder sollte, darüber lässt sich nur spekulieren, und wo Overacting und Charge beginnen, muss jeder für sich selber entscheiden. Unfraglich ist jedenfalls, dass er dem eigentlich tragisch-düsteren Ehedrama (immerhin wird hier eine Geschichte von Unterdrückung und Ausbeutung erzählt) den überaus entscheidenden komödiantischen Anteil verpasst, der „Big Eyes“ zur Satire auf Kunstmarkt und Populärkultur umdeutet. Ein anderer Regisseur, ein anderer Darsteller hätten das zugrundeliegende Drehbuch möglicherweise auch anders adaptiert.

Und dabei hat es Burton zu großen Teilen den Autoren zu verdanken, dass er hier vielleicht seinen besten, weil untypischsten Film seit „Ed Wood“ vorlegt. Beides Biopics – wenn auch in sehr eigenwilliger Interpretation. Bezeichnenderweise stammen die Vorlagen jeweils aus der Feder von Scott Alexander und Larry Karaszewski, die auch sonst wiederholt ein gutes Gespür für den Umgang mit unkonventionellen realen Charakteren bewiesen haben („Larry Flynt“, „Der Mondmann“).

Doch wo der frühere Film den Blender und den Künstler in einer Person zusammenfließen und am Ende gar triumphieren lässt, trennt „Big Eyes“ die beiden fein säuberlich voneinander und beobachtet, wie sie nach und nach und jeder auf seine Weise ihre Seele verkaufen – doch auch hier gibt es (dem realen Leben sei Dank) ein Happy End. Für die eigentliche Tragik der Blender hingegen muss in beiden Fällen eine Texttafel vor den Credits ausreichen. So korrigiert die Kunst die Wirklichkeit. Im Grunde hat Walter Keane genau das versucht. [LZ]

Big Eyes

OT: Big Eyes (USA/CA 2014) REGIE: Tim Burton. BUCH: Scott Alexander, Larry Karaszewski. MUSIK: Danny Elfman. KAMERA: Bruno Delbonnel. DARSTELLER: Christoph Waltz, Amy Adams, Danny Huston, Terence Stamp, Jon Polito, Jason Schwartzman, Krysten Ritter, Madeleine Arthur, Delaney Raye, James Saito, Elisabetta Fantone, Guido Furlani. LAUFZEIT: 106 Min.

Big Eyes

[Abbildungen: Studiocanal]

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