Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann | KiKA-Serie mit Simon Böer ist ein Highlight im deutschen TV-Einerlei

19. Dezember 2017

Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann

[Lesedauer: ca. 4:35 Minuten]

Wer hätte das gedacht? Alle 100 Jahre wird der Weihnachtsmann ausgetauscht. Ähnlich wie James Bond oder der Papst, halt nur wesentlich später. Eigentlich nachvollziehbar, denn irgendwann machen die rheumatischen Gelenke die Kletterei durch den Kamin einfach nicht mehr mit, und die ständige Reiserei mit einem fliegenden Schlitten birgt im Alter deutliche Risiken (die Konzentrationsfähigkeit lässt nach und Kollisionen mit anderen Flugobjekten werden zunehmend wahrscheinlicher). Ausgerechnet jetzt ist es gerade wieder so weit. Schon bemerkenswert, denn das letzte Mal muss rechnerisch mitten im Ersten Weltkrieg gewesen sein. Aber auch die aktuelle Wahl steht unter keinem guten Stern. Denn im Zeitalter des Cyberterrorismus hackt ein übler Geselle namens Ruprecht das System und krönt sich – ganz ohne Hilfe der Russen – selber zum neuen Weihnachtsmann. Eine ziemliche Katastrophe.

Das Gegenteil einer Katastrophe ist die zugehörige 24-teilige Adventsserie, die seit dem ersten Dezember bei KiKA zu sehen ist und auf geradezu rührende Weise an die Zeiten der großen Weihnachtsmehrteiler des ZDF erinnert (lange her). Der titelgebende Beutolomäus ist der treue Begleiter und beste Freund des Weihnachtsmanns – ach ja, und von Natur aus ein sprechender Geschenkesack. 1997 eigens für den Kinderkanal entwickelt, flackern seine Abenteuer seit zwei Jahrzehnten in unregelmäßigem Turnus über den heimischen Bildschirm. Nachdem er lange Zeit in althergebracht analoger Form von Puppenspielern zum Leben erweckt wurde, erscheint er dieses Jahr erstmals als CGI-Figur. Doch wer ob des Einzugs digitaler Technik ins Kinderprogramm gleich Zeter und Mordio schreien möchte, der möge erstmal einen Blick auf das Ergebnis werfen, das trotz aller Begeisterung für klassisches Puppeteering nicht nur zeitgemäßer, sondern tatsächlich auch noch eine Stufe lebendiger und (es ist, wie es ist) liebenswerter ausfällt.

Das vorweg. Doch zurück zur Geschichte, denn die hat selbstverständlich nicht nur einen Antagonisten zu bieten. Schließlich verspricht uns der Titel ja den „wahren Weihnachtsmann“, und das ist ein vermeintlich unbedeutender Schornsteinfeger – was denn sonst? – aus Berlin, der keinen Grund hat zu glauben, dass es seine Lebensaufgabe sein könnte, alle Kinder des Planeten (naja, des christlichen Teils jedenfalls) einmal pro Jahr mit Geschenken zu beliefern. Dabei heißt er immerhin Sascha Claus und Nomen ist bekanntlich Omen. Also staunt er nicht schlecht, als plötzlich dieser seltsame armlose Kerl aus Jute mitten in seiner Küche steht und ihm eröffnet, dass er, Sascha, der wahre Weihnachtsmann sei. Beutolomäus, das muss man wissen, leuchtet nämlich, wenn er diesem das erste Mal begegnet, und bei Ruprecht (dem übrigens auch Stiefel und Mantel nicht passen) sind die Lampen natürlich ausgeblieben.

Was folgt, ist ein bisschen Buddy-Komödie mit je einem Schuss Scrooge und Capra und „Mein Freund Harvey“ (nur Sascha und seine Nichte Paule können Beutolomäus sehen), bis unser Schornsteinfeger einfach nicht mehr anders kann als einzusehen, dass der Besucher aus der Weihnachtswelt wohl doch recht hat – mal ganz davon abgesehen, dass der frisch rasierte Bart in Sekundenbruchteilen wieder nachwächst und der Appetit auf Zimtsterne unstillbar scheint. Plötzlich gibt es also zwei Weihnachtsmänner, denn der Betrug ist Ruprecht nicht nachzuweisen. Ein Wettbewerb, bei dem drei Aufgaben gestellt werden, soll den richtigen Anwärter ermitteln. Dazu muss jeder unter anderem beweisen, dass er die leckersten Kekse der Welt backen oder es schneien lassen kann (was allerdings, wie man aus „American Gods“ weiß, nicht so schwer ist). Am Schluss trägt derjenige mit dem größten Herz zwar den moralischen Sieg davon, sorgt so leider aber auch für eine völlig unerwartete Wende. Wird die Weihnachtswelt trotzdem noch zu retten sein? Und wieso gibt es dort eigentlich ein wohlgesonnenes Gegenstück zum Necronomicon?

Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann

Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann | Simon Böer, Cloé Heinrich

„Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann“ ist genau das, was all die anderen hochambitionierten Serienversuche des ausgehenden Jahres gerne wären: ein Gewinn für das deutsche Fernsehen und ein schöner Beleg, dass man auch hierzulande originell horizontal erzählen kann, ohne sich dafür bei internationalen Vorbildern bedienen (oder besser: anbiedern) zu müssen. Wo andere Beispiele an den eigenen Ambitionen fast ersticken („Dark“), sich mit dilettantischen Büchern lächerlich machen („You are Wanted“), bemüht in Klischees baden („Zarah – Wilde Jahre“) oder mit dem narrativen Pendant zu Tütensuppe für fassungsloses Fremdschämen sorgen („Weinberg“), macht das Team von WunderWerk („Briefe von Felix“) einfach das, was es am besten kann, ohne sich dabei den Kopf über den Weltmarkt, einen Reputationsgewinn auf dem nächstbesten Fernsehfestival oder gar einen International Emmy zu zerbrechen – nämlich seinem Zielpublikum eine Geschichte zu erzählen, an der es sich erfreuen kann. Ist das denn wirklich so schwer?

Bei Look und Sound hat man nicht gespart oder doch zumindest so gearbeitet, dass alles aufwendiger klingt und aussieht, als man es normalerweise vom hiesigen TV gewohnt ist. Beutos Animation, Textur und Schattenwurf, die Interaktion mit den Darstellern sind so realistisch gelungen, dass er nie als Fremdkörper erscheint, zugleich aber den Charme eines Fantasiewesens beibehält. Der Weihnachtswelt mit ihren drei Elfen (darunter Anna Fischer) mögen ein paar Euro gefehlt haben, aber das fällt nur besonders kritischen Kritikern auf. Am Soundtrack wurde jedenfalls nicht gespart: Giacchino-Schüler Felix Raffel liefert eine symphonische Partitur ab, die sich vor allem im Blech- und Choreinsatz hörbar an Elfman und Horner orientiert. Kriegt man im deutschen Fernsehen (und Kino) sonst auch eher selten zu hören.

Jede Anstrengung wäre jedoch für die Katz, könnten Drehbuch und Figuren nicht mithalten. Denn bei allem Respekt für die sonstigen Bemühungen liegen hier die eigentlichen Stärken von „Beutolomäus“. Die Charaktere mögen mit wenigen Pinselstrichen gezeichnet sein (es ist immerhin eine Kinderserie), geraten aber keineswegs eindimensional. Regisseurin Alex Schmidt und ihr Co-Autor Valentin Mereutza haben in ihrer bereits dritten Zusammenarbeit darauf geachtet, dass die meisten Figuren eine milde Mehrschichtigkeit zeigen können. Selbst Ruprecht, die cartoonartigste Figur, verbirgt hinter wilden Grimassen und ausladenden Gesten eine verletzte Seele – denn natürlich ist alle Gemeinheit nur Ausdruck seiner großen Angst, nicht geliebt zu werden. Björn Harras (bislang hauptsächlich als Soap-Darsteller bekannt) interpretiert den falschen Weihnachtsmann mit wohlkalkuliertem Overacting als kindgerechte Joker-Variante. An seine Seite haben ihm die Autoren als einzige Verbündete und Gesprächspartnerin eine nahe Verwandte von HAL, Gerty („Moon“) und Samantha („Her“) gestellt. Einsamer kann man nicht sein.

Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann | Simon Böer, Constantin von Jascheroff

Das Herz der Geschichte um Freundschaft und Nächstenliebe sind jedoch Beutolomäus selbst – mit großer Hingabe gesprochen von Constantin von Jascheroff – und sein neuer Freund, der wahre Weihnachtsmann Sascha Claus, ein unauffälliger, einfacher Arbeiter mit großen Fehlern im Gepäck und einer plötzlichen Riesenverantwortung auf den Schultern, die er sich nicht ausgesucht hat (so wie nahezu alle Antihelden aus der Feder von Stephen King). Ein trauriger Niemand, der aus eigenem Verschulden den Anschluss an seine Familie verloren hat und dringend ein Wunder braucht (im Grunde ist Ruprecht – wie man es aus allen Superheldenkonstellationen kennt – sein dunkles Spiegelbild). Simon Böer („Herzensbrecher“) legt ihn mit einer feinen Balance aus Tragik und Humor an, ohne dabei das kindliche Publikum zu überfordern. Dem erwachsenen Zuschauer hingegen leuchten vor allem in den stillen Momenten die vielgestaltigen Nuancen auf, die der Schauspieler aus der Figur herausarbeitet. Das ist so überzeugend und im Zusammenspiel mit dem animierten Beuto stellenweise geradezu bewegend (zur Staffelhälfte werden die beiden Freunde schmerzhaft voneinander getrennt), dass man eine Vorstellung davon bekommt, was Böer – der im hiesigen TV-Betrieb ansonsten weitestgehend unter Wert verkauft wird – in vergleichbaren Rollen zu leisten in der Lage wäre.

„Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann“ ist ein echtes Fernseh-Highlight und dort ein Juwel, wo sonst nur Modeschmuck angeboten wird. Ob es eine weitere Staffel mit den gleichen Darstellern geben wird, ist derzeit noch nicht bekannt. Gut vorstellbar wäre allerdings auch eine Fortsetzung in Form eines Kinofilms. Das Format dazu hätte die Serie allemal. [LZ]

P.S.: Alle Folgen stehen noch bis Januar 2018 als Stream in der KiKA-Mediathek bereit.

OT: Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann (DE 2017). REGIE: Alex Schmidt. BUCH: Alex Schmidt, Valentin Mereutza. MUSIK: Felix Raffel. KAMERA: Felix Leiberg. DARSTELLER: Simon Böer, Constantin von Jascheroff, Björn Harras, Cloé Heinrich, Inez Bjørg David, Mirko Lang, Santino Bathe, Anna Fischer, Detlef Bierstedt, Hark Bohm, Gloria Endres de Oliveira, Annette Strasser, Ramona Krönke, Thomas Chemnitz, Milton Welsh. LAUFZEIT: 24 x 15 Min.

Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann

[Abbildungen: KiKA/WunderWerk]

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