Jack Ketchum / Lucky McKee: BEUTERAUSCH (The Woman) | Buchkritik

29. Januar 2012

Ob Annie Wilkes das wohl gefallen hätte? Was das Wiederbeleben eigentlich schon tot geglaubter Fantasiegestalten angeht, ist Stephen Kings leicht aus der Bahn geratene Krankenschwester bekanntlich anspruchsvoll. Gegen billige Taschenspielertricks hat sie etwas. Glaubwürdig muss es vonstatten gehen. Ein Fan von Jack Ketchum wäre sie angesichts von Sujet und Wortwahl zwar wohl nie geworden, doch wie er eine Figur seines Romans „Offspring“ (dt. „Beutegier“) behutsam aus dem Reich der Toten zurückholt, ohne dass man sich als Leser dabei über den Tisch gezogen fühlt (oder wie bei David Morrells bekanntester Schöpfung einfach vor vollendete Tatsachen gestellt wird), damit hätte sie sich möglicherweise anfreunden können.

Gleich mehrere Seiten verwendet Ketchum zu Beginn darauf, das Überleben der namenlosen Wilden, die eigentlich im dichten Kugelhagel eine tiefe Klippe herabgestürzt war und damit aus Sicht des Lesers (aber auch des Autors) das Zeitliche gesegnet hatte, einigermaßen glaubwürdig zu erklären. Es ist Andrew van den Houten und Pollyanna McIntosh zu verdanken, dass die Figur die Folgen von Sturz und Schusswunden gerade noch so verwinden und zum Zentrum eines eigenen Romans und Films werden konnte. Den Regisseur der „Offspring“- Adaption hatte McIntoshs Darstellung so begeistert, dass er eine Menge Franchise-Potential witterte und sich so den Anweisungen der Vorlage und des Drehbuchs (das ebenfalls von Ketchum stammte) einfach widersetzte.

In aller Regel geraten derartige Abweichungen eher zum Ärgernis, doch hier erwies sich die Entscheidung als Glücksfall für alle Beteiligten. Lucky McKee, der zuvor bereits bei der Verfilmung von Ketchums Roman „Red“ Regie geführt hatte (jedenfalls bis man ihm das Projekt aus der Hand nahm), war von der Idee genauso angetan wie der Autor selber, und so machten sich beide nicht nur an die Konzeption der filmischen Fortsetzung, sondern schrieben gemeinsam auch gleich den begleitenden Roman.

Wie groß der Anteil McKees dabei gewesen sein mag, kann man nur mutmaßen, denn „Beuterausch / The Woman“ ist Ketchum in Reinform. Stilistisch lassen sich keine Brüche feststellen, und auch die inhaltlichen Vorlieben des (laut Stephen King) furchterregendsten aller Amerikaner dienen der Geschichte als entscheidende Koordinaten. Die verborgenen, ultratiefen Abgründe hinter bürgerlichen Fassaden, Menschen, die in Extremsituationen weit über sich hinauswachsen, das Inferno aus Gewalt und Zerstörung – alles ist in gewohntem Ausmaß da. Nur vom Vorgänger entfernen sich Roman und Film meilenweit. Dass Ketchum in einem ausgedehnten Epilog dafür umso radikaler zu den Ursprüngen seiner Kannibalenmär zurückkehrt, steht auf einem anderen Blatt.

„Beuterausch“ setzt nur zwei Tage nach den Ereignissen des Vorgängers wieder ein und lässt zu Beginn ein paar kurze Erinnerungen an die Vergangenheit der umherstreifenden Wilden aufflackern. Ihre Familie ist vollständig ausgelöscht, das weiß sie, und ihre Wunden bereiten ihr Schmerzen, doch für das Töten eines Wolfs reichen ihre Kräfte noch allemal. Ihr gewohntes Leben in den Wäldern Maines findet allerdings schon bald ein jähes Ende. Kleinstadtanwalt Chris Cleek entdeckt sie per Zufall bei einem Jagdausflug und kann seine Erregung kaum im Zaum halten. Mit einem Trick fängt er die namenlose Frau ein, betäubt sie, schafft sie in den Keller seines Landhauses und legt sie in Ketten.

Domestizieren wolle er sie und sie damit zu einem echten menschlichen Wesen machen. So erklärt er es seiner Familie. Die mag zunächst zwar ganz unterschiedlich reagieren (die hörige Ehefrau schweigt, der pubertierende Sohn wird von sexuellen Fantasien übermannt, die jüngste Tochter zeigt verhaltenen Widerstand), doch am Ende fügen sich alle und folgen seinen Anweisungen. Die Namenlose allerdings übt auf alle Beteiligten eine ganz eigene Wirkung aus, und die hat es in sich. Bald schon lassen sich die Emotionen nicht mehr im Zaum halten, und die Situation eskaliert.

Es dauert nicht lange, bis die Geschichte einen immensen Sog entwickelt und in einer Form Fahrt aufnimmt, die sich zu Beginn kaum erahnen lässt. Die Unterschiede zum Film sind marginal, doch das muss wenig wundern, denn Roman und Drehbuch entstanden zur gleichen Zeit. Der Natur der Sache gemäß erlaubt die Prosafassung einen tieferen Einblick in Seelenleben wie Gedankenwelt der einzelne Figuren und schafft so vor allem zur jüngeren Tochter Darleen eine größere Nähe. Der unerwartete Vorsprung der Buchversion liegt jedoch in einem Epilog , der die Geschichte ein Jahr nach den Ereignissen noch einmal aufgreift und eine andere Perspektive einnimmt.

Der auktoriale Erzähler weicht dort einer fiktiven Figur, die in Form eines geheimem Tagebuchs über ihr grauenvolles Schicksal berichtet. Leser des Vorgängerromans werden angesichts des Titels vermutlich aufmerken, denn „Das Vieh“ war dort bereits ausführlich Gegenstand und hatte zudem schon vor der Veröffentlichung für Kontroversen gesorgt. 1991 hatte Ketchum die Problematik in einem Essay verarbeitet und Elemente aufgezählt, die es (allerdings mit seinem Einverständnis) nicht in die publizierte Fassung des Romans geschafft hatten. Dass er eben diese jetzt in seinen Epilog eingebaut hat und umso genüsslicher zelebriert, spricht für einen Autor, dem vorzuschreiben, was er zu unterlassen hat, völlig sinnlos ist, denn früher oder später tut er es ja doch.

Das war übrigens schon im Rahmen der Entstehung von „Offspring“ so. Der Roman selber hatte sich in gewissem Sinne als verspätete Reaktion auf zahlreiche Eingriffe in Ketchums Debüt „Off Season (dt. Beutezeit)” ergeben. 1980 waren nicht nur der explizite Umgang mit Gewalt, sondern auch der radikale Verzicht auf eine einigermaßen versöhnliche Auflösung unangenehmes Neuland für das literarische Genre-Umfeld. Der Verlag drängte Ketchum zu einschneidenden Änderungen mit dem Versprechen, auf diese Weise größere Stückzahlen verkaufen und den Autor über Nacht zu einem wohlhabende Mann machen zu können. Nichts davon trat ein, und der Roman verschwand für elf Jahre von der Bildfläche.

„Offspring“ griff das Sujet erneut auf und bot inhaltlich eine über weite Strecken clevere, mit einem ironisch anmutenden Finale ausgestattete Variation des nicht mehr erhältlichen Originals (und nutzte bereits damals den Survivaltrick, der später „The Woman“ erst ermöglichte). Für Ketchums Strategie war der Ansatz ideal gewählt, denn was er mit dem Buch eigentlich erreichen wollte, war die Neuauflage seines Erstlings, und das bestenfalls in einer Version, die der ursprünglichen Fassung möglichst ähnlich war. Sein Plan ging auf, die Fortsetzung wurde zu einem Bestseller, und der Verlag zeigte sich im Zuge des Erfolgs mehr als gewillt, den Vorgänger umgehend nachzuschieben. Und das inklusive eines desillusionierenden Endes, wie es sich der Autor ursprünglich ausgedacht hatte.

„Beuterausch / The Woman“ erscheint drei Jahrzehnte nach Ketchums erstem Besuch bei den Kannibalen von Maine. Ob er ein viertes Mal bei ihnen vorbeischaut (so ließ er uns im Interview wissen), hängt davon ab, ob ihm und seinem Co-Autor Lucky McKee noch einmal eine Geschichte einfällt, die genauso „kraftvoll und ungewöhnlich“ ist wie diese. Zuzutrauen wäre es ihnen. [LZ]

Jack Ketchum, Lucky McKee:
Beuterausch (The Woman) | Das Vieh (The Cow)
Heyne Hardcore, ISBN 978-345367615-2

Jack Ketchum:
Beutegier (Offspring)
Heyne Hardcore, ISBN 978-345367562-9

Jack Ketchum:
Beutezeit (Off Season)
Heyne Hardcore, ISBN 978-345367507-0

Weiterführende LINKS zu diesem Beitrag:

follow @screenread on twitter

Hinterlasse eine Antwort