Caesar und Lampedusa: Was bleibt von der 66. Berlinale?

23. Februar 2016

Berlinale 2016

In gewissem Sinne hielt sich Dieter Kosslick im 15. Amtsjahr an die beiden entscheidenden Regeln für solide Sequels: die Fans nicht verstören, die Neueinsteiger nicht verwirren, leidlich unterhalten. Glamour zum Auftakt, Politik zum Abschluss und zwischendurch die nackte Rückansicht von Jurymitglied Lars Eidinger. Zum Aufreger taugt nichts davon, aber wie soll ein Filmfestival heute auch noch ernsthaft die Gemüter erregen? Das gelang nicht einmal im Vorjahr als Jafar Panahi für „Taxi“ ausgezeichnet wurde und man damit (einmal mehr) Position gegen staatliche Zensur bezog. Vorhersehbare Entscheidungen sind nun einmal selten mutig.

Diesmal also Bootsflüchtlinge. Den Goldenen Bären konnte man sich bereits an fünf Fingern abzählen, als Gianfranco Rosis „Fuocoammare“ erstmals über die Leinwände am Potsdamer Platz flimmerte. Damit wir uns nicht falsch verstehen, gegen die Dokumentation über den Alltag auf Lampedusa ist nichts einzuwenden. Auch seine Auszeichnung geht selbstverständlich völlig in Ordnung. Dass die Preisvergabe der Berlinale aber mittlerweile so voraussehbar ist wie die Oscarverleihung, stimmt nicht gerade enthusiastisch.

Wer Bedarf nach weiterer Ernüchterung hat, sollte noch einmal einen Blick auf Kosslicks Grußwort im diesjährigen Programmheft werfen: „Deutschland 1951. Ein Land voller Flüchtlinge. Noch unter dem Eindruck des Krieges, des Holocausts und der Millionen Menschen auf der Flucht, werden am 6. Juni die ersten Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet. [...] Filme und Festivals sind immer auch Seismographen, Diskurs und Spiegel der Realität. Künstler reflektieren audiovisuell die Welt. Und die ist in Bewegung, im Wortsinn: Millionen von Menschen sind auf ‚Wanderschaft’. Nicht freiwillig.“

Thema und Krönung dieser Berlinale waren offenbar frühzeitig mehr oder weniger beschlossene Sache. Denn: Kino ist schließlich wahnsinnig politisch, irre aktuell und will so richtig was bewegen. Das kann man wahlweise wie ein Mantra vor sich herbeten oder mit Auszeichnungen belegen. Unterstützend schauten George Clooney und Ehefrau zum Kaffee bei einer Gruppe syrischer Flüchtlinge vorbei (auch zur Imagepflege sehr brauchbar). Kann man alles gut finden. Oder fürchterlich nervig.

Clooney markiert aber auch den anderen Pol des Festivals, als alberner Schauspieler-Schauspieler in „Hail, Caesar!“. Mal wieder war es ein Film der Coen-Brüder, mit dem die Berlinale-Show glamourlastig und gänzlich unpolitisch eingeläutet wurde. Schließlich, und da muss noch einmal Kosslicks Begrüßungstext herhalten, ist ein Festival „auch immer eine Feier der Kunst und des Handwerks“ – „Ach was?“, möchte man hinzufügen. Da kam die Insider-Komödie über Hollywoods Goldene Ära wie gerufen. Aber es wäre sich ganz bestimmt auch eine gute Begründung drin gewesen, hätten die Coens wieder einen Western abgeliefert (wie eben „True Grit“, der das Festival 2011 eröffnete).

Mit seiner entspannten Vorhersehbarkeit aus typischen Coen-Ingredienzien passte „Caesar“ perfekt ins allgemeine Wohnzimmerfeeling des Festivals selber: Goldener Ehrenbär (mit Werkschau) an Michael Ballhaus, die Goldene Ehrenbärin Meryl Streep als Jurypräsidentin, Berlinale Kamera für Tim Robbins (hat immerhin auch irgendwann mal politisches Kino gemacht), 30 Jahre Teddy Award mit gleich zwei Filmen der letzten Oktober verstorbenen Chantal Akermann, ein weiterer digital restaurierter Fritz-Lang-Klassiker („Der müde Tod“) und 1 ¾ mehr oder weniger deutsche Beiträge im Wettbewerb („24 Wochen“ sowie die Co-Produktionen „Jeder stirbt für sich allein“, „Alles was kommt“ und „Soy Nero“). Will man sich da beschweren?

Die großen Entdeckungen blieben aus. Das über 480-minütige Schwarzweiß-Rätsel „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ aus den Philippinen – der längste Film, der je auf der Berlinale gezeigt wurde – ging immerhin mit einem der insgesamt sieben (!) Silbernen Bären nach Hause. Die starbesetzte britisch-amerikanische Produktion „Genius“ widmete sich Tom Wolfes Lektor Max Perkins. Und Doris Dörrie landete mit „Fukushima, mon Amour“ lediglich in der Panorama-Sektion. Der vielleicht skurrilste Beitrag stammte aus Rumänien und ließ Bobby Ewing (der echte Patrick Duffy!) nach seinem Serientod im „Hotel Dallas“ in Slobozia erwachen. Im Wettbewerbsprogramm wäre das mal eine echte Überraschung gewesen. [LZ]

[Abbildung: © Berlinale]

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