Backcountry – Gnadenlose Wildnis | Filmkritik

12. Juli 2015

Backcountry

Irgendwo in der kanadischen Wildnis gestrandet, orientierungslos und ohne Handy, streift ein Pärchen durch das Jagdrevier eines hungrigen Bären. Vermeintlichen Schutz finden sie nur im abendlich aufgeschlagenen Zelt. Und als ob das nicht schon genug wäre, gibt es da vielleicht auch noch einen zwielichtigen Fremden, der den beiden ans Leder will. So ist die Lage. Dabei hatte der Ranger sie noch gewarnt, die vorgeschriebenen Pfade nicht zu verlassen. Doch Brad hatte seiner Jenn unbedingt einen Ort aus seiner Kindheit zeigen wollen und war überzeugt, den Weg genau kennen. Wir hingegen, geübte Zuschauer, die wir sind, hätten ihm sagen können, dass sein Plan nicht aufgehen wird.

Und da stehen wir auch schon vor einem der Kernprobleme dieses an sich ordentlich gemachten Langfilmdebüts des kanadischen Schauspielers Adam MacDonald („Being Erica – Alles auf Anfang“), denn sein Survival-Thriller ist über weite Strecken hinweg recht vorhersehbar und überraschungsfrei. Das wäre verzeihlich, würde er im selbstgesteckten Rahmen die Spannungsschraube gehörig anziehen, doch auch das bleibt eher aus und hat nicht zuletzt damit zu tun, dass einem die beiden Hauptfiguren weitestgehend egal bleiben.

Da ist zum einen Jenn (Missy Peregrym aus „Reaper“ und „Heroes“), die dem Trip von Anfang an skeptisch gegenübersteht, mit der Wildnis-Obsession ihres Freundes wenig anfangen, sich aber gegen ihn nicht durchsetzen kann (nicht einmal, wenn er im Autoradio Musik spielt, die sie albern findet) und ernsthaft die unfassbare Dummheit begeht, einen völlig Fremden mitten im Nirgendwo ans gemeinsame Lagerfeuer einzuladen. Und dann Brad (Jeff Roop aus „Heartland – Paradies für Pferde“), der offenbar von Minderwertigkeitskomplexen beherrscht wird und – ab einem bestimmten Punkt wider besseren Wissens – unbedingt beweisen muss, dass er den Weg durch die Wildnis auch ohne Karte findet.

Backcountry

Nein, es gibt wenig Anlass, diese Figuren zu mögen. Erst als sie sich gegenseitig eingestehen müssen, dass sie völlig verloren sind, öffnet sich die Mitleidstür einen Spalt. Dass MacDonald dafür aber das abgetragenste aller Genreklischees aus dem Hut zaubern muss, ist praktisch unverzeihlich: Brad hat Jenn nämlich nur in die Wildnis geschleppt, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Den Ring hat er in der Tasche, natürlich, wie alle Klammeraffen, die danach mit untrüglicher Sicherheit Opfer des Schlitzers, Monsters, Meteoriteneinschlags oder Weltuntergangs werden. Das ist Naturgesetz.

Und doch will und darf man nicht zu harsch urteilen, denn „Backcountry“ ist trotz allem kein schlechter Film, zumal er aus seinen geringen Mitteln eine Menge herausholt. Die Story kommt ohne merkliche Längen aus, der Look ist vorzeigbar und die Leistung der Schauspieler solide (inklusive der beiden „Haven“-Alumni Eric Balfour und Nicholas Campbell, die wohl in erster Linie für Aufmerksamkeit sorgen sollen). Der unvermeidliche Angriff des Bären gelingt MacDonald erstaunlich gut und gnadenlos. Als der Film jedoch tatsächlich vielversprechend zu werden scheint, weiß er nicht so recht, was er mit den vor ihm liegenden Möglichkeiten anfangen soll.

Das allerdings ist ein Kennzeichen vieler Filme dieser Art, in denen eine kleine Gruppe in freier Wildbahn ums nackte Überleben kämpft. „Open Water“ mag einem da spontan einfallen oder auch „Frozen“ (also der Seilbahnthriller von Adam Green, nicht das Animationsmusical von Disney). Die Liste ist lang. In der Regel reicht die Grundidee nur für einen halbstündigen Kurzfilm. So auch hier. Ausnahmen wie „Black Water“ bestätigen die Regel und selbst dort müssen sich die Macher angestrengt nach der Decke strecken, um die volle Spielzeit nicht mit Zeitschinderei aufzufüllen.

Immerhin: „Backcountry“ zeigt durchaus eine gute Portion Talent, das MacDonald bei seinem nächsten Projekt hoffentlich weiter ausbauen kann. Wenn er klug und weniger stur als seine männliche Hauptfigur ist, holt er sich dafür einen etwas gewiefteren Co-Autor an die Seite. Alles in allem aber 90 Minuten ansehnlicher Kurzweil-Thrill. [LZ]

Backcountry

OT: Backcountry (CA 2014) REGIE, BUCH: Adam MacDonald. MUSIK: Frères Lumières. KAMERA: Christian Bielz. DARSTELLER: Missy Peregrym, Jeff Roop, Eric Balfour, Nicholas Campbell. LAUFZEIT: 91 Min. VÖ: 10.07.2015.

Backcountry

[Abbildungen: Pandastorm Pictures]

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