Der Babadook | Filmkritik

18. März 2015

Der Babadook

Es ist nur ein Traum, doch wie oft mag Amelia ihn schon durchlebt haben in den letzten sechs Jahren? Als klirrende Zeugen eines schicksalhaften Unfalls segeln ungezählte Glassplitter an ihr vorbei und verleihen den Erinnerungen vermeintlich physische Relevanz, bis der beständige Weckruf ihres Sohnes zu ihr durchdringt und sie in die Gegenwart zurückholt. Später wird sie Glassplitter in ihrer Suppe finden, reale diesmal, für deren Existenz es jedoch keine sinnvolle Erklärung gibt. Und auch sonst wird sich das Trauma vom gewaltsamen Tod des Ehemanns zunehmend manifestieren und Gestalt annehmen. Es hat sogar einen eigenen Namen. Es heißt Babadook.

So oder ähnlich könnte die Lesart aussehen, mit der sich an diesen vielumjubelten Erstling der Australierin Jennifer Kent herantreten lässt. Muss aber nicht. In jedem Fall kommt der Sundance-Liebling mit einer psychologischen Vielschichtigkeit daher, von der die gängigen Blumhouse-Produktionen (oder gar Platinum Dunes), die den amerikanischen Markt seit Jahren beherrschen, nur träumen können. Aber auch was den schleichenden Gänsehautfaktor angeht, steht „Der Babadook“ im gegenwärtigen Horrorkino ziemlich alleine da.

Nein, dies ist keine herkömmliche Gruselei, die es sich mit einer Handvoll an Schreckmomenten, simpler Figurenzeichnung und beliebiger Abzähldramaturgie leicht macht. Wo sonst das Grauen in den mehr oder weniger glücklichen Alltag von Vorstadtfamilien oder Highschool-Kids einfällt, ist Amelias Leben längst von ganz eigenem Horror getragen. Sam, ihr Sohn, der in derselben Nacht geboren wurde, in der sein Vater tödlich verunglückte, ist kein leicht erziehbares Kind – und das ist noch wohlmeinend formuliert.

Renitent, verhaltensauffällig und von der Vorstellung getrieben, imaginäre Monster bekämpfen zu müssen, die hinter ihm und seiner Mutter her sind: So erleben wir den Jungen zu Beginn und es fällt nicht leicht, Sympathie für ihn aufzubringen. Selbstkonstruierte Schusswaffen aus Holz, mit denen er den Fantasiegestalten den Garaus machen will, werden zum Auslöser einer Eskalation, und die Schule will ihm einen festen Betreuer zur Seite stellen. Amelia (übrigens sensationell: Essie Davis) ist entsetzt und behält ihr Kind in aller Hilflosigkeit erst einmal zuhause. Eine Lösung ist das nicht. Im Gegenteil.

Der Babadook

Ein Bilderbuch, das Sam zufällig irgendwo im Haus findet, verschärft die Lage gewaltig. Als er es seiner Mutter in die Hand drückt und sie bittet, es ihm vorzulesen, ahnt der (trailergeschulte) Zuschauer bereits, dass nichts Gutes folgen wird. In verspielter Pop-Up-Technik gestaltet und mit den Reimen und Klischees einer Kindergeschichte lockend, macht sich Seite für Seite das nackte Grauen breit. „Mister Babadook“, ein langfingriges Fabelwesen mit schwarzem Hut und Mantel, sucht jeden heim, der auf sein Klopfen reagiert, und verwandelt sein Leben in die Hölle auf Erden.

Fortan ist der nun vollends verstörte Sam überzeugt, die Kreatur aus dem Buch sei real und müsse getötet werden. Die Folgen sind erschreckend – und das vor allem, weil der Topos selber zu den gewohnten Genre-Standards zählt. Der Babadook ist das Monster im Schrank oder unter dem Bett, von dem die Kinder wissen und an das die Erwachsenen nicht glauben. Selten zuvor aber hat ein Film derart drastisch und realistisch zu zeigen versucht, was der uneingeschränkte Glaube an die Existenz der unbekannten Bedrohung mit der Psyche eines Kindes anstellt. Zumal: Ob der Babadook existiert oder nicht, behält die Geschichte erst einmal für sich.

Und so werden wir weit über das erste Drittel des Films hinweg Zeuge des realen Alptraums einer Mutter, die hilflos miterleben muss, wie ihr Sohn zunehmend unkontrollierbarer wird und sich in Wahnfantasien hineinsteigert, die psychische und physische Folgen nach sich ziehen. Jeder neue Tag wird schlimmer als der vorige. Als letzten Strohhalm lässt sich Amelia Tranquilizer verschreiben, um Sam und nicht zuletzt auch sich selber wenigstens vorübergehend zur Ruhe zu bringen.

Hinzu kommt das alles überschattende Thema des abwesenden Vaters – ein Kapitel, das für keinen der beiden auch nur im Ansatz abgeschlossen ist. Amelia vermeidet das Gespräch über ihn bei jeder Gelegenheit, bittet ihre Freunde gar darum, seinen Namen nicht zu erwähnen. Und Sam, fixiert auf das Monster aus dem Buch, muss sich von seiner Cousine – grausam, wie Kinder eben sind – sagen lassen, dass er es nicht einmal wert sei, einen Vater zu haben.

Der Babadook

Vollends isoliert von allen sozialen Kontakten und finanziell am Rande ihrer Möglichkeiten muss Amelia dann auch noch erkennen, dass die Hirngespinste ihres Sohnes tatsächlich keine sind. Der Babadook existiert und die Ausweglosigkeit ihrer Lage erreicht mit einem Mal einen kaum mehr vorstellbaren neuen Level. Wie der Film diese Erkenntnis in drei mehr als beunruhigenden Schritten erzwingt, gehört zu den absoluten Highlights psychologischen Schreckens.

Als das Monster schließlich auch sichtbar Einzug in Amelias Leben hält, geschieht dies in der denkbar altmodischsten und damit zugleich wirkungsvollsten Weise: Analog. Der konsequente Verzicht auf CGI verleiht dem Babadook eine Glaubwürdigkeit, die kein digitales Bild liefern kann. Direkt scheint er den Scherenschnitten des Pop-Up-Buchs zu entstammen, gänzlich zweidimensional und damit umso unheimlicher. Dass er zudem mit seinen weit auseinanderstehenden Augen und dem noch weiter aufgerissenem Mund eine unübersehbare Ähnlichkeit mit Sam aufweist, hat seine guten Gründe.

Der verstorbene Ehemann, die unbewältigte Trauer, die chronisch drohende Gegenwart von geistigem Verfall (Amelia betreut als Altenpflegerin Demenzpatienten) und Kontrollverlust (die Nachbarin leidet unter Parkinson), schließlich die unaufhaltsam wachsende Belastung durch Sam: Im Babadook kumuliert alles, was Amelias Leben zu einem Alptraum macht und tagtäglich größer und unüberwindlicher wird. Als sich irgendwann ungebremste Aggressionen gegen das eigene Kind richten, ist das vielleicht das beunruhigendste Moment ihrer Mutterschaft – oder von Mutterschaft überhaupt.

Jennifer Kent hat vor allem, aber nicht nur beim Genre-Publikum immensen Eindruck hinterlassen. Basierend auf ihrem eigenen Kurzfilm „Monster“ von 2005 und in kleinem Rahmen per Crowdfunding nachfinanziert, gehört „Der Babadook“ nicht nur zu den wichtigsten Beiträgen des vergangenen Jahres, er ist auch ein weiteres willkommenes Beispiel für die lange Zeit übersehene Bedeutung weiblicher Filmemacher im Horrorkino. Dieses Debüt zu ignorieren, wäre mehr als sträflich. Oder mit den Worten des fatalen Bilderbuchs gesprochen: If it’s in a word, or it’s in a look, you can’t get rid of the Babadook. [LZ]

The Babadook

OT: The Babadook (AU/CA 2014) REGIE: Jennifer Kent. BUCH: Jennifer Kent. MUSIK: Jed Kurzel. KAMERA: Radek Ladczuk. DARSTELLER: Essie Davis, Noah Wiseman, Tim Purcell, Hayley McElhinney, Barbara West, Craig Behenna, Tony Mack, Carmel Johnson. LAUFZEIT: 93 Min.

Der Babadook

[Abbildungen: Capelight Pictures]

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