Axelle Carolyn: IT LIVES AGAIN! Horror Movies in the new Millennium

17. Juni 2010

Axelle Carolyn: It lives again! Horror movies in the new millenium

Blutgetränkt und preisverdächtig: Gerade erst mit dem „Book of the Year Silver Award“ ausgezeichnet, ist Axelle Carolyns detaillierter Blick auf „Horror movies in the new Millennium“ bereits wieder auf dem Weg zur nächsten Auszeichnung (dem British Fantasy Award). Man kann das zwar durchaus erstaunlich finden, doch im Grunde unterstreichen solche Juryentscheidungen lediglich eine zentrale These dieses ebenso gut informierten wie unterhaltsamen Streifzuges durch die weniger familientauglichen Beiträge der jüngeren Filmgeschichte: Das Genre ist längst kein ungeliebtes Kind der Industrie mehr. Horror spiegelt (schon immer) gesellschaftliche Phänomene wider und macht zudem einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor aus.

Derart rosig (oder in diesem Fall eher: blutrot) sah es jedoch nicht immer aus. Im Kino der 90er stand es um Slasher, Untote und Kreaturen aus Hölle und Zwischenwelten weniger gut. Ein Jahrzehnt, das sich gerne modisch-ironisch gab und alles Abgründige mit einem Augenzwinkern kommentierte, schaute auf das Außenseiter-Genre am liebsten mit distanzierter Verachtung herab und sprach ihm (nicht zu Unrecht) jegliche Marktrelevanz ab. In den Jahren nach 9/11 allerdings erwies sich genau diese Verweigerungshaltung schnell als überholtes Phänomen, das den Weg freimachen musste für die ziemlich machtvolle Rückkehr eines totgesagten Genres.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Die Beobachtungen von „It lives again!“ (eine Reminiszenz an Larry Cohens Monsterbaby-Klassiker) brechen zwar etwa nach der Hälfte von 2008 ab (Erstveröffentlichung im Oktober des Jahres), doch die aufgezeigten Tendenzen finden sich – mit Anzeichen einer gewissen Stagnation – auch 2010 noch bestätigt. Im Grundsatz geht es Autorin Carolyn jedoch vor allem um ein Phänomen des Zeitgeistes: „Ich wollte kein Jahrzehnt untersuchen, sondern eine Welle analysieren, die um 2008 herum abzuebben begann.“ Dass ihr Buch nichts desto trotz von vorne bis hinten eine ungehemmte Liebeserklärung an das Genre ist, lässt sich kaum übersehen.

Axelle Carolyn: It lives again! Horror movies in the new millennium

Axelle Carolyn: It lives again! Horror movies in the new millennium

Gelistet nach Jahren, ordnet Carolyn die jeweiligen Produktionen und Subgenres in den gesellschaftlich-politischen Kontext ihrer Zeit ein und zeigt das Auf- und Abebben einzelner Strömungen in Relation zu ihrer wirtschaftlichen Relevanz. Dass der ganz reale Horror dabei nicht nur (wie etwa im Fall der höchst erfolgreichen Welle der Folterpornos) genre-förderlich, sondern auch massiv relativierend wirken kann, belegen einschlägige Beispiele wie „The Descent“.

Die maßgeblichen Bewegungen der untersuchten Periode (J-Horror, Sequels, Remakes, PG-13, Geistergeschichten, Torture-Porn) werden eindringlich beleuchtet und dabei keineswegs lediglich auf die wichtigsten Beiträge reduziert. Ganz im Gegenteil: Carolyns Ansatz versteht sich durchaus (auch) enzyklopädisch. Was produziert worden ist, wird auch andiskutiert, mal mehr, mal weniger ausführlich. Selbst kleinste TV- oder DVD-Premieren, die dem Genre zugerechnet werden können, finden ihre Würdigung. Dass dabei selbst eingefleischte Fans noch so manche Entdeckung machen können, spricht für die Gründlichkeit und detaillierte Sachkenntnis der Autorin.

Aufgelockert wird die (manchmal vielleicht etwas zu pflichtbewusst ausfallende) Abarbeitung aller Produktionen eines Jahres mithilfe zahlreicher persönlicher Stellungnahmen von Filmemachern und Produzenten wie Eli Roth, Mick Garris, Neil Marshall oder (sehr zornig) Adam Mason, die Carolyn im Wesentlichen alle selber interviewt hat. Auffällig ist zudem die große Anzahl von Quellen aus dem Netz (eine Praxis, die hierzulande in wissenschaftlichen Arbeiten noch völlig brach liegt) – ein Beleg dafür, dass die relevante Diskussion des Genres in erster Linie online stattfindet.

Durchweg farbig bebildert und mit einem ausführlichen Index versehen, hat „It lives again!“ das unbedingte Zeug zu einem Standardwerk und sollte für kommende Arbeiten zum Thema ebenso unumgänglich wie wegweisend sein.

Axelle Carolyn: It lives again!
Horror Movies in the new Millennium
Hardcover, 200 Seiten, Format 28,2 x 22,2 x 1,8 cm
Telos Publishing | ISBN-13: 978-1845830205

Axelle Carolyn: It lives again! Horror movies in the new millennium

Über die Autorin: Axelle Carolyn ist eine profilierte Kennerin des Horrorkinos und seiner Macher. In den frühen 2000er Jahren schrieb sie zunächst für Genre-Websites, später für Fachmagazine wie Fangoria, Fantastique, L’Ecran, SFX Magazine, IGN und The Dark Side. Inzwischen arbeitet sie auch als Schauspielerin („Centurion“). Axelle Carolyn ist gebürtige Belgierin und seit 2007 verheiratet mit Filmemacher Neil Marshall.

[Abbildungen © Telos Publishing]

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