Autostop Rosso Sangue (Wenn du krepierst, lebe ich) | Uncut-Fassung erstmals auf dem deutschsprachigen Markt erhältlich

13. Juni 2015

Autostop Rosso Sangue | Wenn du krepierst, lebe ich

Ein einschlägiges Beispiel für Fleiß, Vielfalt und experimentelle Rohheit des italienschen Kinos der 1970er findet endlich seinen unverfälschten Weg ins hiesige Heimkino – wenn auch ohne FSK-Freigabe. Für die Veröffentlichung von „Autostop Rosso Sangue“ (in Deutschland eher unter dem arg spekulativen Titel „Wenn du krepierst, lebe ich“ oder auch als „Der Todes-Trip“ bekannt) zeichnen die rührigen Herrschaften von OFDb Filmworks verantwortlich, deren Klassikerprogramm unter anderem bereits die Vorzeige-Edition von Stuart Gordons „From Beyond“ zu verdanken ist.

Während die wahnwitzige Lovecraft-Adaption jedoch echten Kultstatus genießt, gehört „Autostop“ eher zur langen Liste vergessener Kuriositäten, die sich wieder- oder erstmals zu entdecken lohnen. Denn was da zunächst wie gängige Exploitation-Ware aussieht, erweist sich schnell als überraschend durchdachtes und clever gestricktes Psychogramm, das seinen simplen Genre-Hintergrund nutzt, um den Zuschauer in die Irre und seine Figuren in den Abgrund zu führen. In gewissem Sinne also Haneke ohne Besserwissererei.

Franco Nero und Corinne Cléry (dank der „Geschichte der O.“ damals gerade ein großer Verkaufsschlager) geben ein krisengeschütteltes Ehepaar auf einem Roadtrip durch die USA. Unterwegs nehmen sie – auf Drängen der Frau – einen Anhalter mit (David Hess aus „Last House on the left“), der sich schon bald als Krimineller mit deutlichem Psychoschaden zu erkennen gibt. Gemeinsam soll es über die Grenze nach Mexiko gehen, danach ist das Schicksal der Geiseln ungewiss. Oder wird der Ehemann, ein lausiger Journalist, möglicherweise die Lebensgeschichte des Entführers aufschreiben und dafür mit Geld aus einem Raub fürstlich entlohnt werden, während seine Frau als Sexobjekt dient?

Autostop Rosso Sangue | Wenn du krepierst, lebe ich

Pasquale Festa Campanile heißt der Mann hinter dieser krude klingenden Story, und das dürfte so manchen überraschen. Denn zu den früheren Arbeiten des Filmemachers und Romanciers gehören unter anderem die Drehbücher zu Highlights des Neorealismo wie Viscontis „Rocco und seine Brüder“ oder drei Jahre später gar „Der Leopard“. Kein Wunder also, dass der Film bereits mit dem Opening eine Richtung einschlägt, die kein oberflächliches Handeln ohne gleichzeitige Charakterisierung der Figuren durchgehen lässt.

Walter, der Mann, überdeckt seine tiefsitzenden Minderwertigkeitsgefühle mit rohem Machismo. Eva, die Frau, gibt sich wenig Mühe, ihre Verachtung ihm gegenüber öffentlich im Zaum zu halten, doch wenn er übergriffsartig Sex von ihr verlangt, lässt sie ihn nach anfänglichem Widerstand gewähren und fügt sich (gern?) in ihre Rolle. Im Verlauf der Ereignisse wird offenbar, dass Walter die Tochter seines Chefs geheiratet hat und so in vielfacher Abhängigkeit zu ihr steht. Ein Grund mehr, sie zu hassen.

Gleich zu Beginn nimmt er sie ins Fadenkreuz seines Jagdgewehrs und stellt sich den befreienden Schuss vor – ein Wunsch, der sich nur mit gewaltsamem Beischlaf kompensieren lässt (die geradezu cartoonartige Symbolik bedarf keiner gesonderten Erwähnung). Dass er ihr seinen Tötungswunsch stolz vorexerziert und erklärt, inwiefern die bloße Sextauglichkeit ihr das Leben gerettet hat, ließe sich auf den ersten Blick noch als rüdes S/M-Spiel deuten, doch der Verlauf belehrt eines Besseren. Mit einiger Berechtigung wird man sich zunehmend fragen, was die beiden überhaupt zu einem gemeinsamen Roadtrip getrieben hat.

Autostop Rosso Sangue | Wenn du krepierst, lebe ich

Im klassischen Home-Invasion-Thriller, als dessen Variante „Autostop“ daherkommt, würde die Bedrohung durch die Eindringlinge kathartisch wirken und die entfremdeten Ehepartner wieder näher zusammenrücken lassen. Nicht so hier. Gescheiterte Fluchtversuche führen zu heftigen Auseinandersetzungen (die angesichts der Situation umso absurder anmuten) und das Angebot des Entführers an Walter, diesen für das Verfassen seiner Biografie zu bezahlen, provoziert gar eine Outside-Option ohne Eva. Erst als diese vor den Augen des Ehemanns vergewaltigt wird, scheint der Hass umzuschlagen – oder ist es nur verletzte männliche Eitelkeit, der gemäß kein anderer die eigene Frau benutzen darf? Zumal der Gegenspieler ausgerechnet auch noch Adam heißt und zunehmend fragwürdiger wird, wer hier eigentlich die Schlange im falschen Paradies ist.

Die Pointe, die sich „Autostop“ für den Schluss aufhebt, kommt völlig unerwartet und zeigt auf unmissverständliche Weise, wie wenig sich Campanile hier um klassische Dramaturgie schert, wenn es auch anders geht (was allerdings genausogut der Romanvorlage geschuldet sein mag). Zu seiner Zeit konnte die Kritik wenig mit diesem durchweg kompromisslosen Film anfangen, aus heutiger Sicht erscheinen seine Gewalt- und Sexexzesse eher überschaubar und rücken angesichts der scharfen Charakterzeichnung merklich in den Hintergrund.

Autostop Rosso Sangue | Wenn du krepierst, lebe ich

Nicht zuletzt ist ein differenzierteres Bild aber auch der Leistung Ennio Morricones geschuldet. Wie bei so vielen anderen Beispielen des italienischen und französischen Kinos aus demselben zeitlichen Umfeld, die einen Großteil ihrer Wirkung seinem Zutun zu verdanken haben, ist die Musik über die Jahre hinweg präsenter geblieben als der Film selber. Im Zusammenspiel jedoch erweist sie sich trotz und gerade wegen ihres gnadenlos repetitiven Einsatzes als integraler und unverzichtbarer Bestandteil. Stilistisch weitestgehend im Umfeld von Funk und Fusion angesiedelt, stellenweise geradezu nervös und immer wieder ironisch gebrochen durch den (ebenfalls vom Meister komponierten) Hippie-Song „Sunshine“ verschafft sie der Geschichte einen Resonanzraum, der ihren gesamten narrativen Tonumfang abdeckt.

Eine gesonderte Soundtrack-CD wäre ein willkommener Bonus gewesen, doch auch so macht die aktuelle Digipack-Veröffentlichung (limitiert auf 2000 Stück) einiges her. Neben einer gleich dreisprachigen Version des Films (deutsch, englisch, italienisch) gibt es ein eigens produziertes 85-minütiges Featurette, das zwar nur aus Talking Heads besteht (Franco Nero, Corinne Cléry, David Hess, Neri Parenti), dafür aber Anekdoten satt und aus erster Hand zu bieten hat. Ein 105-minütiger Audiokommentar von Marcus Stiglegger und ein Booklet mit einem Essay von Christian Kaiser runden die Sache ab. Lediglich die deutsche Untertitelung bereitet Kopfzerbrechen und beruht streckenweise offenbar auf großzügiger dichterischer Freiheit. [LZ]

OT: Autostop Rosso Sangue (IT 1977) REGIE: Pasquale Festa Campanile. BUCH: Pasquale Festa Campanile, Ottavio Jemma, Aldo Crudo. MUSIK: Ennio Morricone. KAMERA: Franco Di Giacomo, Giuseppe Ruzzolini. DARSTELLER: Franco Nero, Corinne Cléry, David Hess, Joshua Sinclair, Robert Sommer, Ann Ferguson, Benito Pacifico, Fausto Di Bella, Luigi Birri. LAUFZEIT: 100 Min (DVD), 105 Min (Blu-ray). VÖ: 05.06.2015.

Autostop Rosso Sangue | Wenn du krepierst, lebe ich

[Abbildungen: OFDb Filmworks (Cover) | Screencaptures]

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