ATROCIOUS | Filmkritik

13. Dezember 2011

Atrocious

Wer heute immer noch glaubt, dass sogenannte „Found Footage“-Filme auf authentischem Bildmaterial beruhen, dem ist schlichtweg nicht zu helfen. Ganz anders sahen die Dinge noch in den frühen 80ern aus, als Ruggero Deodato für seinen berüchtigten Fake-Snuff „Cannibal Holocaust“ eiskalt hinter Gittern landete. Die italienische Justiz hatte die Geschichte über eine Gruppe von Dokumentarfilmern, die am Amazonas angeblich einem Stamm von Kannibalen zum Opfer gefallen waren, allen Ernstes für real gehalten und den Autor des mehrfachen Mordes bezichtigt. Die Strategie der Verteidigung fiel denkbar einfach aus, denn alles, was man tun musste, war die Schauspieler vor Gericht auftauchen zu lassen.

Drei Jahrzehnte später ist eine derartige Überreaktion kaum mehr nachzuvollziehen. Nichts desto trotz kamen die Macher von „Paranormal Activity“ auch acht Jahre nach „The Blair Witch Project“ (konzeptionell betrachtet übrigens eine schamlose Kopie von Deodatos Film) eine Weile lang damit durch, das gezeigte Material zumindest im Ansatz glaubhaft als real zu verkaufen. Aber warum auch nicht? In Zeiten, da niemand mehr so genau zwischen Scripted Reality, aufrichtiger Dokumentation und teilmanipulierter Zwischenform nach dem Vorbild eines Michael Moore unterscheiden kann, ist das Spiel mit dem Zweifel durchaus reizvoll.

„Atrocious“, das Langfilmdebüt des Mexikaners Fernando Barreda Luna, geht allerdings einen anderen Weg und begreift „Found Footage“ bewusst als eigenständiges Subgenre, dessen Möglichkeiten und Grenzen er über weite Strecken überraschend virtuos auslotet. Dass die Form dabei über den Inhalt regiert, liegt weniger an der arg dünnen Geschichte, als vielmehr am Willen des Filmemachers, Spannung und Schrecken ausschließlich mithilfe der stark eingeschränkten technischen Rahmenbedingungen zu erzeugen. Wie überzeugend ihm das über weite Strecken gelingt, kann durchaus beeindrucken.

Christian und July, die beiden älteren von drei Kindern der Quintanilla-Familie, beschließen, die langweilige Zeit, die sie mit ihren Eltern auf deren Landsitz in Sitges verbringen (bezeichnenderweise auch Spielort eines der größten europäischen Genre-Festivals), durch ein Videoprojekt zu überbrücken. Sie filmen sich gegenseitig dabei, wie sie der Legende eines ermordeten Mädchens nachspüren, das als Geist durch die Wälder spuken soll. Strengstens verboten (warum auch immer) ist ihnen dabei allerdings das Betreten eines riesigen Heckenlabyrinths, das an das Grundstück der Familie grenzt. Dass sich die beiden nicht daran halten, liegt auf der Hand. Doch die Folgen könnten kaum fataler sein.

Dass die Handkamera dabei überhaupt als durchgängiges Handlungselement möglich wird, verlangt vom Zuschauer, wie so oft in diesem Umfeld, ein gewisses Einverständnis. Im Gegensatz zum spanischen Zombie-Schocker „[REC]“ oder Adam Rifkins raffinierter Überwachungssatire „Look“ muss ein Behelfskonstrukt herhalten, dass vor allem gegen Ende nur noch bedingt nachvollziehbar ist – aber daran darf man sich nicht wirklich stören, denn das Resultat spricht für sich.

„Atrocious“ reizt vor allem die klaustrophobischen Seite des Kamerablicks aufs Äußerste aus und sorgt so dafür, dass sich die Hilflosigkeit der Figuren praktisch verlustfrei auf den Zuschauer überträgt. Etwa ein Drittel des Films spielt sich zudem in völliger Dunkelheit ab, so dass es für Publikum wie Charaktere gleichermaßen lediglich mithilfe des Nachtsichtfunktion etwas zu sehen gibt. Für zusätzliche Orientierungslosigkeit sorgt der gänzlich unüberschaubare Irrgarten (selbstverständlich eine offene Reminiszenz an Kubricks „Shining“), in dem sich die Protagonisten heillos verlaufen, während hinter jedem Baum und Strauch eine unbekannte Gefahr lauern könnte.

Einen einzigen Vorsprung hat der Zuschauer jedoch, und der erlaubt dem Film eine vergleichsweise ausgedehnte Vorbereitungsphase. Zu Beginn gibt es nämlich bereits einen Blick auf die letzten Sekunden des vermeintlich von den Geschwistern aufgezeichneten Materials zu sehen, und das lässt nichts Gutes erahnen. Der Trick ist, wie vieles in „Atrocious“, recht simpel, aber deswegen nicht weniger effektiv.

Nach knappen 70 Minuten (der deutschen Fassung, die deutlich kürzer ausfällt als das spanische Original) ist die Geschichte zwar schon zuende erzählt, doch mehr braucht es auch nicht, und das Finale erweist sich als drastisch genug, um einen bleibenden guten Eindruck zu hinterlassen. Für ein demnächst bereits anstehendes US-Remake reicht es in jedem Fall aus. [LZ]

OT: Atrocious (ES/MX 2010). REGIE: Fernando Barreda Luna. BUCH: Fernando Barreda Luna. KAMERA: Ferrán Castera Mosquera. DARSTELLER: Cristian Valencia, Clara Moraleda, Chus Pereiro, Sergi Martin, Xavi Doz, Jose Masegosa. LAUFZEIT: 71 Minuten (OV 82 Minuten).

[Abbildungen: Senator Home Entertainment GmbH]

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