Arteholic | Filmkritik

30. August 2014

Arteholic | Udo Kier

Udo Kier ist leicht verspätet. Seine Verabredung, ein Pamela-Anderson-Double (das es freilich nur von hinten zu sehen gibt), wartet bereits und sagt kein Wort. Treffpunkt ist die Kölner Traditionsbrauerei „Früh“. Wo das Essen denn bleibe, will Kier wissen. Kaum gefragt, kommt es auch schon. „Suhrbrode“ (Sauerbraten), so bekommt die Blondine zu hören, nenne der Kölner das Gericht, wohl des Essigs wegen. Und Klöße, das seien halb gekochte, halb rohe Kartoffeln, die aussehen wie Tennisbälle. Dann aber zum eigentlichen Thema: Kunst und dass Kier den Künstler an sich doch schon immer beneidet habe. Schauspieler, die bräuchten Licht und Sound und allerlei Technik. Malen ließe sich hingegen immer und überall. Zum Beispiel mit Sauerbraten. Demonstration gefällig? Kommt sofort.

So oder ähnlich funktioniert „Arteholic“, Hermann Vaskes wundersame neueste Forschungsarbeit zum Themenkomplex Kreativität, Kunst und Spieltrieb. Wer allerdings eine geradlinige Dokumentation erwartet oder auch nur einen einigermaßen wertfreien Blick, ist gänzlich im falschen Film und hält sich auch sonst besser von Vaskes Arbeiten fern. Inszenierung ist Teil der Beobachtung und vielleicht auch ihr Ergebnis (oder eher ihre Vorgabe?). Überschüttet mit Preisen, hat Vaske längst sein eigenes Genre etabliert – eine Eigenheit, die er sich mit Udo Kier teilt. Kein Wunder also, dass die beiden irgendwann einmal zusammenfinden mussten.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Dies ist – auch wenn er in praktisch jeder Einstellung zu sehen ist – kein Film über den stets mit leichtem rheinischem Akzent parlierenden Weltstar, der einst eine WG im (sozial mehr als bedenklichen) Kölner Stadtteil Ostheim bewohnte. Hier fungiert Kier als Protagonist zwischen realem und fiktivem Ich, als Moderator im weiteren und Patient im engeren Sinne. Zu Beginn gibt es den selbsterklärten Arteholic am Tropf zu sehen. Phosphorrot leuchtend fließt Kunstblut oder wahlweise „Kunst-Blut“ in seine Adern, bis sie irgendwann einmal platzen. Später / früher wird er bei Nikolaus Hirsch, dem (mittlerweile ehemaligen) Rektor des Städelschule, auf der Couch liegen und von seiner Abhängigkeit erzählen: Je mehr Kunst er konsumiere, umso mehr wolle er haben. Gier reimt sich auf Kier.

Arteholic | Udo Kier

„Arteholic“ lässt sich als Roadmovie lesen, in dem alle Stationen, die der Protagonist bereist (6 wichtige europäische Museen, eine Galerie und ein Atelier), zugleich auch eine Reise in die eigene Vergangenheit und Befindlichkeit ausmachen – wenn auch nicht unbedingt so ganz ernst gemeint. Immer wieder begegnet er sich selbst als Kunstobjekt, Model oder Performance Artist. Die Menschen, die er trifft, sind alte Weggefährten oder solche, mit denen sich über alte Weggefährten plaudern lässt:

In der Bonner Bundeskunsthalle umarmt er Marcel Odenbach, im Kölner Museum Ludwig tauscht er mit Rosemarie Trockel Hundeanekdoten aus, teilt sich mit Marc Brandenburg einen Teller Pommes und schaut sich mit Jonathan Meese (die unvermeidliche Mutter im Schlepptau) „Iron Sky“ an. Zwischendurch liefert er skurrile Interpretationen von Schillers „Glocke“ ab, klaut mit diebischem Grinsen einen Campbell-Suppenkarton, stellt sich in Christo-Verpackung vor den Reichstag und zerstört mit Genugtuung ein Selbstbildnis. Wenn er Lars von Trier in Kopenhagen besucht, sitzen die beiden stumm am Tisch und lesen Zeitung: Kier die Süddeutsche und von Trier den Focus. Der Künstler ist anwesend.

Arteholic | Lars von Trier, Udo Kier

Kier geht immer, egal wo, egal mit wem. Überall schon mal gewesen, jeden schon mal getroffen, vor allen Kameras und leeren Leinwänden schon gestanden. Die Haltung dazu: stets entspannt und selbstironisch. In Paris bekommt er eine billig ausgedruckte Kopie eines Fotos geschenkt, das Robert Mapplethorpe in jungen Jahren von ihm geschossen hat. „Früher erotisch, heute neurotisch“, kommentiert er die Aufnahme und zieht von dannen. An das monumentale Live-Videoprojekt „Spiritisme“, das Guy Maddin mit ihm und anderen Größen wie Charlotte Rampling, Mathieu Amalric und Géraldine Chaplin zu Ehren verloren gegangener Stummfilme 2012 im Centre Pompidou inszenierte, erinnert er sich unter anderem der vielen Schaulustigen wegen, die ihn fotografierten, während er im Bett lag.

„Arteholic“ ist Museumsbesuch, Anekdotensammlung, Personality-Show, Doku und Kindergarten in einem. Leichtfüßig und bunt, improvisiert und inszeniert, ungeachtet seines roten Fadens durchaus collagenhaft. Am Ende aber vor allem ein Plädoyer für die Liebe zur Kunst, trotz und wegen und überhaupt. Wer nach diesem Film nicht dringend einmal wieder ins Museum will, dem ist nicht zu helfen. [LZ]

OT: Arteholic (DE 2014) REGIE: Hermann Vaske. BUCH: Hermann Vaske. MUSIK: Blixa Bargeld, Teho Teardo. KAMERA: Patricia Lewandowska. MITWIRKENDE: Udo Kier, Rosemarie Trockel, Marcel Odenbach, Udo Kittelmann, Marc Brandenburg, Jonathan Meese, Nicolette Krebitz, Max Hollein, Tobias Rehberger, Nikolaus Hirsch, Philip Kaiser, Xaver von Mentzingen, Bernard Blistene, Lars von Trier. LAUFZEIT: 85 Min.

Arteholic | Udo Kier

[Abbildungen: Camino Filmverleih]

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