Annabelle | Filmkritik

03. Oktober 2014

Annabelle

Einen erbärmlichen Langeweiler muss sich das ohnehin schon gefrustete Mädchen mit den mausgrauen Haaren aus David Bowies „Life on Mars“ auf der Leinwand anschauen. Denn was auch immer da geboten wird, sie hat es schon mindestens zehnmal zuvor gesehen. Ein ähnliches Urteil hätte sie vermutlich auch über dieses Spin-off des leidlich unheimlichen Gruslers „The Conjuring“ unter der allzeit verlässlichen Regie von James Wan („Saw“) gefällt. Wer es hingegen gerne hat, wenn seine Erwartungen durchweg erfüllt werden, ist mit „Annabelle“ gut bedient. Formelhafter bekommt nicht einmal Marvel einen kalkulierten Kassenerfolg zustande.

Das Leben von John und Mia könnte 1969 kaum perfekter und bürgerlicher sein: Er hat einen sicheren Job im örtlichen Krankenhaus, sie kann entspannt im hübschen Vorstadthäuschen schwanger sein, sich Umstandskleider nähen, Puppen sammeln und den ganzen Tag fernsehen. Die Reportage über Charles Manson, die gerade läuft, solle sie sich aber besser nicht ansehen, mahnt er fürsorglich. Das idyllische Leben findet mit einer gewaltsamen Satanisten-Attacke auf Mia ein jähes Ende. Die junge Frau überlebt, doch fortan geschehen merkwürdige Dinge im Haus. Könnte es sein, dass eine ihrer Puppen von Dämonen besessen ist und es auf ihr Baby abgesehen hat?

Nun, wir nehmen die Antwort mal vorweg: Ja, kann es. Wer den Vorgängerfilm gesehen hat (was ansonsten aber zum Verständnis nicht nötig ist) weiß bereits, was es mit „Annabelle“ auf sich hat, wird sich aber auch unabhängig davon fragen, warum eine angehende Mutter eine derart hässliche Puppe nicht nur unbedingt haben will, sondern auch noch im erwartungsvoll hergerichteten Kinderzimmer unterbringt.

Bald also knarzen die Dielen, fliegen Türen wie von Geisterhand zu und das zweibeinige Spielzeug wechselt seinen Sitzplatz, ohne dass es jemand in die Hand genommen hätte. Als die ersten Anzeichen paranormaler Aktivitäten auftauchen, muss der Ehemann (selbstverständlich) für ein paar Tage verreisen und Mia ist (vermeintlich) alleine im Haus. Annabelle wird entsorgt und taucht unerklärlicherweise kurz darauf wieder auf. Und als sich ein Priester ihrer annehmen will, ist es nur eine Frage der Zeit, bis passiert, was eine solche Konstellation eben hergibt, wenn man sich am Standard orientiert. Und auch sonst kann man jede Entwicklung, jeden Schreckmoment, jede Wende meilenweit kommen sehen.

Annabelle

Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: „Annabelle“ ist keine B-Produktion, sondern versammelt vor und hinter der Kamera qualitativ gute bis sehr gute Leistungen. Der Look ist exzellent, die Regie versiert, jede Darstellung solide und im Fall von Annabelle Wallis (ob sie nach ihrem Vornamen besetzt wurde?) sogar recht beeindruckend. Doch das Endresultat könnte kaum überraschungsfreier ausfallen. Hier gibt es nichts, das nicht vorher auf den Kassenerfolg hin kalkuliert worden wäre.

Das ließe sich noch hinnehmen, wenn die rund 100 Minuten Lebenszeit, die der Film vom Zuschauer abverlangt, wenigstens Figuren zu bieten hätte, die auch nur einen Hauch weniger durchschnittlich wären als die Protagonisten. Konflikte untereinander kennt das Paar nicht, Abgründe sind ihm fremd und über seine Vergangenheit erfahren wir nichts. Autor Gary Dauberman (abseits von zwei TV-Filmen bislang ein weitestgehend unbeschriebenes Blatt) hat die beiden so angelegt, dass sich die gesamte weiße Mittelschicht der westlichen Hemisphäre mit ihnen identifizieren kann.

„Annabelle“ ist Blaupausenkino in Reinform. Dem Subgenre des Puppenhorrors fügt der Film jedenfalls nichts hinzu und mit dessen besseren Vertretern („Magic“, die „Chucky“-Reihe oder James Wans eigenem Beitrag „Dead Silence“) kann er sich ohnehin nicht messen. Doch selbst Gurken wie „Triloquist“ oder „Dolly Dearest“ machen mehr Spaß. Dass man sich die Möglichkeit eines Sequels gegen Ende offen hält, versteht sich von selbst. [LZ]

P.S.: Im Gegensatz zu „The Conjuring“ liegt hier zwar keine (vermeintlich) reale Geschichte zugrunde, wohl aber sind einige wenige Elemente aus den Aufzeichnungen des Dämonologenpaars Ed und Lorraine Warren in den Film eingeflossen. Eine lesenswerte Analyse der Hintergründe findet sich auf historyvshollywood.com.

Annabelle

OT: Annabelle (USA 2014) REGIE: John R. Leonetti. BUCH: Gary Dauberman. MUSIK: Joseph Bishara. KAMERA: James Kniest. DARSTELLER: Annabelle Wallis, Ward Horton, Tony Amendola, Alfre Woodard, Kerry O’Malley, Brian Howe, Eric Ladin. LAUFZEIT: 98 Min.

Annabelle

[Abbildungen: Courtesy of Warner Bros.]

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