ANGER MANAGEMENT: Charlie Sheen light | Ein Blick auf Staffel 1

29. Mai 2013

Anger Management

Immer wieder im Verlauf der ersten Staffel dient die reale Vorgeschichte dieser ganz auf seinen Hauptdarsteller zugeschnittenen Serie als Grundlage für den einen oder anderen Meta-Scherz. Zur Auffrischung: Nach einer ganzen Reihe öffentlicher Exzesse waren die Pferde mit Charlie Sheen Anfang 2011 gänzlich durchgegangen. Vielleicht unter Drogeneinfluss (vielleicht auch nicht) hatte er sich öffentlich über seine Arbeitgeber ausgelassen, dabei insbesondere wenig Wohlwollendes über „Two and a half Men“-Erfinder Chuck Lorre zu sagen gehabt, und am Ende dafür die Quittung kassiert. Sheen verlor die Hauptrolle in der erfolgreichsten Sitcom der Welt und damit zugleich die Position als bestbezahlter Seriendarsteller der TV-Geschichte.

Was folgte, war eine kurzlebige Personality-Show im Netz („Sheen’s Korner“), eine nicht ganz konzeptsichere Live-Tour, ein selbstironischer „Roast“ bei Comedy Central und natürlich der Serientod bei den „Men“ inklusive Neubesetzung durch den wesentlich jüngeren (und wesentlich blasseren) Ashton Kutcher. Sheens Beliebtheit schadete das alles nicht. Lange Zeit hatte sein Alter Ego auf dem Bildschirm ausgiebig vom Badboy-Image des Schauspielers profitiert. Charlie Harper, der trinkfeste Hallodri mit kostspieligem Lebensstil, hohem Frauenverschleiß und schlechter Kinderstube, der keine Gelegenheit ausließ, seinen depressiven Bruder Alan zu erniedrigen, teilte sich mit Sheen keineswegs nur den Vornamen.

Die Fans liebten ihn dafür, denn er bot eine ideale Projektionsfläche und diente als Identifikationsfigur, auch und gerade weil Rolle und Person so nahe beieinander lagen. Vor einem Millionenpublikum den eigenen Boss beschimpfen? Wer würde das nicht insgeheim gerne einmal tun wollen? Sheens Marktwert stand also nie zur Debatte und eine wochenlange Dauerpräsenz im Boulevard tat ihr Übriges. Rasch lag das Angebot für eine neue Sitcom auf dem Tisch, und wieder sollte sie aus dem Ruf ihres Hauptdarstellers inhaltliches wie ökonomisches Kapital schlagen. Der Titel lag auf der Hand: „Anger Management.“

Anger Management

Als die Serie Ende Juni 2012 startete, stellte sie direkt einmal einen Quotenrekord auf und bewog den ausstrahlenden Kabelsender FX dazu, gleich ganze 90 Folgen in Auftrag zu geben. In Deutschland war zunächst eine Ausstrahlung auf VOX angekündigt, jetzt hat jedoch zunächst der neue VOD-Anbieter Watchever zugegriffen und die Produktion zum werbewirksamen Zugpferd einer breit angelegten Markteinführungskampagne gemacht (ein Hin und Her zwischen Bertelsmann und der französischen Vivendi-Gruppe ist für Insider keine Neuheit und ein Deal zur Erstauswertung so wenig überraschend).

Inhaltlich weicht „Anger Managemenet“ weiter von „Men“ ab, als man vielleicht zunächst vermuten würde, und das ist auch ihr erster Bonus. Entgegen anderslautender Gerüchte beruht die Serie zudem keineswegs auf dem gleichnamigen Spielfilm mit Jack Nicholson von 2003, sondern teilt sich mit ihm lediglich den Titel. Sheen spielt einen minder erfolgreichen ehemaligen Baseball-Profi, der mittlerweile als Anti-Aggressions-Therapeut arbeitet und dabei auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann. Den Vornamen durfte er auch in der neuen Rolle behalten. Bowlinghemden gibt es allerdings keine mehr (fast jedenfalls).

Der entscheidende Unterschied zur Vorgängerserie ist die ausschließliche Fokussierung auf die Hauptfigur. Therapeut Charlie Goodson (nomen est omen) vereint ein bisschen die Eigenschaften beider Harper-Brüder in sich und ist insgesamt sanfter und weniger zynisch als das frühere Alter Ego seines Darstellers. Das übrige Personal ist breiter verteilt als bei „Men“. Wo dort zu Stoßzeiten maximal fünf bis sechs halbwegs reguläre Nebenfiguren mitwirkten, gehören hier zwei Therapiegruppen, Ex-Frau und Tochter, Nachbar Michael und Therapeutenfreundin Kate zum Standard-Ensemble.

Anger Management

Sie alle formen das von Neurosen, Zwangsstörungen und allgemeiner Lebensuntauglichkeit bestimmte Magnetfeld, in dem sich Charlie bewegt – mal mehr als Therapeut, mal mehr als Patient. Zwischenmenschliche Beziehungen haben hier grundsätzlich einen Haken. Kate („Hellboy“-Freundin Selma Blair) pflegt mit Charlie, der zugleich ihr Patient ist, eine Freundschaft mit Gelegenheitssex, will aber keine Bindung; Ex-Frau Jennifer (Shawnee Smith, Jigsaws Assistentin aus den „Saw“-Filmen) zweifelt an ihrer sexuellen Identität und ist praktisch Dauergast im Haushalt ihres Ex-Mannes; Cleo, ein Patient aus Charlies Gefängnisgruppe, führt eine arg tuntig ausgestaltete Knast-Ehe, während er vor seiner Inhaftierung aus Überzeugung verheiratet war; und schließlich Charlies Vater (wie im wahren Leben: Martin Sheen), der gleich im großen Maß Geschichtsklitterung betreibt, um vor seinem Sohn als besserer Mensch dazustehen.

Hier gehört jeder auf die Couch, und derartiges Konfliktpotential bietet guten Nährboden für einen sich endlos variierenden Pool aus Running Gags, Wortgefechten und kalkulierten Pointen, die eine Sitcom über lange Zeit am Leben halten können. Insgesamt fällt der Humor zahmer und versöhnlicher aus als man es zuletzt von Sheen gewohnt war, auch wenn der Ton gegen Ende der ersten Staffel verhalten schärfer wird. Wer hier zu früh zu viel erwartet, sollte noch einmal einen Blick auf die ersten Folgen von „Men“ werfen, um sich zu erinnern, wie harmlos das später völlig aus dem Ruder gelaufene Szenario damals noch war.

Sheen jedenfalls beweist auch hier erneut, dass er exzellentes Comedy-Timing beherrscht und mit wenig darstellerischem Aufwand meistens das bestmögliche Ergebnis erzielt. Nachbesserung ist vor allem seitens der Autoren nötig. Gerade die ersten Folgen wirken bisweilen, als seien sie mit der heißen Nadel gestrickt, und bei der Gag-Dichte ist noch merklich Luft nach oben. Alles in allem aber macht „Anger Management“ für das, was es ist, bislang eine gute Figur. In welche Richtung sich die Serie entwickeln wird, bleibt abzuwarten. [LZ]

Anger Management

[Abbildungen: FX Networks]

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