Among the Living | Interview mit Julien Maury

05. März 2015

Julien Maury

Alexandre Bustillo und Julien Maury gelten mit ihrem kompromisslosen Erstling „À l’intérieur [dt. Inside]“ als Mitbegründer des neuen französischen Horrorkinos. Eher träumerisch als blutig geriet 2011 der Nachfolger „Livide“, der eine Menge Harcore-Fans ratlos zurückließ. Mit ihrem aktuellen Film „Among the Living“ bietet das Duo jetzt eine Art „Goonies“-Variante des Psycho-Slashers und überrascht erneut. Im Rahmen der Deutschland-Premiere auf dem letztjährigen Fantasy Filmfest sprachen wir mit Julien Maury über den Young Adult Horror der 80er, Stephen King, riskante Plots und warum er sich mit Crowdfunding erst noch anfreunden muss.

screen/read: Euer Film ist ein echter Trip durch unterschiedliche Genres und erinnert in gewissem Sinn an einen bestimmten Typus von Kino aus den 80ern. Vor allem im ersten Drittel muss man unvermittelt an „Stand by me“ denken. War das Eure Intention?

Julien Maury: Absolut. Die ursprüngliche Idee war, eine fiktive Geschichte über Stephen King zu erzählen. Sie sollte in seinen Jugendjahren spielen und sich darum drehen, wie er die Ideen zu seinen bekanntesten Romanen bekommen hat. Wir dachten uns einen Sommer aus, in dem er einem gefährlichen Hund begegnet, dann diesen furchterregenden Clown trifft usw. Wir haben aber dann schnell begriffen, dass das doch keine so gute Idee ist. Es war einfach zu oberflächlich und vorhersehbar. Also verwarfen wir den Gedanken wieder. Was blieb, war, dass Alex und ich zu jener Art von Filmen zurückkehren wollten, die wir als Jugendliche geliebt hatten. Eben dieser Typus von Genrekino, das für Teenager gemacht wurde. Filme wie „Explorers“, „Goonies“, „The Gate“. Im Kopf sind wir immer noch Teenager und diese Zeit im Leben ist eben eine ganz besondere. Man ist kein Kind mehr, aber auch noch kein Erwachsener. Man befindet sich irgendwo auf einer Zwischenstufe. Man will erwachsen sein, hat aber immer noch Angst im Dunkeln. Alex und ich wollten dieses Gefühl ein bisschen erforschen und unsere Figuren mit den Ängsten ihrer Kindheit konfrontieren.

screen/read: Ängste, die dann von den Erwachsenen als Fantastereien abgetan werden. Ein Topos, der sich auch in Eurem Film finden lässt.

Julien Maury: Das ist natürlich ein typisches Klischee. Aber andererseits ist es eben tatsächlich so, dass man als Jugendlicher in seiner eigenen Welt lebt, von der die Erwachsenen einfach nichts verstehen.

screen/read: Mit jugendlichen Schauspielern zu arbeiten und ihnen ein authentisches Drehbuch zu schreiben, war sicher eine Herausforderung.

Julien Maury: Allerdings, das war ein Sache für sich. Wir sind natürlich selbst keine Teenager mehr, aber wir hören ihnen schon manchmal zu. Also haben wir versucht, möglichst nah an die Art und Weise heranzukommen, wie Jugendliche reden, was für Worte sie benutzen, besonders welche Schimpfworte, und wie sie aufeinander reagieren. Ich glaube, unsere jungen Schauspieler waren mit dem Drehbuch ganz zufrieden. Außerdem wollten wir, dass der Film zwar in der Gegenwart spielt, zugleich aber auch das Gefühl wiedergibt, das Alex und ich als Kinder hatten. Und darüber hinaus sollte er eine Hommage an die Art amerikanischer Filme werden, über die wir eben schon gesprochen haben. Was irgendwie lustig ist, weil das Publikum bei der Premiere auf dem SXSW in Austin ziemlich überrascht auf die Freiheiten reagierte, die wir uns im Film genommen hatten, und die es im amerikanischen Horrorkino sonst eher nicht zu sehen gibt. Wir zerstören ja zum Beispiel eine ganze Familie, es gibt nackte Männer zu sehen und Kinder werden brutal geschlagen. Wir hatten sogar eine Szene im Drehbuch, die beschreibt, wie ein Hund getötet wird. Aber das konnten wir aus Budgetgründen nicht umsetzen. Für das amerikanische Publikum war unser Film also durch und durch europäisch. In Frankreich hat man uns hingegen vorgeworfen, einen vermeintlichen US-Film gedreht zu haben.

Among the Living

Among the Living

screen/read: Europäisch ist sicher auch der Verzicht auf einen allzu geradlinigen Umgang mit Genre-Regeln. Ergab sich das organisch oder war das von Anfang an Euer Plan?

Julien Maury: Ich denke, unser Film hat eine gewisse europäische Sensibilität. Wir können schließlich nicht verbergen, wo wir herkommen. Wir wollten das Publikum überraschen und eine echte Achterbahnfahrt bieten. Horrorfans zu überraschen, ist wirklich schwer, denn die kennen nun mal alle Tricks. Also haben wir versucht, die üblichen Stereotypen zu vermeiden, sind das Drehbuch ganz anders angegangen und haben ein paar Risiken eingebaut. Zum Beispiel wird die Hauptfigur mitten im Film ausgetauscht, was schon riskant ist. Wir starten ja mit einer Gruppe von Kindern, trennen sie dann und folgen jedem von ihnen einzeln. Das kann für den Zuschauer überraschend oder enttäuschend ausfallen. Aber so haben wir uns eben entschieden, weil wir dachten, das sei originell und anders.

screen/read: Eine Methode, die sich in Stephen Kings Ensemble-Romanen immer wieder finden lässt. „Dreamcatcher“ ist so ein Beispiel. In der Filmvariante geht dieser Ansatz allerdings völlig vor die Hunde.

Julien Maury: Ich glaube, es ist einfacher, so einen Weg in einem Roman einzuschlagen, weil man mehr Raum hat, die Figuren zu entwickeln. In einem Film hat man nicht so viel Zeit, sich mit ihnen zu identifizieren und wenn die Leute die eine oder andere Figur nicht mögen, schafft das Probleme. Ich denke, das ist der Hauptunterschied.

screen/read: Für die Finanzierung habt ihr Euch erstmalig an eine Crowdfunding-Kampagne getraut. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Julien Maury: Das war nur für einen wirklich kleinen Anteil des Budgets gedacht. Es ging darum, ein bisschen bei der Postproduktion und den Spezialeffekten zu helfen.

screen/read: Siehst Du diesen momentan ja zunehmend verbreiteten Ansatz als Modell für Eure Zukunft als Filmemacher?

Julien Maury: Da bin ich mir noch nicht sicher. In Frankreich ist Crowdfunding nicht sonderlich ausgeprägt. Es ist nicht wie bei Kickstarter, wo man in der Lage ist, genug Geld für einen ganzen Film zu sammeln. Ich weiß es echt noch nicht. Zunächst war ich gar nicht so glücklich darüber, die Fans um Geld zu bitten. Als ich dann aber mitbekam, dass schon nach wenigen Wochen mehr da war, als wir eigentlich ursprünglich angepeilt hatten, habe ich versucht, meine Meinung zu ändern. Vielleicht ist es tatsächlich ein guter Ansatz für die Zukunft. Es ist mit den herkömmlichen Methoden einfach so viel schwerer geworden, Geld zu bekommen. Wir haben heute viel weniger Budget und das macht die Dinge komplizierter.

screen/read: Gerade Genre-Vertreter wenden sich mittlerweile ja immer mehr direkt an die Fans. Kürzlich erst hat mit Rob Zombie einer der populärsten Filmemacher aus dem Horror-Umfeld seinen nächsten Film vollständig per Crowdfunding finanziert, weil er das Geld offenbar sonst nicht mehr zusammenbekommt.

Julien Maury: Ja, das hat mich sehr überrascht. Ich finde es eigentlich erschreckend.

Among the Living

Among the Living

screen/read: Mehr oder weniger zeitgleich zu „Among the living“ habt Ihr auch ein Segment zum zweiten Teil der „ABCs of Death“-Anthologie beigesteuert. Direkt nach einem Langfilm ist das sicher eine Herausforderung gewesen.

Julien Maury: Das war echt ein großer Unterschied, denn für „ABCs of Death 2“ waren wir gezwungen, uns auf weniger als drei Minuten einzuschränken, und das ist schon verdammt kurz [lacht]. Aber es war auch aufregend, denn es erinnerte mich an meine Anfänge, als ich noch Kurzfilme drehte. Da will man ja besonders effektiv sein und muss schnell zum Punkt kommen. Es war irgendwie stimulierend, zu dieser Art von Filmemachen zurückzukehren. Eine Geschichte zu finden, die sich in drei Minuten erzählen lässt, war das Schwierigste dabei. Man hat ja nicht viele Optionen, man kann nur sehr einfach erzählen. Also macht man es entweder sehr blutig oder bietet eine Überraschung, eine Pointe. Letzteres ist in drei Minuten der wirkungsvollste Ansatz. Als wir das geklärt hatten, war alles nur noch ein großer Spaß. Wir drehten an einem einzigen Tag mit der Crew von „Among the living“, weil wir da gerade in der Postproduktion waren. Das half uns dabei, einen guten Soundmix und gutes Editing hinzubekommen.

screen/read: Hoffen wir, Euer Segment schafft es durch die deutsche Zensur. Woran arbeitet Ihr zur Zeit?

Julien Maury: Im Moment schreiben wir wie die Wilden. Wir wollen einfach keine Zeit verlieren, denn das Drehbuch für ein neues Projekt fertigzustellen, ist ja kein Honigschlecken. Während der Postprouktion von „Among the living“ hatten wir ein Skript geschrieben, aber das ist wirklich sehr, sehr düster und nihilistisch und so hoffnungslos, dass wir in Frankreich niemanden überzeugen konnten, es zu produzieren. Es ist wahrscheinlich das finsterste Buch, das wir je geschrieben haben. Aber wir hatten diesen Sommer auch noch ein anderes Skript in Arbeit, und das ist gerade vor zwei Tagen fertig geworden. Es ist also ganz neu. Nächste Woche fangen wir an, es an Produktionsfirmen und Schauspieler zu verschicken. Aber ehrlich gesagt, wenn das auch nicht funktioniert, werden wir noch einmal darüber nachdenken, unsere Agenten in den USA zu aktivieren und einen Film in Hollywood zu drehen [lacht].

[P.S.: Am Ende kamen tatsächlich die Hollywood-Agenten zum Einsatz. Bustillo und Maury übernehmen aktuell die Regie für „Leatherface“, ein Prequel von Tobe Hoopers „Texas Chainsaw Massacre“. Unser Review zu „Among the Living“ findet sich übrigens hier und die englische Fassung dieses Interviews lässt sich hier nachlesen.]

Among the Living

[Abbildungen: Tiberius Film (Stills, Cover) | Julien Maury (Porträt)]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

David Cronenberg | Verzehrt

Kommentare sind geschlossen.