Among the Living | Filmkritik

16. September 2014

Among the Living

Man tut niemandem einen Gefallen damit, die (oftmals vermeintlich) beste und/oder einflussreichste Arbeit eines Künstlers zum Maßstab für alles Darauffolgende zu erklären. Im Fall des französischen Filmemacherduos Alexandre Bustillo und Julien Maury jedenfalls kann eine solche Haltung nur zu ablehnendem Kopfschütteln führen. Hatten die beiden 2007 mit „À l’intérieur [dt. Inside]“ (hierzulande selbstredend mal wieder beschlagnahmt – und das absurderweise in der gekürzten Fassung) einen echten Genre-Hit abgeliefert, der zusammen mit „Martyrs“ als eines der wichtigsten Beispiele des neuen französischen Extrem-Horrors gilt, so konnte mancher mit dem märchenhaften Nachfolger „Livid“ eher wenig anfangen. Echte Gegenliebe erfährt auch aktuell ihr dritter Langfilm nur bedingt – und das zu Unrecht.

Zunächst sieht es so aus, als seien die beiden wieder zu ihren Wurzeln zurückgekehrt: Eine hochschwangere Beatrice Dalle versucht, Mann und Kind mit scharfer Klinge und stumpfem Baseballschläger ins Jenseits zu befördern, endet aber selber mit durchtrennter Halsschlagader und – sagen wir – vorzeitigem Kaiserschnitt. Zuvor gibt es aus dem TV-Bildschirm einen seltsamen Bericht über die Folgen eines Giftgaseinsatzes zu hören, der das Verhalten der Betroffenen und deren Erbgut beeinflusst habe.

Für empfindlichere Gemüter dürfte hier eigentlich schon Schluss sein. Doch eigentlich fängt der Film jetzt erst an und wechselt dabei so deutlich den Ton, dass man das zuvor Gesehene fast schon wieder vergessen könnte. Drei Jungs (wohl um die 12 Jahre) schwänzen das gemeinsame Nachsitzen am letzten Schultag vor den Ferien und treiben in den schier endlosen Kornfeldern außerhalb der Stadt stattdessen lieber eine Menge Unsinn. Als es sie an ein verlassenes Filmset zieht, das ihnen als Abenteuerspielplatz dient, wird aus Spaß rasch Ernst: Eine beunruhigende Gestalt hält dort offenbar eine Frau gefangen und ist auch den drei besten Freunden bald schon auf den Fersen.

Among the Living

Among the Living

Wer sich nach dem stilistisch gänzlich anders gelagerten Auftakt nicht nach kurzer Zeit bereits an „Stand by me“ erinnert fühlt, hat den Film von Bob Reiner vermutlich nie gesehen. Zu offensichtlich sind die Ähnlichkeiten für eine Weile und das ist auch durchaus so gewollt. Es seien die Filme ihrer Jugend gewesen, die sie beim Konzipieren von „Among the Living“ im Kopf gehabt hätten, erzählen Maury/Bustillo, Filme mit Kindern im Zentrum, die einige alles andere als kindliche Abenteuer zu bestehen haben.

„Explorers“, „Goonies“, „The Gate“ fallen einem da ein – oder eben besagte Stephen-King-Adaption. Filme jedenfalls, die in Hollywood seit Ende der 80er nicht mehr möglich waren: politisch inkorrekt, nicht kindgerecht oder einfach von den neueren Formen des jugendlichen Fantasy-Kinos abgelöst. Vereinzelt sind in den letzten Jahren Beispiele aufgetaucht, die dem Geist dieser Klassiker Tribut zollten: „The Hole“ von Joe Dante oder „Under the Bed“ von Steven C. Miller gehören dazu (Alex Winter arbeitet seit Jahren an einem Remake von „The Gate“). Und nun eben auch „Among the Living“.

Der Unterschied bei den beiden Franzosen ist jedoch, dass sie die aktuellen Entwicklung des Horrorkinos nicht ignorieren, sondern ohne Rücksicht auf Verluste mit einfließen lassen. Einen Deus ex Machina gibt es nicht. Wer stirbt, der stirbt, ganz ohne Ansehen der Person, und sein Ableben erfolgt garantiert nicht respektvoll oder zurückhaltend. Da wird eine Figur schon einmal als Sympathieträger aufgebaut, nur um sie wenig später umso erbärmlicher das Zeitliche segnen zu lassen. Ein Kleinkind in der Waschmaschine? Bitte sehr, bitte gern.

Dieses Auf und Ab von hartem Horror und liebevollem Jugendfilm macht „Among the Living“ (unterstützt von einem ganz und gar aufregenden Soundtrack aus der Feder von Raphaël Gesqua) zu einer echten Achter- oder Geisterbahn, in der man sich erstmal zurecht finden muss. Hat man sich endlich dran gewöhnt, ist der Spuk auch schon wieder vorbei und man hätte gerne mehr gesehen. Die Figuren sind rasch gezeichnet, nicht ganz klischeefrei, aber dann doch eigentlich wieder zu schade, um früh abgeschlachtet zu werden. Genau das aber ist das leitende Prinzip, mit dem die Filmemacher ihre Geschichte konstruieren. Niemand ist sicher – das kennt man sonst nur aus „The Walking Dead“.

Among the Living

Ganz ohne Makel kommt die Angelegenheit natürlich nicht aus und manchmal kann man das Gefühl bekommen, das Duo habe arg zeitnah zur Premiere schneiden müssen. Das mag ein Irrtum sein, aber vor allem im letzten Akt gibt es ein paar echte Timing-Probleme, die sich eigentlich beheben lassen dürften. Dass ein Film wie dieser zudem nicht frei ist von Logiklöchern, muss man kaum extra erwähnen. Nichts davon sollte einem jedoch das Vergnügen ernsthaft schmälern.

„Among the Living“ funktioniert zum Teil vielleicht auch als eine Art Experiment zwischen den Genres und als Versuch, die Grenzen zweier Filmtypen (YA und Slasher) beiderseits zu erweitern. Dabei gelingt den Machern streckenweise ein gehöriges Maß an geradezu panischer Spannung und das Bild eines Killers (im allerweitesten Sinne), der sein blutiges Werk nicht nur völlig nackt sondern auch auf eine seltsam spielerische Weise verrichtet, die im Finale eine verblüffende Erklärung erfährt und dazu einlädt, beim zweiten Anschauen noch einmal genauer hinzusehen.

Alles in allem ein Genre-Beitrag, der es sich nicht einfach macht, dafür aber eine Menge gewinnt. Blutig, originell und angenehm verstörend. Viva la France! [LZ]

P.S.: Unser Review bezieht sich auf die beim Fantasy Filmfest 2014 gezeigte Version. Tiberius kündigt die deutsche Veröffentlichung für den 5. März 2015 an. Ein Interview, das wir mit Julien Maury geführt haben, findet sich hier.

Among the Living

OT: Aux yeux des vivants (FR 2014) REGIE: Alexandre Bustillo, Julien Maury. BUCH: Alexandre Bustillo, Julien Maury. MUSIK: Raphaël Gesqua. KAMERA: Antoine Sanier. DARSTELLER: Théo Fernandez, Zacharie Chasseriaud, Damien Ferdel, Anne Marivin, Francis Renaud, Fabien Jegoudez, Nicolas Giraud, Béatrice Dalle, Chloé Coulloud, Dominique Frot. LAUFZEIT: 90 Min. VÖ: 05.03.2015 (Tiberius).

Among the Living

[Abbildungen: Metulana Productions]

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