American Sniper | Filmkritik

20. Februar 2015

American Sniper

„Don’t mess with Texas“ warnt ein Sticker auf dem Kühlschrank in der schäbigen Hütte, die sich Chris Kyle mit seiner aktuellen Freundin teilt. Doch Chris ist nie zu Hause, weil er zu sehr auf andere Dinge fokussiert ist und seine Zeit lieber in männlichen Parallelwelten verbringt. Für eine gesunde Beziehung keine gute Grundlage, doch das wird der mit Wut und Testosteron aufgeladene Sohn aus einfachen Verhältnissen so schnell nicht begreifen. Später warten Frau und Kinder daheim, während er in den Krieg zieht, um sein Land zu verteidigen und im Ernstfall auch anderer Frauen und Kinder mit einem gezielten Schuss aus dem Leben zu entfernen.

Als wir ihm das erste Mal begegnen, kurz nach 9/11 in Falludscha, steht er genau vor dieser Entscheidung. Dann jedoch spult der Film erstmal ein paar Jahre zurück, zeigt den späteren Scharfschützen als Kind, das talentiert mit der Waffe umgehen kann. Zeigt wie sein Vater am Mittagstisch die Welt einfältigerweise in Wölfe, Schafe und Hütehunde einteilt. Zeigt, wie derartiger Nonsens nachhaltig auf den Jungen wirkt. Chris ist nämlich so ein Hütehund, der seinen kleinen Bruder (ein Schaf) auf dem Schulhof verteidigt und ein anderes Kind (einen Wolf) grün und blau prügelt – ähnlich ergeht es Jahre danach dem ahnungslosen Lover seiner vernachlässigten Freundin, denn in Kyles Revier hat niemand zu wildern. Wer es dennoch tut, wird bestraft.

Wenig überraschend also, dass seine spätere Einheit sich nach Marvels „Punisher“ benennt und dessen Symbol, einen stilisierten Totenkopf, auf ihren Panzern und Uniformen trägt. Doch da ist der Irak-Einsatz für Chris Kyle, den alle nur noch „Legende“ nennen, weil er als Scharfschütze angeblich rekordverdächtige 160 tödliche Treffer gelandet hat, längst zum persönlichen Rachefeldzug mutiert. Denn in einem vermeintlichen Verteidigungskrieg, den niemand gewinnen kann und an den immer weniger Soldaten glauben, treiben nur noch individuelle Ziele an.

Vier Einsätze absolviert der „American Sniper“, wie er seine Autobiografie betiteln wird, doch auch wenn er kurze Tage und Wochen in der Heimat verbringt, ist er gedanklich und emotional immer noch an der Front. Es drängt ihn zurück, seine Kameraden bei den SEALS zu beschützen, einen gefürchteten Syrer aufspüren und zur Strecke zu bringen und überhaupt immer wieder seine Rolle als Hütehund zu erfüllen. Da hilft kein Bitten und Betteln der Ehefrau, kein zweites Kind, kein jüngerer Bruder, der am Kriegseinsatz zu zerbrechen droht. Der Dienst an der Waffe hat den Scharfschützen und Nationalhelden gänzlich im Griff.

American Sniper

Am Ende ist Chris ein seelisches Wrack, das am Weinen eines Neugeborenen schier verzweifelt und den harmlos spielenden Nachbarshund als tödliche Bedrohung erfährt. Dass es eine Figur wie diese nicht nur an die Spitze der US-Charts geschafft hat, sondern gleich auch noch die Grundlage für den erfolgreichsten Kriegsfilm der Kinogeschichte lieferte, muss zunächst einmal erstaunen. Leichter erklärbar gerät da schon die Kontroverse, die „American Sniper“ in allen erdenklichen Lagern auslöste und den Machern – allen voran Regisseur Clint Eastwood – gar aktive Kriegshetze andichtete.

Zu leicht lässt sich der Film bei kurzsichtiger Betrachtung als reaktionäre Rechtfertigung und patriotische Verherrlichung amerikanischer Gräueltaten im Irak lesen. Allerdings muss man dazu schon mit dem festen Urteil, genau diese Tendenzen unwidersprochen bestätigt zu finden, an ihn herantreten. Dabei bedarf es nicht einmal genaueren Hinsehens, um bereits frühzeitig die deutlich relativierenden Tendenzen des Films zu erkennen, die im Verlauf zunehmend in den Vordergrund rücken.

2009 war Kyles durchaus fragwürdiges Buch ein immenser Erfolg, bestimmt von einer simplen Weltsicht, die Gut von Böse trennt und ohne weitere Reflexion klar unterscheidet, wer auf welcher Seite steht. Dazu gehört das Töten als bedenklich nüchtern betrachtetes Geschäft. „Hat man den ersten erschossen, gehen einem die anderen leicht von der Hand“, gibt der Scharfschütze zu Protokoll. „Ich schaue durch den Sucher, positioniere mein Ziel im Fadenkreuz und erledige den Feind, bevor er einen meiner Leute erledigt.“ – So einfach ist das.

Diese Haltung behält der Film für seine Hauptfigur nur in deutlich abgemilderter Form bei. Zu genau wissen Eastwood und Drehbuchautor Jason Hall („Paranoia“), dass sich so keine Sympathien beim Zuschauer gewinnen lassen. Ihr Kyle (ein bulliger Brandon Cooper) ist vielschichtiger, charmanter, humorvoller und beizeiten gar bedachter als sein reales Vorbild. Die Grundhaltung ist dieselbe, doch die Leinwandversion steht nie unkommentiert da. Immer lauert der Schatten des Vaters mit seiner albernen Schutz- und Pflichtphilosophie über ihm, die sich auch dann nicht abschütteln lässt, als der Bruder den Krieg innerlich völlig zerrissen hinter sich lässt und auf den unterstellten väterlichen Stolz nur mit Verachtung reagieren kann.

American Sniper

Noch relativierender wirkt jedoch Kyles Ehefrau Taya (beeindruckend: Sienna Miller), die der Film jenseits der Front zum eigentlichen Opfer erklärt. Als sich die beiden zum ersten Mal begegnen, lässt sie ihn wissen, dass ein SEAL der letzte wäre, den sie heiraten würde. Doch natürlich hält sie sich nicht an die eigene Regel und bezahlt dafür mit langen Jahren der Angst, Einsamkeit und Entfremdung. Der Mann, den sie liebt, wird gänzlich vom Krieg konsumiert und kann ihr als Rechtfertigung nur wirres Gefasel von Terror, einem großartigen Heimatland und treuen Kameraden anbieten.

Es ist wenig Heldenhaftes an diesem Elite-Schützen, denn während er ein ums andere Mal gegen alle Vernunft handelt und sein Leben ohne Sinn und Verstand aufs Spiel setzt, bleibt das, was er doch eigentlich beschützen will, restlos auf der Strecke. Irgendwann sieht man ihn seine neugeborene Tochter auf dem Arm halten, doch mehr als halb psychotische Pflichterfüllung ist dabei nicht erkennbar. Denn wenn Taya ihn parallel inständig bittet, doch nicht erneut an die Front zurückzukehren, flüchtet er sich umso intensiver in seine Vaterrolle und wiegt das Kind mit einer zwanghaften Inbrunst, die keinen Realitätsbezug erkennen lässt.

Interessanterweise finden sich entscheidende Statements von Taya auch im Buch und es sieht so aus, als hätten Hall und Eastwood diese herausgefiltert, um sie gegen Kyles krankhaften Heroismus auszuspielen. So ist „American Sniper“ vor allem ein Film über Daheimgebliebene und Rückkehrer geworden, denen der Krieg die Seele geraubt hat. Fast irreal überhöht erscheinen vor diesem Hintergrund die Sequenzen an der Front, für die das Drehbuch einen sadistischen Gegner erfunden hat, der Kinder mit einem Schlagbohrer tötet.

Die gänzlich fiktive Gestalt, deren Typus sich sonst eher in einem Horrorfilm oder Psychothriller finden lässt (angeblich basierend auf einer Idee von Steven Spielberg, der zu einem früheren Zeitpunkt als Regisseur involviert war), erlaubt zudem eine willkommene Differenzierung im Hinblick auf das irakische Volk. Denn während Kyles Buch im Grunde nur „Barbaren“ kennt, denen der Sniper eine christliche Tätowierung auf dem Unterarm entgegenstreckt, verweist der Film dankenswerterweise auch auf die leidende Zivilbevölkerung (und spielt ihr Schicksal an einem besonders nachhaltig in Erinnerung bleibenden Beispiel durch).

American Sniper

Eastwood hat „American Sniper“ praktisch direkt im Anschluss an „Jersey Boys“ gedreht und auf den ersten Blick könnten beide Filme nicht weiter voneinander entfernt sein. Der Eindruck täuscht jedoch. Die männliche Parallelwelt, die der Krieg den SEALS bietet, finden die „Four Seasons“ im zunehmend Überhand nehmenden Showbusiness, das sie gebrochen zurücklassen wird. Frankie Valli erweist sich am Mikrophon als ähnlich legendäre Heldenfigur wie Chris Kyle an seinem Präzisionsgewehr. Beide scheitern an dem, was ihr größtes (und einziges) Talent ist, entfremden sich von Frau wie Kindern und müssen sich unter Schmerzen ins Leben zurückkämpfen, während alle anderen auf der Strecke bleiben.

Beide Filme beruhen auf realen Charakteren und repräsentieren zwei zentrale Gesichter Amerikas: Krieg und Showbusiness. Entgegengesetze Pole, die sich wechselseitig bedingen und voneinander leben. Getragen von Helden, die früher oder später an demjenigen zerbrechen müssen, für das sie stehen. Wenn sie kollabieren, verglühen oder auseinanderfallen, ist das nur die notwenige Voraussetzung für ihren Aufstieg aus der Asche und ihre Heiligsprechung per Mythenbildung.

Chris Kyle wurde so lange zur Legende erklärt, bis er daran glaubte. Seine Realversion hat sich selber gefeiert und heftig auf die Schulter geklopft. Im Film hingegen wird er einem ehemaligen Kameraden, der ihm grenzenlose Bewunderung entgegenbringt, ernüchtert, kraft- und orientierungslos entgegenhalten, dass er keine Vorstellung davon habe, was für eine Belastung der eigene Legendenstatus bedeuten kann. Der echte Kyle hat diese Erkenntnis wohl mit ins Grab genommen. [LZ]

P.S.: Warum das deutsche Filmplakat ausgerechnet so gestaltet wurde, dass man denken könnte, Bradley Cooper bereite sich gerade für den Toilettengang vor, möge ein anderer verstehen.

American Sniper

OT: American Sniper (USA 2014) REGIE: Clint Eastwood. BUCH: Jason Hall. MUSIK: Clint Eastwood. KAMERA: Tom Stern. DARSTELLER: Bradley Cooper, Sienna Miller, Jake McDorman, Mido Hamada, Ben Reed, Sammy Sheik, Navid Negahban, Cory Hardrict, Kevin Lacz, Owain Yeoman, Jason Hall. LAUFZEIT: 132 Min.

American Sniper

[Abbildungen © 2014 Warner Bros. Entertainment Inc., WV Films IV LLC, Ratpac-Dune Entertainment LLC]

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