American Muscle | Filmkritik

24. September 2014

American Muscle

Zehn Jahre später: John Falcon verlässt seine Zelle, treibt schnell noch ein paar Schulden ein, packt seine Sachen zusammen und lässt die staatliche Besserungsanstalt hinter sich, wohl wissend, dass er vermutlich schon bald wieder eingebuchtet wird. Denn der Mann, der aussieht wie die Sparvariante von Tom Hardy in „Bronson“ hat seine Haftzeit offenbar damit verbracht, jede Menge Wut anzusammeln. Jetzt ist er jedenfalls genau in der richtigen Laune, um alle über den Haufen zu schießen, die ihn einst betrogen haben (oder ihm sonstwie vor die Flinte kommen). Genau das passiert und dann ist der Film zuende.

Klingt ein bisschen arg simpel und ist es auch. „American Muscle“, eine Independent-Produktion mit überschaubarem Budget, hält nicht sonderlich viel von Überraschungen, Plotwendungen oder Figurenentwicklung. Im ständigen Hin und Her zwischen Rückblende und Gegenwart wird der Zuschauer abwechselnd Zeuge, wie der einfach gestrickte John von seinem Halbbruder Sam (selbst die Namen könnten nicht wahlloser sein) und dessen Kumpanen ein Jahrzehnt früher über den Tisch gezogen wurde – und sich jetzt eben dafür rächt.

Geradezu entwaffnend (ja, ein Wortspiel) vorhersehbar bewegt sich der Film von Hinrichtung zu Hinrichtung, an deren Ende – wie könnte es anders sein – die Konfrontation der beiden Brüder steht. Eine kritische Rolle spielt dabei auch Johns Ex-Freundin (Robin Sydney, „The Gingerdead Man“), die mit Sam angebandelt hat, aber andererseits ist das auch wieder so irrelevant, dass man sich kaum weiter Gedanken darüber machen sollte, wann, wie und warum sie die Seiten gewechselt hat (falls das überhaupt zufriedenstellend erklärt wird).

Vielleicht hat Drehbuchautor John Fallon (Insidern vor allem als Herausgeber des Genre-Portals „Arrow in the Head“ bekannt und nicht zu verwechseln mit Protagonist John Falcon) ganz einfach den geradlinigsten Rachethriller der Filmgeschichte schreiben wollen. Falls ja, so wäre ihm das jedenfalls gelungen. Newcomer Ravi Dhar setzt von Regieseite aus einiges an blutigen Effekten hinzu (wenn nicht wenigstens ein Gesicht weggeschossen wird, braucht man offenbar gar nicht erst auf den Abzug zu drücken), muss dafür aber noch einiges lernen, was die Montage einzelner Einstellungen angeht.

American Muscle

Manchmal sieht „American Muscle“ so aus wie ein Schulprojekt aus dem Arbeitskreis Filmemachen, dann aber folgt plötzlich wieder eine Folge durchweg professionell gemachter Sequenzen, bei denen nur die halb laienhaft anmutenden Darstellerleistungen daran erinnern, dass hier nicht viel Geld zur Verfügung stand, um an entscheidenden Positionen erfahreneres Personal einzusetzen.

Gelegenheits-Stuntman und Hauptdarsteller Nick Principe („Laid to Rest“) wäre mit einem Stimmtraining gut beraten und ist immer dann am besten, wenn er einfach gar nichts tut. Todd Farmer (Sam), von Haus aus eigentlich Drehbuchautor („Drive Angry“), hinterlässt andernorts per Cameo immer einen guten, da selbstironischen Eindruck. Hier jedoch zeigt sich, dass sein schauspieleriches Talent für eine tragende Rolle nicht wirklich reicht. Einzig Robin Sydney hat Kontrolle über das, was sie tut, kann ihrer unfertigen Figur aber auch kein echtes Leben einhauchen.

Dass insgesamt aber doch nicht der Eindruck eines Homevideos entsteht, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit am Einfluss von Travis Stevens, einem der umtriebigsten Produzenten der gegenwärtigen US-Independent-Szene (u.a. „Aggression Scale“, „Jodorowsky’s Dune“ und zuletzt „Starry Eyes“). Am besten zu genießen ist „American Muscle“ wohl mit einer Auswahl alkoholischer Kaltgetränke, die nervende Zwischenfragen des Großhirns vorübergehend lahmlegen. [LZ]

OT: American Muscle (USA 2014) REGIE: Ravi Dhar. BUCH: John Fallon. MUSIK: Dean Baltulonis. KAMERA: Ravi Dhar. DARSTELLER: Nick Principe, Robin Sydney, Todd Farmer, Malice McMunn, Trent Haaga, John Fallon, Philip Salick, Joshua Lou Friedman, Laban Pheidias, George P. Wilbur. LAUFZEIT: 78 Min (DVD), 80 Min (Blu-ray). VÖ: 10.10.2014.

American Muscle

[Abbildungen: Pierrot le Fou]

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