American Mary | Filmkritik

28. März 2013

American Mary

Im Finale von Tod Brownings 1932er Klassiker nehmen die titelgebenden Freaks (allesamt physisch deformierte Attraktionen einer Jahrmarktshow) grausame Rache an ihren Peinigern und machen sie gewaltsam zu Ihresgleichen. Den Freaks von „American Mary“ ist Derartiges fremd. Die einzigen Körper, die sie verunstalten, sind ihre eigenen, und das praktizieren sie mit Stolz und manchmal unter echtem Leidensdruck. Im Zentrum dieses Films, der scheinbar mühelos über den schmalen Grat zwischen Grand Guignol und Cassavetes hinweg balanciert, steht nichts desto trotz ein kompromissloser Racheengel und zugleich eine der bemerkenswertesten Frauenfiguren, die das Genre jemals hervorgebracht hat.

Mary Mason ist eine ebenso strebsame wie mittellose Medizinstudentin mit guten Aussichten auf eine vielversprechende Karriere als Chirurgin. Als ihre zunehmend prekärer werdende Schuldenlage sie dazu bewegt, in einem Nachtclub anzuheuern, wird sie überraschend zur Protagonistin einer illegalen Not-OP. Entsetzt, verstört, aber um 5000 Dollar reicher will sie die blutigen Ereignisse der Nacht schnell wieder vergessen. Doch ihr Ruf eilt ihr bereits voraus. Als Stripperin Beatress ihr ein verlockendes finanzielles Angebot macht, kann sie nicht widerstehen und führt eine bizarre Schönheitsoperation durch. Einmal und nie wieder, denkt sie sich, doch die Dinge nehmen eine radikale Wende. Ein furchtbares Ereignis erschüttert ihre Welt und Mary beschließt, sich fortan in den Dienst von Body Modification und Underground Surgery zu stellen – doch leider mit fatalen Folgen.

American Mary

Wer im letzten Jahr auch nur ansatzweise die einschlägigen Festivals im Auge gehalten hat, konnte „American Mary“ schwerlich übersehen. Seit seiner Uraufführung im vergangenen August legte der zweite Langfilm der kanadischen Soska-Schwestern Jen und Sylvia einen derart beispiellosen Siegeszug hin, dass selbst Universal nicht mehr wegschauen konnte und sich die europäischen Vertriebsrechte in die Tasche steckte – für eine mit überschaubaren Mitteln realisierte Independent-Produktion ein echter Paukenschlag. Englands populärster Filmkritiker Mark Kermode zog gar anerkennende Parallelen zum Body Horror eines David Cronenberg und äußerte zugleich deutliches Unverständnis darüber, dass die Mehrheit seiner Kollegen den Film einfach links liegen lässt.

Man muss den Hype, der mit aktiver Unterstützung der Macher vor allem viral ausgebrochen ist, tunlichst ausblenden, um einen einigermaßen unvoreingenommenen Blick auf den Film zu bekommen. Schon im Umfeld ihres Erstlings, dem hierzulande noch gänzlich unbekannten „Dead Hooker in a Trunk“, hatten sich die Soskas als clevere Selbstvermarkter erwiesen, die keine Gelegenheit ungenutzt ließen, ihre eineiige Zwillingsschaft augenzwinkernd in den Mittelpunkt zu rücken. Doch wer angesichts des mit Videokamera und hemmungslosem Anarchismus umgesetzten Debüts glaubte, das Duo als eines von vielen kurzlebigen No-Budget-Phänomenen abhaken zu können, muss sein Urteil jetzt grundlegend revidieren und sich stattdessen mit dem Gedanken anfreunden, dass die selbsternannten „Twisted Twins“ vielleicht gar die weibliche Variante der Coen-Brüder sein könnten.

„American Mary“ jedenfalls ist deutlich vielschichtiger und raffinierter, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Oberflächlich betrachtet, vereint und variiert der Film auf geschickte Art gängige Subgenre-Motive aus dem Umfeld von Rape/Revenge und Torture Porn. Bei genauerem Hinsehen jedoch sind das lediglich Bausteine einer eigenwilligen Rachetragödie, bei der die Wiederherstellung der Gerechtigkeit auf mehrere Ebenen verlagert wird. Mary stürzt im Grunde zweimal, zunächst schlagartig und in der Opferrolle, dann schleichend langsam und als Täter. Die symbolische Dichte des Films ist dabei ebenso hoch wie unauffällig.

American Mary

American Mary

Auf- und Abstieg Marys etwa finden ihre räumliche Widerspiegelung in der Position der Orte, an denen sich die einschneidenden Dinge ereignen, die ihren Wandel einleiten. Ihre erste illegale Not-OP etwa findet in einem Kellergewölbe statt; auf einer der oberen Etagen eines Hochhauses wird sie zum wehrlosen Opfer eines gnadenlosen Gewaltaktes; und im Aufzug auf dem Weg nach unten lässt sie alles hinter sich, woran sie bis dato geglaubt hat. Aber auch sonst sind die Verhältnisse von oben und unten bezeichnend für Marys Entwicklung. Wenn sie mit ihrem Peiniger die Rollen tauscht, dann tauschen sie auch die Position (und den Status völliger Wehrlosigkeit). Erst bei ihrer letzten Begegnung wird oben und unten wieder verteilt sein wie zu Beginn, doch dann liegt die Erniedrigung darin, dass das Opfer zwar auf seinen Peiniger herabblickt, ihm dabei aber gänzlich ausgeliefert ist.

Das muss einem ziemlich sophisticated erscheinen, und auch sonst ist die motivische Architektur des Films alles andere als beliebig. „American Mary“ erweist sich als Film über Transformation, und das betrifft nur auf sichtbarer Ebene die körperlichen Veränderungen der Body-Modification-Community. Die Protagonistin selber erlebt dabei die radikalste Verwandlung von allen, doch auch diese vollzieht sich – wie bei ihren Klienten – über einen physischen Akt als Zerrbild eines chirurgischen Eingriffs. Die junge Frau, die der Zuschauer zu Beginn kennen lernt, hat mit der Figur, zu der sie mit einem Schlag wird, nicht mehr viel zu tun. Marys Transformation ist in gewissem Sinne eine Wiedergeburt durch passiv erlebte Gewalt.

Ihre Vorbilder entpuppen sich vor ihren Augen als hedonistische Soziopathen („Ich werde dafür bezahlt, Menschen aufzuscheiden“, stellt ein angesehener Chirurg fest und begleitet seine Erkenntnis mit hysterischem Lachen). Die bizarren Freaks mit ihren freiwillig herbeigeführten Deformationen hingegen, aber auch die halbseidenen Gestalten und gewalttätigen Kriminellen am Rande der Gesellschaft, werden zu Freunden, Verbündeten und Bewunderern. Hier herrscht ein ganz eigener Ethos, und Mary, der weibliche Paulus (oder Saulus, je nach Perspektive) wandelt als dunkler Messias zwischen den Welten, bestrebt, diejenigen zu erlösen, die von der Normalität ihrer Körper unterdrückt werden, und jenen Angst einzujagen, die nicht nach den Regeln spielen wollen. Ihr grausames Meisterstück steht dem finalen Schockeffekt von Brownings Jahrmarkthorror in nichts nach.

American Mary

Parallele Welten, Spiegelungen, Doppelgänger – in „American Mary“ gibt es überall ein Vorher und Nachher, ein Nebeneinander von Gegensätzen, ein Sowohl als Auch. Es sind die Zutaten eines finsteren Märchens, die der Geschichte ihre Koordinaten geben. Der Wandel der Hauptfigur ist viel zu rasch und radikal, um wirklich realistisch zu sein, zu rasant ihr Aufstieg im Wunderland der Community aus Freaks und Fabelwesen, als dass der Zeitstrahl der Außenwelt (in der eine Mordermittlung im Gange ist) mithalten könnte. In parallelen Welten ticken die Uhren unterschiedlich, und Mary muss gelegentlich zwischen ihnen hin und her navigieren. Gleich zwei Ritter wollen sie erlösen, doch entstammt jeder von ihnen einer anderen Seite des Spiegels. Dass dabei keiner wirklich etwas ausrichten kann, beruht schlichtweg auf der Unvereinbarkeit der beiden Welten. Am Ende steht eine Eruption aus Hass und Gewalt, die genau dort ihre Wurzeln hat.

Es wäre echte Küchenpsychologie, eine derartige Doppelhelix der Motive auf die Zwillingsschaft der beiden Filmemacherinnen zurückzuführen. Doch was bleibt einem übrig, wenn sie sich nicht nur selber in die Geschichte einbauen (nur deutlich weniger dominant als zuvor bei „Hooker“), sondern zugleich auch die absurdeste Operation von allen an sich durchführen lassen? Als „Demon Twins from Berlin“ (der wiedervereinten, einst geteilten Stadt) lassen sie je einen ihrer Arme austauschen, um selbst nach dem Tod einer Schwester noch als Zwillinge leben zu können. Mehr Meta geht nicht.

Eng verwandt mit Clive BarkersNightbreed“ und vom Geist des französischen und asiatischen Horrorkinos beseelt, spielt „American Mary“ im Genre-Umfeld unbestreitbar in einer ganz eigenen Liga. Dass die Soskas ihrer Hauptdarstellerin Katharine Isabelle („Ginger Snaps“) ganz nebenbei die Rolle ihres Lebens auf den Leib geschrieben haben, versteht sich von selbst. [LZ]

OT: American Mary (USA 2012) REGIE, BUCH: Jen Soska, Sylvia Soska. MUSIK: Peter Allen. KAMERA: Brian Pearson. DARSTELLER: Katharine Isabelle, Tristan Risk, Antonio Cupo, John Emmet Tracy, David Lovgren, Clay St. Thomas, Paula Lindberg, Twan Holliday, Nelson Wong, Sylvia Soska, Jen Soska. LAUFZEIT: 98 Min (DVD). 102 Min (Blu-ray). VÖ: 28.03.2013

American Mary

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[Abbildungen: Universal Pictures Germany]

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2 Antworten zu “American Mary | Filmkritik”

  1. Marco sagt:

    Schönes Review! Nun freue ich mich noch mehr auf den Film! :)

  2. [...] Auf screen/read findet sich eine lange Besprechung des Filmes „American Mary“, den ich als uninteressant Filmchen abgetan hätte, aber nach der Einschätzung „„American [...]

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