American Assassin | Filmkritik: The Boring Legacy

28. Februar 2018

American Assassin

[Lesedauer: ca. 2:20 Minuten]

Seitdem er dank „Birdman“ in der allgemeinen Wahrnehmung wieder zu Hollywoods A-Liste gehört, hat Michael Keaton eine Reihe guter Entscheidungen getroffen, auch wenn nicht alle davon auf ein breiteres Publikum gestoßen sind (etwa „The Founder“). Dazu gehört zwar ein gutes Gespür, aber so ganz ohne Glück kommt man trotzdem nicht aus. Während der Dreharbeiten zu „American Assassin“ jedenfalls mag Keaton irgendwann aufgegangen sein, dass er hier eher danebengegriffen hat, und weil es da sowieso schon zu spät war und gerade eine alberne Dosis Torture Porn auf dem Plan stand, hat er möglicherweise die Chance genutzt, sich einfach mal in hemmungslosem Overacting auszuprobieren. Passiert den Besten.

Ansonsten gibt er sich akzeptable Mühe, seine aus jeder Menge Klischees zusammengeklebte Rolle einigermaßen würdevoll über die Bühne zu bringen. Natürlich ist dieser Ex-Navi-SEAL Stan Hurley ein harter Hund, der jeden neuen Schützling zunächst aus pädagogischen Gründen angemessen erniedrigt, damit er ihn später mit steinerner Miene in sein weiches Herz schließen kann. Wie oft haben wir das schon gesehen? Gäbe es ein „Rambo“-Prequel, das vor und in Vietnam spielt, Colonel Trautman würde kaum anders auftreten (ganz abgesehen davon, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es dazu kommt).

American Assassin

Auch sonst hat dieser wenig originelle Spionagethriller jenseits von Bond und Bourne einen hohen Déjà-vu-Faktor anzubieten. Hauptfigur Mitch Rapp ist ein durchschnittlicher Niemand, der seiner Freundin am Strand von Ibiza mit dem Ehering seiner Mutter (womit sonst?) einen Heiratsantrag macht und wenige Minuten später dabei zusehen muss, wie ihr ein Trupp Dschihadisten (wohlgemerkt: auf Ibiza!) eine tödliche Kugel ins Herz jagt. Dass auch sonst der gesamte Strand niedergemetzelt wird, Mitch aber trotzdem überlebt (einer der Terroristen verzichtet gar aktiv darauf, ihn zu erschießen), fällt unter Drehbuchlogik. In der Romanvorlage stirbt seine Verlobte bezeichnenderweise beim Bombenanschlag von Lockerbie. Ob das den Machern nicht unrealistisch genug war?

18 Monate später hat er sich allem Anschein nach radikalisiert. Das erkennt man daran, dass er jetzt einen ungepflegten Hipsterbart trägt und perfekt arabisch spricht (reife Leistung). Doch halt! Der Zuschauer wird lediglich ein paar Minuten an der Nase herumgeführt, denn in Wahrheit gaukelt Mitch den leichtgläubigen Gotteskriegern nur vor, dass er sich für Allah in die Luft jagen will. Sein wahres Ziel: Rache. Doch der CIA kommt dazwischen und macht mal schnell kurzen Prozess mit den Terroristen (denn wozu verhaften und vor ein ordentliches Gericht stellen?).

Mit ein bisschen gutem Zureden schließt sich Mitch kurz darauf einer Anti-Terror-Einheit der Agency an, wird von Stan Hurley (siehe oben: harter Hund, weiches Herz) ordentlich in die Mangel genommen und jagt schließlich einem ehemaligen Mitglied seiner Einheit hinterher, das die Seiten gewechselt hat und jetzt aus Trotz und Enttäuschung (Stichwort: Daddy Issues) eine Handvoll Nuklearwaffen auf die Menschheit loslassen will. Kann man machen.

American Assassin | Shiva Negar

Wäre „American Assassin“ ein B-Film mit Gerard Butler (der zu einem früheren Zeitpunkt tatsächlich für die Hauptrolle im Gespräch gewesen sein soll), könnte die Angelegenheit durchaus Spaß machen. Doch das Produzententeam um Lorenzo di Bonaventura („Transformers“, „R.E.D“, „G.I. Joe“, „Jack Ryan“) hatte anderes im Kopf: Ein Franchise nach der überaus erfolgreichen Buchreihe von Vince Flynn nämlich, die seit dem Tod des Autors 2013 von Kyle Mills weitergeführt wird. Doch eine lange Vorproduktionsgeschichte mit mehreren Drehbuchversionen (darunter eine von Edward Zwick) und dem Druck eines nahenden Lizenzverlustes im Nacken haben dem Stoff sichtbar geschadet.

Es mag an sich eine gute Idee gewesen sein, die Hauptrolle mit einem jungen Darsteller zu besetzen, der die Reihe über Jahre hinweg begleiten kann, doch der aus den „Maze Runner“-Filmen bekannte Dylan O’Brien erweist sich leider als arg charismafrei und hinterlässt trotz solider schauspielerischer Leistung nur wenig bleibenden Eindruck. Umso mehr rückt Keaton als eigentliches Verkaufsargument des Films in den Mittelpunkt und stiehlt ihm (gerne auch ungewollt) die Show.

Kein Kassengift, aber die überschaubaren Einspielergebnisse haben den ursprünglichen Franchise-Plänen nicht gerade die besten Voraussetzungen hinterlassen. Ein Serienableger für einen der großen Streaminganbieter wäre vermutlich die bessere Variante gewesen. [LZ]

OT: American Assassin (USA 207). REGIE: Michael Cuesta. BUCH: Stephen Schiff, Michael Finch, Edward Zwick, Marshall Herskovitz. MUSIK: Steven Price. KAMERA: Enrique Chediak. DARSTELLER: Dylan O’Brien, Michael Keaton, Sanaa Lathan, Shiva Negar, Taylor Kitsch, David Suchet, Scott Adkins, Charlotte Vega. LAUFZEIT: 108 Min (DVD), 112 Min (Blu-ray). VÖ: 22.02.2018.

American Assassin | DVD-Cover

[Abbildungen: Studiocanal]

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