Am Sonntag bist du tot (Calvary) | Filmkritik

15. April 2015

Mut kann man dem Filmemacher John Michael McDonagh („The Guard“) mit Blick auf seine zweite abendfüllende Regiearbeit keineswegs absprechen. Immerhin verbindet das 2014 beim Sundance Film Festival uraufgeführte Drama „Am Sonntag bist du tot“ atemberaubend raue Landschaftsaufnahmen mit garstigen Pointen und bedrückenden Reflexionen zum sündhaften Wesen des Menschen. Anders als der etwas beliebige deutsche Verleihtitel, unterstreicht das englische Pendant, worum es McDonagh in erster Linie geht.

Nicht umsonst weist der Originaltitel „Calvary“ auf den im Deutschen als Golgotha bekannten Hügel außerhalb Jerusalems hin, auf dem Jesus laut Überlieferung den Tod am Kreuz fand. Schuld, Sühne und die Übernahme von Verantwortung sind die thematischen Ankerpunkte eines eigenwilligen Films, der seine starke Prämisse allerdings nur eingeschränkt überzeugend ausformen kann. Das stets präsente Zentrum der Handlung bildet der Ire Brendan Gleeson, der hier als gutmütiger, gegen alle Widerstände ankämpfender Priester James Lavelle zu sehen ist. Schon in der Eröffnungsszene ruht der Kamerablick ausschließlich auf der Hauptfigur, die im Beichtstuhl ganz unerwartet mit dem Tod bedroht wird.

Ein Mann, der als Kind von einem mittlerweile verstorbenen Geistlichen fortlaufend vergewaltigt wurde, will am aufrichtigen Lavelle ein Exempel statuieren und ihn in einer Woche töten, um auf sein langjähriges Leiden aufmerksam zu machen. Der Landpfarrer, der seinen Gesprächspartner kennt, weiß nicht recht, wie er die tödliche Prophezeiung einordnen soll und versucht in den nächsten Tagen, seine nicht gerade gläubige Gemeinde auf den rechten Weg zu bringen. Parallel erhält er Besuch von seiner angeschlagenen Tochter Fiona (Kelly Reilly), die gerade einen gescheiteren Selbstmordversuch hinter sich hat.

Selbst wenn am Anfang eine schwerwiegende Drohung steht, die auch deshalb Unbehagen erzeugt, weil uns die Identität des potenziellen Mörders vorenthalten wird, sorgt die Warnung nicht für pausenlose Anspannung. Vielmehr tauchen wir nach dem seltsamen Beichtgespräch gemeinsam mit dem Protagonisten in einen reichlich verschrobenen Kleinstadtkosmos ein, über den der Film diverse zwischenmenschliche und gesellschaftliche Probleme anschneidet. Themen wie sexuelle Vorlieben, Ehebruch und die Angst vor islamistischem Terror finden in den häufig herrlich zugespitzten Dialogen ebenso Raum wie die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise und der zunehmende Vertrauensverlust in die früher einmal starke Institution „Kirche“.

Immer wieder werden handfeste Wahrheiten auf den Punkt gebracht, die einerseits zum Schmunzeln einladen, andererseits aber auch äußerst nachdenklich stimmen. Dass die Bezüge und Anspielungen nicht in allen Fällen überzeugen wollen, hat vor allem damit zu tun, dass der Film sein skurriles Figurenpersonal manchmal zu karikaturenhaft zeichnet und so seine durchaus gewichtigen Fragestellungen ein wenig untergräbt.

Wie am Reißbrett entworfen wirkt etwa Lavelles jüngerer Kollege, der all das verkörpert, was der Kirche heutzutage (in Teilen berechtigterweise) vorgeworfen wird. Sein Interesse gilt nicht dem wirklichen Gemeindeleben, sondern Richtlinien und Zahlen. Kurzum: Ihm fehlt die innere Überzeugung für seine Arbeit, die sich eigentlich mit den Menschen und ihren Sorgen und Ängsten befassen sollte.

Erfrischend und nuanciert erscheint demgegenüber der von Gleeson charismatisch dargestellte Protagonist. Father James ist gutherzig, gebildet, wendet sich den Menschen zu und kann doch nicht von sich behaupten, ohne Schuld zu sein, wie ihm seine Tochter in einer eindringlichen Unterredung behutsam, aber entschieden begreiflich macht. McDonaghs Gespür für differenzierte Betrachtungsweisen bricht nicht zuletzt im furiosen Finale hervor, wenn das nach wie vor traumatisierte Missbrauchsopfer endlich ein Gesicht bekommt und Lavelle deutlich vor Augen führt, dass auch dessen moralischer Kompass mitunter verrücktspielt. [Christopher Diekhaus]

Calvary

OT: Calvary (IE/UK 12014) REGIE: John Michael McDonagh. BUCH: John Michael McDonagh. MUSIK: Patrick Cassidy. KAMERA: Larry Smith. DARSTELLER: Brendan Gleeson, Kelly Reilly, Aidan Gillen, Chris O’Dowd, Dylan Moran, M. Emmet Walsh, Isaach De Bankolé, Marie-Josée Croze, Domhnall Gleeson, David Wilmot, Orla O’Rourke. LAUFZEIT: 97 Min (DVD), 101 Min (Blu-ray). VÖ: 24.03.2015.

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment]

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