Altered Carbon | Ich ist ein anderer: Netflix macht sich unsterblich

03. März 2018

Altered Carbon

[Lesedauer: ca. 2:50 Minuten]

Gegen Ende des 24. Jahrhunderts ist der alte Cartesische Leib-Seele-Dualismus endgültig ad acta gelegt. Die eigene Persönlichkeit lässt sich auf eine Art Speicherstick herunterladen und beliebig in einen neuen Körper einsetzen, wenn der alte ausgedient hat. In der Welt von „Altered Carbon“ heißen diese beiden Elemente „Stack“ und „Sleeve“, aber am Ende sind das auch nur Vokabeln. Ohne Haken ist diese ziemlich vereinfachte Form der Metempsychose allerdings nicht. Denn wo die Schere zwischen Arm und Reich besonders weit aufgeht, müssen die weniger gut Betuchten leider mit den Körpern auskommen, die gerade zur Verfügung stehen – und da kann der Stack eines verstorbenen Kindes schon mal im Sleeve eines alternden Erwachsenen wiederkehren. Geschlechtswechsel inklusive.

Angesichts einer zunehmend raffinierter werdenden VR-Technologie und den damit verbundenen Interaktions-Angeboten ist der Körpertausch ein naheliegendes Thema, das aktuell die eine oder andere interessante Blüte treibt: In „Get Out“ lassen sich alternde weiße Amerikaner per Ritual in die Physis junger Schwarzer verpflanzen; in der Neuauflage von „Jumanji“ nehmen jugendliche Gamer im titelgebenden Computerspiel auf unerklärliche Weise die Gestalt ihrer digitalen Alter Egos an; und in einer Episode der bahnbrechenden britischen Scifi-Serie „Black Mirror“ ist längst gar ein virtuelles Jenseits entwickelt worden, in das man sich nach seinem Ableben uploaden kann.

In der (bislang) 10-teiligen Netflix-Serie nach dem ersten Buch einer Romantrilogie von Richard Morgan sind die Verhältnisse aber insgesamt noch vielschichtiger. Körper lassen sich klonen, Stacks jederzeit beliebig austauschen und Realitätssimulationen jenseits des jeweiligen Sleeves täuschend echt vorgaukeln (zum Beispiel als Foltermethode). Zudem gehören reine KI-Existenzen mit eigenem Bewusstsein zur Tagesordnung und Stacks können beliebig kopiert werden. Klingt kompliziert? Ist es auch. Und da liegt die Crux dieser ambitionierten Serie, bei der man schonmal den Überblick verlieren kann.

Altered Carbon | Joel Kinnaman

Im Kern erzählt „Altered Carbon“ eine klassische Noir-Geschichte: Der Stack des ehemaligen Elitesoldaten (jedenfalls sowas in der Art) Takeshi Kovacs wird 250 Jahre nach seinem Ableben aus der Kältekammer geholt und in den Körper eines kürzlich verstorbenen Cops eingesetzt, der – wie sich später herausstellt – seine Nase zu tief in Angelegenheiten gesteckt hat, denen er besser ferngeblieben wäre. Der Grund für Kovacs’ Auferstehung: Ein steinreicher Industrieller (James Purefoy) will den Mörder seiner eigenen früheren Inkarnation aufspüren lassen. Doch wie im Noir üblich, ist das nur die Spitze des Eisberges. Im Verlauf seiner widerwillig aufgenommenen Ermittlungen stößt Kovacs auf ein Wespennest aus Korruption und Identitätsirrsin, das nicht zuletzt auch in seine eigene Vergangenheit führt.

Es fällt nicht schwer, hier rasch den Faden zu verlieren, denn das Letzte, was die Serie zu bieten hat, ist ein klarer Fokus. Nicht selten wird man sich angesichts ständiger Körperwechsel fragen, mit wem man es gerade eigentlich zu tun hat. Das mag einen gewissen Reiz haben, macht es aber auch nicht wirklich einfacher, bei der Stange zu bleiben. Hinzu kommen mehrere Zeit- und Realitätsebenen, in denen dieselben Figuren mit anderen Gesichtern auftauchen und Nebenstränge durchspielen, deren Bezug zur Haupthandlung sich erstmal nicht erschließt (wenn überhaupt). Das kann man durchaus anstrengend finden. Ganz abgesehen vom gängigen Noir-Effekt: Kovacs mag zwar der Protagonist sein, doch die Handlung voran treiben andere, von deren Existenz er genausowenig weiß wie der Zuschauer.

Das alles wäre halb so problematisch, wenn einen der überwiegende Teil des Personals nicht so ernüchternd kalt lassen und der allgemeine Grundton weniger humorlos bleiben würde. Bezeichnend: die einzige Figur, die hier ausbricht, ist eine künstliche Intelligenz, die als Hoteldirektor namens Poe (sieht so aus wie er heißt) mehr Identifikationspotential zu bieten hat als der überraschend blasse Kovacs (je nach Inkarnation und Alter Joel Kinnaman, Will Yun Lee oder Kinderdarsteller Morgan Gao). Stärker geraten sind einige der Frauencharaktere, doch selbst die recht gut gezeichnete Polizistin Kristin Ortega (Martha Higareda, „Royal Pains“) geht angesichts des manchmal arg komplexen Überbaus schlicht unter. Zu sehr ist man als Zuschauer damit beschäftigt zu verstehen, was gerade geschieht, als dass man sich genauer um die Figuren kümmern kann.

Altered Carbon | Chris Conner

Natürlich sind die unterschiedlichen Spielarten, die sich mit dem zugrundeliegenden Körper- und Identitätswechsel anbieten, durchaus originell, nur werden sie in aller Regel nicht sonderlich weit ausgeleuchtet. Da kehrt etwa die Ehefrau und Mutter plötzlich als Mann zurück, ohne dass allzu großes Aufsehen darum gemacht wird. Mehr fällt den Machern schon ein, wenn der ehemalige Liebhaber nun von einem anderen Stack belebt wird, die körperliche Anziehungskraft aber geblieben ist und deshalb früher oder später die Hüllen fallen (ist das schon Nekrophilie oder sind wir hier bei „Vertigo“?). Vielleicht noch ein bisschen angedeuteter Inzest gefällig? Ist dabei.

Insgesamt setzt „Altered Carbon“ ganz exzessiv auf seinen Look, der es leicht mit vergleichbaren Kinoproduktionen aufnehmen kann – und deshalb auch eigentlich auf die große Leinwand gehört. Das ist ein Umstand, der das wesentliche Manko einer Produktion wie dieser schmerzhaft deutlich macht. Was Netflix mittlerweile bereitwillig und mit breiter Brust ermöglicht, bleibt auf den heimischen Bildschirmen (oder Smartphones) verhaftet und kann sich dort nur bedingt entfalten. Es ist also lediglich eine Frage der Zeit, bis die ersten Streaming-Theater installiert werden, die es dem Abonnenten gegen erhöhte Gebühr ermöglichen, neue Inhalte im IMAX-Format zu bingen. Oder ist das selber nur ein bisschen Scifi? [LZ]

OT: Altered Carbon (USA 2018). REGIE: Uta Briesewitz, Alex Graves, Peter Hoar, Nick Hurran, Andy Goddard, Miguel Sapochnik. BUCH: Laeta Kalogridis, Nevin Densham, Steve Blackman, Russel Friend, Garrett Lerner, Brian Nelson, Casey Fisher. MUSIK: Jeff Russo. KAMERA: Martin Ahlgren, Neville Kidd. DARSTELLER: Joel Kinnaman, Martha Higareda, Chris Conner, Dichen Lachman, Renée Elise Goldsberry, Ato Essandoh, Kristin Lehman, James Purefoy, Hiro Kanagawa, Marlene Forte. LAUFZEIT: 10 x 60 Min.

[Abbildungen: Netflix]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Tags:

Kommentare sind geschlossen.