Alphas / Defiance: Zwei US-Serien des Syfy-Channels neu im Home Entertainment

22. Juli 2013

Alphas / Defiance

Mittlerweile bleiben die meisten US-Serien dem deutschen Free-TV gänzlich fern. Die Erfahrung hat gezeigt, dass der hiesige Zuschauer sich nur noch allzu ungern auf die komplexen Erzählstränge einlässt, von denen die beständig wachsende Qualität der neueren Produktionen profitiert. Wo einzelne Folgen verzichtbar werden, sieht das anders aus. Reihen wie „Navy CIS“, „Bones“ oder „Criminal Minds“ sorgen weiterhin für kalkulierbare Quoten. Doch wenn eine präzise Terminplanung notwendig wird oder der Festplattenrekorder einspringen muss, um den Anschluss nicht zu verlieren, tut man sich hierzulande ziemlich schwer. Andere Verwertungsstrategien sind unumgänglich.

Die Wandlung des Konsumverhaltens liegt auf der Hand. Wo sich Pro7 einst als Seriensender profilieren wollte und reihenweise hochwertige Produktionen einkaufte, funktionieren heute nur noch Sitcoms. Als selbst eine Kultserie wie „Lost“ nicht mehr genügend Interesse generieren konnte, um die werbetreibende Industrie anzulocken, und deshalb verschämt zu Kabel Eins verschoben wurde, war unübersehbar geworden, dass sich mit dem wöchentlichen Cliffhanger kein Blumentopf mehr gewinnen ließ. Heute finden selbst die ganz großen Erfolgsserien wie „The Walking Dead“ oder „Game of Thones“ nur noch in Blockprogrammierung statt, und das wenige Tage vor der Veröffentlichung der zugehörigen DVD- und Blu-ray-Boxen. Teaser-Marketing eben.

Will man den Zuschauer überhaupt noch am Ball halten, geht bei den Privatsendern ohne Streaming nach der Erstausstrahlung heute gar nichts mehr. Versuche, mit Kleinbeträgen vorab bereits die Folge der nächsten Woche zu verkaufen, müssen sich erst noch bewähren. Spartenkanäle wie Syfy hingegen, die auf feste Zielgruppen setzen und mit mehreren Ausstrahlungsterminen für ein und dieselbe Folge einer Serie antreten, punkten vor allem mit tagelangen Endlos-Loops von „Star Trek“ oder „True Blood“. Dazwischen lassen sich – sozusagen als Programmhöhepunkte – zwar auch neue Produktionen einbinden, doch die sollen in erster Linie Abonnenten zu gewinnen. Eine Strategie wie bei den großen Burger-Ketten. Auf Quote schielen muss der Sender dabei jedenfalls nicht, denn der Zuschauer zahlt ja sowieso.

Es muss also wenig wundern, wenn bei aktuellen Beispielen wie „Alphas“ und „Defiance“ nur ein vergleichsweise überschaubares Fenster von wenigen Wochen zwischen deutscher Erstausstrahlung (beide auf Syfy) und physischem Home Entertainment liegt. Das Verkaufsargument ist für den Sender schnell ausgereizt und neue Highlights müssen her. Im Fall von „Alphas“ betrug das Verwertungsfenster rund vier, bei „Defiance“ sogar nur drei Monate. Für Nicht-Abonnenten ein echter Vorteil. In den USA ist die erste der beiden Serien nach zwei Staffeln allerdings schon wieder eingestellt worden. Für den Neueinsteiger ist das ziemlich frustrierend, denn auf eine Auflösung aller Handlungsstränge wird man vergeblich warten.

Alphas

Alphas – Staffel 1

Irgendwo zwischen „Fringe“ und dem „A-Team“ angesiedelt, arbeitet eine Spezialeinheit des US-Verteidigungsministeriums an Fällen, die sich aller herkömmlichen Logik entziehen. Ungewöhnlich dabei: Das Team besteht gerade einmal aus sechs Personen, von denen fünf über Kräfte verfügen, die sonst nur in Comics aus dem Hause Marvel oder DC existieren. Sie gehören zu den titelgebenden „Alphas“, von denen sich auf der anderen Seite des Gesetzes noch wesentlich mehr tummeln. Besonders gefährlich dabei: Eine lange zerschlagen geglaubte Geheimorganisation namens „Red Flag“, die sich die Fähigkeiten der Alphas zunutze macht.

2006 war der Superhelden-Overkill noch weit entfernt. Vermutlich im Zuge des einschlägigen Erfolgs von „Heroes“ hatten Zak Penn („X-Men 2“, „Avengers“) und Michael Karnow unter dem damaligen Titel „Section 8“ ihre eigene Variante entwickelt, die das Sujet mit mehr Bodenständigkeit angehen wollte. Als das Projekt dank des großen Autorenstreiks vier Jahre später in Produktion ging, war das Konzept fast schon wieder überholt. NBC hatte „Heroes“ gerade eingestellt und distanzierte sich kurz darauf von der geplanten Produktion einer „Wonder Woman“-Serie. Superhelden beherrschten die Kinoleinwände, auf den TV-Bildschirmen hatten sie aber erst einmal nichts mehr verloren. Mit der Ankündigung des „Avengers“-Ablegers „Agents of S.H.I.E.L.D.“ soll sich das jetzt wieder ändern, doch für die „Alphas“ kommt die Wende zu spät.

Alphas | David Strathairn

Dabei hat die Show durchaus ihren Reiz. Die Fähigkeiten der Figuren bewegen sich gerade noch so am Rande des Vorstellbaren und jeder einzelne hat seine ganz individuellen Beweggründe, mit ihnen zu hadern. Nina Theroux etwa ist in der Lage, jedermann per Hyperinduktion zu manipulieren, und lebt mit der traumatischen Vorstellung, ihren Vater und Bruder auf diese Weise in den Selbstmord getrieben zu haben. Rachel Pirzad sieht sich beständig mit stark erhöhten Sinneswahrnehmungen konfrontiert und ist deshalb völlig beziehungsunfähig. Und Gary Bell, Savant und Autist, mag zwar in der Lage sein, jegliche elektromagnetische Wellen wahrzunehmen und aus ihnen Informationen herauszufiltern, doch seine sozialen Kompetenzen tendieren gegen Null.

Keine Sonderbegabung hat hingegen der Leiter des Teams, und das macht ihn besonders interessant. Zurückhaltend porträtiert von David Strathairn („Das Bourne Ultimatum“), ist Dr. Lee Rosen eher das Gegenteil einer Führerfigur. Fehlbar, oft unsicher, manchmal gar fragwürdig, gerät er immer wieder mit seinen Schützlingen aneinander. Ein paar wunderliche Eigenheiten halten ihn skurril genug, um dem Zuschauer ein Stück weit fremd zu bleiben, ohne dabei jedoch den Identifikationswert zu verlieren. Weitere vielschichtige Charaktere und einige Genre-Gaststars (Summer Glau, Brent Spiner, Lindsay Wagner) tragen das Ihre zum insgesamt guten Eindruck der Serie bei. Für ein längerfristiges Überleben reichte das jedoch alles nicht.

In Deutschland ist jetzt zunächst die 10-teilige erste Staffel erschienen. Unter den Extras befindet sich das aufschlussreiche und unterhaltsame 2011er ComicCon-Panel zur Serie, an dem allerdings nur Penn, Karnow und Strathairn teilnahmen. Für mehr reichte das Budget damals offenbar nicht. Ob Universal die zweite Staffel nachschiebt, entscheiden vermutlich die Verkaufszahlen.

OT: Alphas – Season 1 (USA 2011) REGIE: Nick Copus, Leslie Libman, J. Miller Tobin. BUCH: Michael Karnow, Zak Penn, Robert Hewitt Wolfe, Adam Levy, Ira Steven Behr, Michael Chamoy. MUSIK: Edward Rogers. KAMERA: David Perrault, Mahlon Todd Williams. DARSTELLER: David Strathairn, Ryan Cartwright, Warren Christie, Azita Ghanizada, Laura Mennell, Malik Yoba, Mahershala Ali, Summer Glau, Brent Spiner, Lindsay Wagner. LAUFZEIT: 494 Min. (DVD). VÖ: 06.06.2013.

Defiance

Defiance – Staffel 1

Ein besseres Schicksal als die Einstellung nach der zweiten Staffel möchte man dieser Produktion wünschen. Angesiedelt in der nahen Zukunft, Jahrzehnte nach einer Alien-Invasion mit anschließendem Krieg und weitreichender Terraformierung, entwirft „Defiance“ ein Gesellschaftskonstrukt, in dem Menschen und unterschiedliche außerirdische Rassen miteinander auskommen müssen. Die titelgebende Stadt, ehemals St. Louis, ist ein Mikrokosmos, der beständig auf einem Pulverfass sitzt. Demokratie und Bürgerrechte kollidieren mit archaischen Alien-Religionen, während im Hintergrund Intrigen gesponnen und Machtverhältnisse verteilt werden.

Wer sich auf dieser Grundlage allerdings den etwas arg zerredeten Pilotfilm ansieht, wird nur ansatzweise einen adäquaten Eindruck von dem bekommen, was den Rest der Serie ausmacht. Ein bisschen viel lässt man hier gegen Ende die CGI-Muskeln spielen und ist dabei seiner Zeit sichtbar hinterher. Doch da man auch für ein begleitendes Multiplayer-Onlinegame die Werbetrommel rühren muss, ist eine ausgedehnte Schlachtsequenz mit einer Alien-Armee unvermeidbar. Zu sehr will man da Kino sein, kann es aber – vor allem aus Budgetgründen – den einschlägigen Vorbildern nicht gleichtun. Die eigentlichen Stärken der Serie entfalten sich erst in den einzelnen Episoden.

Defiance | Trenna Keating, Stephanie Leonidas

Im direkten Vergleich mit „Alphas“ ist „Defiance“ merklich aufwendiger, komplexer, aber auch ausbaubarer. Fast mühelos spinnen sich neue Handlungsstränge aus dem Pool eines recht umfangreichen Ensembles. Je nach Gewichtung kann man von vier bis sechs Hauptcharakteren sprechen und noch einmal einer ganzen Handvoll wichtiger Nebenfiguren, die von Folge zu Folge unterschiedlich weit in den Vordergrund rücken. Lediglich Joshua Nolan, Kriegsveteran und neuer Sheriff der Stadt (Grant Bowler, „True Blood“), und Bürgermeisterin Amanda Rosewater (Julie Benz, „Dexter“) fehlen in keiner Episode. Doch nicht immer tragen sie zugleich auch die zentralen Konflikte aus.

Einen entscheidende Rolle kommt Nolans Alien-Ziehtochter Irisa zu, deren ungestümes Teenagertum zusätzlich von einer traumatischen Vergangenheit und einer massiven empathischer Begabung befeuert wird. Faszinierend gerät auch der schillernde Antagonist Datak Tarr, ein außerirdischer Schwarzhändler mit politischen Ambitionen und berstendem Ego. Die Fäden im Hintergrund zieht jedoch seine Ehefrau Stahma (Jaime Murray, „Warehouse 13“) – eine eiskalt kalkulierende Lady Macbeth mit einem beängstigenden Talent zu Manipulation und Einflüsterei.

Defiance | Jaime Murray

„Defiance“ mag nicht „The Walking Dead“ sein, aber so manche Elemente lassen durchaus eine gewisse Rohheit zu, die anderen Serien mit vergleichbarem Sujet („Terra Nova“, „Revolution“, „Falling Skies“) eher fremd sind. Folter, Menschenversuche, Prostitution (Mia Kirshner gibt eine hinreißende Vorstellung als Bordellbetreiberin) gehören zum Themenspektrum, auch wenn visuell alles weitestgehend moderat bleibt. Auf der anderen Seite schlagen die meisten Episoden kurz vor den Credits noch rasch einen versöhnlicheren Ton an und enden mit einem Funken Hoffnung. Alles in allem ist das mehr Abenteuer und Fantasy als finstere Dystopie. Dessen muss man sich bewusst sein.

Hinter der Serie stecken TV- und Scifi-Veteranen wie Rockne S. O’Bannon („Farscape“, „V – Die Besucher“), Kevin Murphy („Reaper“, „Desperate Housewives“) und Michael Taylor („Dead Zone“, „Battlestar Galactica“, „Star Trek“). Bear McCreary, derzeit wohl der begehrteste TV-Komponist im US-Fernsehen, steuert einprägsame Musik bei, die in der Videospielfassung noch eine Spur epischer ausfällt und auch abseits der Bilder ein genaueres Hinhören lohnt. Die US-Ausstrahlung der zweiten Staffel ist für Mitte 2014 angekündigt. [LZ]

OT: Defiance – Season 1 (USA 2013) REGIE: Michael Nankin, Allan Kroeker, Omar Madha, Scott Stewart, Andy Wolk. BUCH: Kevin Murphy, Rockne S. O’Bannon, Clark Perry, Michael Taylor, Anupam Nigam, Todd Slavkin, Darren Swimmer. MUSIK: Bear McCreary. KAMERA: Thomas Burstyn, Attila Szalay. DARSTELLER: Grant Bowler, Julie Benz, Stephanie Leonidas, Tony Curran, Jaime Murray, Graham Greene, Mia Kirshner, Nicole Muñoz, Jesse Rath, Trenna Keating, Wesley French. LAUFZEIT: 536 Min. (DVD), 558 Min. (Blu-ray). VÖ: 18.07.2013

Defiance | Grant Bowler

Alphas | David Strathairn

[Abbildungen: Universal | Photo Credits: Syfy / Justin Stephens, Ken Woroner, Joe Pugliese, Ben Mark Holzberg, Frank Ockenfels]

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