Alles, was wir geben mussten | Filmkritik

19. April 2011

Never let me go | Filmkritik

Ein Bestseller-Autor wie Kazuo Ishiguro braucht heute nicht einmal mehr auf Leserreaktionen zu warten, um sicher zu sein, dass sein nächstes Buch früher oder später auch auf der Leinwand zu sehen sein wird. Alex Garland hatte jedenfalls schon ein Drehbuch verfasst und verkauft, noch bevor „Never let me go“ überhaupt veröffentlicht war. Ähnlich geht es derzeit Daniel H. Wilson, für dessen Roman „Robopocalypse“ sich Steven Spielberg die Filmrechte bereits im vergangenen Jahr gesichert hatte, obwohl das Buch selber erst im Juni 2011 erscheint. Darüber, ob derartige Entwicklungen nicht nur aus ökonomischer, sondern auch künstlerischer Sicht wirklich zu begrüßen sind, kann man geteilter Meinung sein. Im Fall von Mark Romaneks Ishiguro-Adaption jedenfalls ist das Ergebnis so sklavisch werkgetreu ausgefallen, dass sich nicht viel Eigenständigkeit erkennen lässt.

Dass Michael Bay jemals eine Vorlage von Kazuo Ishiguro verfilmen wird, ist weder sonderlich wahrscheinlich, noch in irgendeiner Weise wünschenswert. Doch auch wenn die Gemeinsamkeiten der beiden bereits mit Nennung desselben Heimatplaneten vollständig aufgezählt zu sein scheinen, kamen sie sich 2005 auf eine Weise nah, die entgegen aller berechtigten Zweifel auf echte Seelenverwandtschaft schließen lassen muss. Fast parallel erschienen zum damaligen Zeitpunkt Bays bis heute größter kommerzieller Misserfolg „The Island“ und Ishiguros vielgepriesener erster Genre-Roman „Never let me go“. Beide teilten sich ein auffallend ähnliches Sujet und ein geradezu verblüffendes Maß an inhaltlichen Gemeinsamkeiten. Der entscheidende Unterschied: Bays Film ist weitestgehend geradliniges Action-Kino und setzt somit auf das Handeln seiner Protagonisten. Im Roman hingegen definieren sich die Figuren vor allem durch Unterlassung. Welche Variante unter den gegebenen Voraussetzungen der jeweiligen Geschichte glaubwürdiger ist, muss jeder für sich selber entscheiden.

Mit Mark Romaneks Verfilmung bietet sich jetzt die Gelegenheit für ein schickes Doppelfeature, das weniger den breiten Abgrund zwischen grobschlächtigem Blockbuster-Kino und sensiblem Charakter-Drama vor Augen führt (eine obsolete Übung), als vielmehr zwei diametral entgegengesetzte Sichtweisen auf gesellschaftliche Mechanismen der Unterdrückung und den Umgang mit diesen einander gegenüberstellt. Dass beide (nicht nur „The Island“) in gewisser Weise Klischees bedienen, ist dabei nicht ganz von der Hand zu weisen. In der Weltsicht Ishiguros, des gebürtigen Japaners, werden auch die schlimmsten Formen der Entmenschlichung noch geduldig ertragen, beim Amerikaner Bay sprechen die Waffen. Das ist im direkten Vergleich so plakativ, dass einem schlecht werden kann.

Die Grundidee von Regierungseinrichtungen, in denen menschliche Klone aufgezogen werden, um später als Organlager zu dienen, ist reinstes Genre-Material. Doch für den Science-Fiction-Anteil interessieren sich Ishiguro, Romanek und Bay (bzw. dessen Autoren) nur am Rande. „Never let me go“ (mit „Alles, was wir geben mussten“ denkenswert oberflächlich eingedeutscht) betrachtet in erster Linie die nur schwer nachvollziehbare Bereitschaft der Figuren, ihre gesellschaftlich zugewiesene Rolle bedingungslos anzunehmen. Film wie Buch konzentrieren sich auf drei Protagonisten, deren schicksalhafte Verbindung zueinander die eigentliche Dynamik der Geschichte bestimmt.

Alles, was wir geben mussten

Kathy, Ruth und Tommy wachsen zusammen mit anderen Kindern ihrer Art in einem von der Außenwelt isolierten Internat auf. Über ihre Eltern wissen sie nichts, und wer die Grenzen des Grundstücks übertritt, so weiß man aus Erzählungen, bezahlt dafür mit seinem Leben. Doch es ist keine Atmosphäre der Angst, die das Leben der Schüler bestimmt. Sie alle haben große Zukunftsträume und lernen fleißig. Erst als eine neue Lehrerin die Verschleierung der Wahrheit nicht länger erträgt und den Kindern von ihrem tatsächlichen Schicksal erzählt, verschieben sich die Relationen. Doch tun sie das wirklich? Von einem Aufruhr ist nichts zu spüren, Fluchtversuche gibt es nicht. Eine leise Traurigkeit scheint über allem zu schweben, doch auch das könnte nur Einbildung sein.

Die Geschichte beginnt in den späten 70ern und umspannt insgesamt einen Zeitraum von etwa zehn Jahren. Futuristisch fällt hier also nichts aus. Die Welt ist dieselbe, nur die Lebenserwartung der Menschen hat sich verbessert. Es gibt keine öffentliche Diskussion über ethische Fragen des Klonens, keine politischen Gegenbewegungen, aber auch keine erkennbare Diskriminierung. Die Verhältnisse sind gefestigt und genießen die Anerkennung von Naturgesetzen. Nichts könnte normaler sein. Unter diesen Voraussetzungen erzählt „Never let me go“ eine tragische Dreiecksgeschichte, die als einzige Hoffnung nur den Aufschub kennt. Und das ist ebenso tieftraurig wie unerträglich. Denn dass die Protagonisten ihren sokratischen Schierlingsbecher willig leeren, ohne andere Optionen auch nur in Erwägung zu ziehen, setzen Buch wie Film axiomatisch voraus.

Für das Konzept von „The Island“ ein undenkbarer Gedanke. Flucht und Widerstand sind dort die einzigen adäquaten Reaktionen, und so artet das anfänglich vielversprechende Zukunftsszenario auch rasch in eine Hetzjagd aus, wie sie in großen Hollywood-Produktionen täglich am Reißbrett entstehen. Bei Ishiguro hingegen richten sich alle Bewegungen der Figuren entweder nach innen oder gegeneinander, und jegliches Handeln gerät zur Verzweiflungstat. Ruth (Keira Knightley) nimmt ihrer besten Freundin Kathy (Cary Mulligan) die Chance, zusammen mit Tommy eine Weile glücklich zu sein – nur um dies Jahre später rückgängig machen zu wollen. Kathy verliert sich stattdessen in sexuellen Eskapaden (allerdings nur im Buch) und übernimmt freiwillig die Betreuung anderer Klone von der ersten bis zur letzten Organspende. Tommy (Andrew Garfield), dessen Introvertiertheit ihn als Kind zum Außenseiter gemacht hat, vernachlässigt seine künstlerische Begabung und tauscht sie gegen eine vor allem körperlich dominierte Beziehung mit Ruth, obwohl er Kathy liebt.

Alles, was wir geben mussten

„Never let me go“ erzählt von verpassten Chancen, von gemachten Fehlern, die in einer längst nicht mehr zugänglichen Vergangenheit liegen, und von einem radikalen Fatalismus, der sich aller Möglichkeit auf Glück verweigert. „The Remains of the Day (Was vom Tage übrig blieb)“, die bekannteste Ishiguro-Verfilmung, funktioniert nicht wesentlich anders, und das gesellschaftliche Klassensystem, das den Figuren dort alle Türen verschließt, teilt sich mit der Klon-Dystopie dieselbe enklavische Natur. Warum die Protagonisten nicht aufstehen und sich wehren, bleibt dem Zuschauer und Leser in beiden Fällen unverständlich, und gerade das bestimmt die Schmerzhaftigkeit des jeweiligen Stoffs.

Dass Romaneks Verfilmung trotzdem seltsam distanziert erscheint, hat vor allem mit den Figuren zu tun. Keinem der drei kommt man wirklich nah, und ihre Emotionen bleiben über weite Strecken außen vor. Als Ruth aufbricht, ist es für eine Identifikation mit ihr längst zu spät, und Kathy erweist sich als so kontrolliert, dass einem jeglicher Zugang fehlt. Die Schuld dafür liegt weniger bei den Schauspielern als vielmehr beim Drehbuchs von Alex Garland („28 Tage später“, „The Beach“), das sich den Protagonisten vor allem von außen nähert. Einzige Ausnahme ist Tommy, der (in der behutsamen Darstellung von Andrew Garfield) mit seiner seltsamen Naivität am ehesten noch den diffus im Innern verborgenen (aber unerfüllbaren) Wunsch nach einem anderen Leben erkennen lässt.

Alles, was wir geben mussten

„Never let me go“ ist als Film im Wesentlichen werkgetreu, und damit ebenso sehenswert wie überflüssig. Romanek und Garland fügen dem Roman nichts hinzu, schaffen keine eigene Perspektive und nehmen sich gerade da zurück, wo die Vorlage einige ihrer größten Stärken hat. Den Titel selber, einem fiktiven Song entnommen, der für Kathy große Relevanz besitzt, stellen sie in einen abweichenden Zusammenhang und nehmen so nicht nur der Figur ein entscheidendes Charakterisierungselement, sondern schränken auch den Horizont der Geschichte selber in nicht unerheblichem Maß ein.

Am Rande: „The Island“ sah sich zum Veröffentlichungszeitpunkt mit einer Copyright-Klage konfrontiert, die man bei Dreamworks allerdings im Rahmen einer außergerichtlichen Einigung ausbremste. 1979 hatte ein filmhistorisch ziemlich irrelevanter Horrorfilm unter dem Titel „Parts: The Clonus Horror“ ein ähnliches Sujet aufgefahren und 16 Jahre später eine ideale Gelegenheit gesehen, die nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeit finanziell auszuschlachten (eine Produktion namens „The Resurrection of Zachary Wheeler“ hatte übrigens bereits 1971 mit Leslie Nielsen in der Hauptrolle eine weitere vergleichbare Grundidee zu bieten gehabt, ohne jedoch später gegen Bay vor Gericht zu ziehen). Dass sich Ishiguro mit seinem Roman derartiger Vorwürfe nie ausgesetzt sah, spricht dafür, dass Anwälte in Hollywood offenbar keine Bücher lesen. [LZ]

OT: Never let me go (UK/USA 2010). REGIE: Mark Romanek. BUCH: Alex Garland. KAMERA: Adam Kimmel. MUSIK: Rachel Portman. DARSTELLER: Carey Mulligan, Keira Knightley, Andrew Garfield, Charlotte Rampling, Sally Hawkins, Kate Bowes Renna. LAUFZEIT: 103 Minuten.

Alles, was wir geben mussten | Filmposter

[Abbildungen © 2010 Twentieth Century Fox]

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