Alles Geld der Welt | Filmkritik: Mehr ist mehr

15. Januar 2018

Alles Geld der Welt

[Lesedauer: ca. 3:15 Minuten]

Reich werden, das kann jeder, reich bleiben hingegen, das ist eine echte Leistung – doziert John Paul Getty I, zu seiner Zeit der vermutlich reichste Mann der Welt. Es ist der zentrale Glaubenssatz, in dem alle Fäden seines Handelns zusammenlaufen (zumindest in dieser Filmversion des historischen Getty aus der Feder von David Scarpa). Nachvollziehbar also, dass er für die Freilassung seines entführten Lieblingsenkels Paul weder die geforderten 17 Millionen Dollar, noch später 4, noch überhaupt irgendetwas zahlen will. Öffentlich begründet er seine Entscheidung wie ein Staatsoberhaupt: Er ist nicht erpressbar. Wer für einen Enkel zahlt, zahlt bald auch schon für alle anderen (und davon gibt es 14). Einen Vertrauten wird er an anderer Stelle mit der albernen Aussage abweisen, er könne sich das Lösegeld momentan schlichtweg nicht leisten. Punkt. Wer das alles für ziemlich unrealistisch hält, hat vermutlich noch nie mit Menschen zu tun gehabt, gegen die Dagobert Duck wie ein bescheidener Tagelöhner aussieht. Reichtum ist ein Wert an sich.

Das sieht Gettys Sicherheitschef und Ex-Spion Fletcher Chase (Mark Wahlberg), dessen Hauptaufgabe darin besteht, mit Scheichs, Warlords und anderen Kriminellen über heikle Angelegenheiten wie Bohrrechte und Transportrouten zu verhandeln, aus seiner Erfahrung völlig anders: Geld stehe immer für etwas, das man nicht habe und nie gehabt habe. Das ist eine simple Botschaft, denn wenn Gettys Wunsch, aus den Trümmern seiner verlorenen Familie eine Dynastie aufzubauen, am Drogenkonsum seines nichtsnützigen Sohnes und der strikten Ablehnung seiner mittellosen Schwiegertochter (Michelle Williams), sich das Sorgerecht für Paul abkaufen zu lassen, grandios scheitert, ist das Geld, das er später für die Lösegeldzahlung verweigert, genau das: ein Symbol für die Verweigerung dessen, was er sich nicht kaufen kann. So einfach funktioniert die Psychologie von „Alles Geld der Welt“. Aber vielleicht müssen die Dinge manchmal auch tatsächlich nicht komplexer sein.

Alles Geld der Welt | Michelle Williams, Mark Wahlberg

Es sind dramatische Ereignisse, die hier nacherzählt werden, denn im Kern kämpft eine Mutter um das Leben ihres Sohnes und scheitert dabei an der Sturheit eines alten Mannes. Das bleibt bis zum Finale fesselnd, selbst wenn man die realen Hintergründe kennt (und der Ausgang der Geschichte dank eines unglücklich platzierten Off-Erzählers schon zu Beginn vorweggenommen wird). Doch anstelle einer um historische Korrektheit bemühten Wiedergabe der Ereignisse setzt der Film in Drehbuch und Regie nicht selten auf stilisierte Überhöhung am Rand einer absurden Komödie. Gettys erster Auftritt etwa zeigt ihn (vermeintlich?) – und ja, es ist so albern, wie es klingt – beim Reinigen seiner Unterwäsche. Die paar Dollar, die ihn der zugehörige Service kosten würde, könne er mit ein bisschen Eigenaufwand locker sparen. Worte, mit denen er die Bühne betritt, ein Panorama aus Feinripp als Kulisse, fein säuberlich an einer Leine über der Badewanne zum Trocknen aufgehangen. Aber vielleicht ist das auch nur eine Form der Selbstinszenierung seiner Familie gegenüber, die ihm zum ersten Mal persönlich begegnet und sofort begreifen soll, was es heißt, ein Getty zu sein.

Szenen dieser Art gibt es einige, nur gewinnen sie mit einer drohenden Tragödie im Nacken zunehmend an boshafter Färbung. Seine finanzielle Lage sei fragiler denn je, behauptet Getty einmal, schenkt sich dabei ein Glas Champagner ein und hebelt die Frage, was ihm denn mehr Sicherheit bieten könne, als das ungeheuerliche Vermögen, das er bereits besitzt, mit einer völlig entwaffnenden Antwort aus: Mehr Geld. Und selbst als es so aussieht, als würde er sich aufgrund einer Zuspitzung der Verhältnisse plötzlich doch zur Zahlung des Lösegeldes bereit erklären, wartet er mit einem Trick auf, der ihm zwar Steuern spart, die Freilassung seines Enkels jedoch nicht bewirken kann. Ginge es dabei nicht um ein Menschenleben und das damit verbundene Leid einer Mutter, würde man gerne lauter auflachen und sich an die stets mit Gewinnergrinsen begleiteten Gemeinheiten eines J. R. Ewing erinnert fühlen.

Welche historischen Fakten es in den Film geschafft haben und welche nicht, ist das Ergebnis sorgfältigen Aussortierens am Rand der Geschichtsklitterung. Vor allem im opernhaften Finale, das mit seiner Parallelmontage nicht wenig an Coppolas dritten „Godfather“ erinnert, scheinen Buch und Regie auf historische Korrektheit zu pfeifen: Ereignisse, die dort miteinander in Verbindung gebracht werden, lagen real mehrere Jahre auseinander (wobei eine Parallelmontage Gleichzeitigkeit zwar evoziert, aber nicht zwingend erfordert). Das miserable Leben, das John Paul Getty III bis zu seinem frühen Tod später führen sollte, spart der Film zugunsten eines märchenhaft anmutenden Endes gänzlich aus.

Alles Geld der Welt | Michelle Williams, Mark Wahlberg

Für Ridley Scott, der immer gern von mächtigen Männern und ihren megalomanen Weltbildern erzählt, ist dieser Film nach den ärgerlichen Niederungen von „Alien: Covenant“ ein echter Segen. Ein bisschen war er dort selber in der Situation, etwas liefern zu müssen, dem er sich nur bedingt verpflichtet fühlte, und dem er so nachkam, wie es ihm in den Kram passte (und das gefiel niemandem). Abstrakte Gemeinsamkeiten mit Getty also? Warum nicht. Immerhin war der Milliardär zum Zeitpunkt der Entführung fast auf das Jahr genauso alt wie Scott heute – und nicht weniger unermüdlich. Vor allem aber ist es wohl eine ausgeprägte Form hartnäckiger Kompromisslosigkeit, die beide verbindet. Scott war jedenfalls nicht bereit, seinen Film einem Skandal zu opfern und ersetze bekanntlich den ursprünglichen Getty-Darsteller Kevin Spacey im Nachhinein durch Christopher Plummer.

Nun mag es dazu nicht zuletzt auf Druck des Studios gekommen sein, doch die Machbarkeit der zahlreichen Nachdrehs und ihrer nahtlosen Einbindung oblag nun einmal Scott, der dazu nur wenige Wochen Zeit hatte. Das Ergebnis ist technisch (und schauspielerisch) makellos, steht der Rezeption des Films allerdings massiv im Weg. Wer um die Umstände weiß, wird merkliche Schwierigkeiten haben, alle Getty-Sequenzen nicht wie gigantische Spezialeffekte wahrzunehmen – was sie letztlich auch sind. Zudem kann man die Frage, wie sich „Alles Geld der Welt“ wohl mit Spacey angefühlt hätte, nur schwerlich aus dem Hinterkopf verdrängen. Ein früher Trailer vermittelt davon lediglich einen ungenügenden Eindruck. Dass es die ursprüngliche Fassung jemals in irgendeiner Form zu sehen geben wird, muss man unter den gegebenen Umständen wohl eher ausschließen. [LZ]

P.S.: Eine weitere Aufarbeitung der Ereignisse bietet demnächst Danny Boyle mit „Trust“, einer auf 10 Teile angelegten TV-Serie. Die Rolle von Getty übernimmt dort Donald Sutherland.

OT: All the Money in the World (USA 2017). REGIE: Ridley Scott. BUCH: David Scarpa. MUSIK: Daniel Pemberton. KAMERA: Dariusz Wolski. DARSTELLER: Michelle Williams, Mark Wahlberg, Christopher Plummer, Charlie Plummer, Romain Duris, Timothy Hutton, Andrew Buchan, Marco Leonardi, Giuseppe Bonifati. LAUFZEIT: 132 Min. KINOSTART: 15.02.2018.

Alles Geld der Welt

[Abbildungen © TOBIS Film GmbH]

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