All Cheerleaders die | Filmkritik

21. September 2014

All Cheerleaders die

Es ist auch für die besten Filmemacher manchmal ratsam, die ambitionierten Projekte der Vergangenheit selbst dann ruhen zu lassen, wenn man irgendwann in der glücklichen Lage ist, sie merklich professioneller aussehen zu lassen. Wer als Gegenargumente Hitchcocks „Der Mann, der zuviel wusste“ oder im Notfall auch Tim Burtons „Frankenweenie“ ins Feld führen will, hat wahrscheinlich schon mehr oder weniger alle Beispiele ausgereizt, die ihm einfallen. „All Cheerleaders die“ dürfte man jedenfalls nur sehr bedingt mit aufzählen – und das ganz ohne Kenntnis des Originals.

Ein Quartett Cheerleaderinnen kommt bei einem Autounfall ums Leben, wird aber von der Schulhexe mithilfe magischer Steine wieder zum Leben erweckt. Fortan haben die Mädchen jede Menge Appetit auf frisches Blut. Eine von ihnen spielt falsch, zwei andere haben ungewollt den Körper gewechselt, Nymphomanie und Eifersucht machen sich breit. Einen erbitterten Gegner finden sie alle im Spielführer des Footballteams, für das sie bis dato Stimmung machten.

Um sich einen einigermaßen unvoreingenommenen Eindruck von dem stellenweise arg überladenen Genre-Zwitter verschaffen zu können, sollte man zunächst ignorieren, wer da auf dem Regiestuhl gesessen und das Drehbuch geschrieben hat. Lucky McKee genießt unter Horrorfans seit „May“ berechtigterweise einen exzellenten Ruf. Mit „Red“ und zuletzt „The Woman“ hat er zwei der besten Verfilmungen nach Vorlagen von Jack Ketchum abgeliefert (und mit dem Autor auch bereits schriftstellerisch zusammengearbeitet). Eine etwas alberne Horrorkomödie hat sicher niemand von ihm erwartet.

All Cheerleaders die

Das heißt nun zunächst einmal gar nichts, wird aber im Verlauf des Films zunehmend problematisch, denn eine Menge von dem, was McKees bisherige Arbeiten ausgezeichnet hat, fällt hier völlig hinten runter. Das ist vor allem im Umfeld der Figurenzeichnung von entscheidender Bedeutung. Sind die Mädchen vor ihrer Verwandlung zu blutdürstigen Untoten noch einigermaßen glaubwürdig geraten, so degenerieren sie danach im Wesentlichen zu überdrehten Cartoons mit Sitcom-Charakter. Für die männlichen Figuren gilt das durchgehend, aber das Y-Chromosom ist bei McKee ja ohnehin meistens minderbemittelt, hormongesteuert und latent gewalttätig.

Man steht als Zuschauer also schnell ziemlich alleingelassen da und hat niemanden, mit dem sich identifizieren lässt. Das sieht zu Beginn noch ganz anders aus: Im besten Found-Footage-Stil sehen wir zu, wie eine Video-Dokumentation über eine der Cheerleaderinnen gedreht wird und mit einer völlig unerwarteten Pointe abbricht. Das Mädchen hinter der Kamera heißt Maddy und ist zu diesem Zeitpunkt noch kein Team-Mitglied. Das wird sich jedoch schnell ändern, denn aus zunächst nicht näher erläuterten Rachegelüsten will sie dem Teamkapitän die Saison verderben.

Mit Maddy betritt ein Außenseiter die Cheerleader-Clique und nimmt den Zuschauer an die Hand. Doch mit dem Unfall und der Verwandlung der Mädchen kippt auch das Verhältnis zu ihr. Als einzige scheint sich bei ihr zwar auch als Untote nicht allzu viel geändert zu haben, doch genau deshalb wird sie für den Film offenbar uninteressant und die anderen Figuren rücken in den Mittelpunkt. Fortan artet die Geschichte zur Nummernrevue aus, in der immer mal wieder jemand in einem Maß ausgesaugt wird, das es bis dato nur in Tobe Hoopers bemerkenswertem „Species“-Vorläufer „Lifeforce“ zu sehen gab.

Das ist alles ganz amüsant, stellenweise bis zum Anschlag überdreht und auf Comic-Niveau blutlastig, wirklich überraschend fällt die Angelegenheit aber nicht aus. Die Frage, was die Macher eigentlich wollen, ist nicht ganz unberechtigt, denn mit der Oberfläche einer hanebüchenen, aber unterhaltsamen Horrorkomödie geben sie sich nicht zufrieden. An allen Ecken und Enden werden zwar die gängigen Stereotypen des Highschoolfilms mit ironischem Blick vorgeführt, doch kommen aus eben diesem Grund auch die dort üblichen Mittel zum Einsatz. Im Endeffekt macht es dann nur wenig Unterschied, ob der sexualisierte Blick der Kamera auf junge Frauen im knappen Bikini genau diesen Blick entlarven will oder nicht. Der Bildinhalt bleibt derselbe.

All Cheerleaders die

„All Cheerleaders die“ ist das Remake eines Films, den McKee zusammen mit Chris Sivertson, einem ehemaligen Kommilitonen von der Filmhochschule, bereits 2001 einmal gedreht hat – damals noch auf Video und mit erheblich geringeren finanziellen Mitteln. Sivertson (der mit McKee als Produzent „The Lost“ – ebenfalls eine Ketchum-Verfilmung – sowie den unsäglichen Doppelgänger-Nonsens „I know who killed me“ von 2007 zu verantworten hat) ist auch diesmal mit von der Partie. Worum die beiden so sehr an dem eher überschaubar originellen Stoff hängen, will nicht unbedingt einleuchten.

In seinen schwächsten Momenten erinnert diese Neufassung an die ähnlich gelagerte, von popkulturellem Feminismus, angedeutetem Lesbensex und übernatürlichem Revenge-Unsinn bestimmten Genrebeitrag „Jennifer’s Body“ (auch dort war die von Megan Fox dargestellte Hauptfigur übrigens Cheerleaderin). Beide zusammen würden ein schlüssiges Doppelfeature ergeben.

Eine der besten Ideen haben sich die Macher für die End Credits aufgehoben. Musikalisch kommen dort geschätzte drei Dutzend charttaugliche Songs zu Gehör, die allesamt nur wenige Takte angespielt werden, bevor auch schon der nächste Titel erklingt. Jeder von ihnen wäre in völliger Indifferenz der ideale Hitlieferant für einen Highschool-Film oder Teenage-Horror beliebiger Machart und Austauschbarkeit. [LZ]

P.S.: Unser Review bezieht sich auf die beim Fantasy Filmfest 2014 gezeigte Version. Ein deutscher VÖ-Termin ist derzeit noch nicht bekannt.

All Cheerleaders die

OT: All Cheerleaders die (USA 2013) REGIE: Lucky McKee, Chris Sivertson. BUCH: Lucky McKee, Chris Sivertson. MUSIK: Mads Heldtberg. KAMERA: Greg Ephraim. DARSTELLER: Caitlin Stasey, Sianoa Smit-McPhee, Brooke Butler, Amanda Grace Cooper, Reanin Johannink, Tom Williamson, Nicholas S. Morrison, Chris Petrovski, Leigh Parker, Jordan Wilson. LAUFZEIT: 89 Min.

All Cheerleaders die

[Abbildungen: Moderncine | Screencaptures]

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