Die Alien-Invasion als Schläfer-Parabel: Kollektive Paranoia zwischen Dark Skies und Independence Day

04. Februar 2015

Independence Day

Als Roland Emmerich 1996 das Weiße Haus von den mächtigen Waffen einer außerirdischen Rasse dem Erdboden gleichmachen ließ, hätte die Mehrheit der Amerikaner die Vorstellung einer realen Invasion im eigenen Land vermutlich als Absurdität abgetan. Folgerichtig bot „Independence Day“ einen Lobgesang auf die Army und den Stand militärischer Abwehr made in USA. Nicht einmal technologisch weit fortgeschrittene Invasoren aus dem All konnten da mithalten, und so flogen ihnen ihre Welteroberungspläne am Schluss gründlich um die Ohren. Fünf Jahre später geschah mit einem Angriff auf vermeintlich sicherem Heimatboden das Undenkbare. Seitdem liegt das Kartenhaus der eigenen Unverwundbarkeit einer ganzen Nation in Schutt und Asche.

Über ein Jahrzehnt später hat man bei 20th Century Fox offenbar beschlossen, dass die Zeit reif ist, die Arme wieder hochzukrempeln und alle Zweifel an der eigenen Stärke beiseite zu schieben. 2016 soll die lang angekündigte, zwischendurch ganz aus dem Blick verlorene, dann wieder auf den Tisch gebrachte Fortsetzung von „Independence Day“ an die glorreichen Einspielergebnisse des Originals anschließen. Ein dritter Teil ist gleich einmal mit anvisiert. Kann das wirklich funktionieren?

Der Ton in den narrativen Medien ist heute ein merklich anderer als damals. Paranoia- („Homeland“) und Weltuntergangsszenarien („The Walking Dead“) verkaufen sich besser als je zuvor. Bezeichnenderweise war es wiederum Emmerich, der 2004 mit seinem ersten Film seit 9/11 ein kassenträchtiges Ende des Planeten in Szene und damit einen Trend in Gang setzte. Militärisch ließ sich gegen die neue Eiszeit, die „The Day after Tomorrow“ mit viel CGI-Aufwand heraufbeschwor, jedenfalls nichts ausrichten.

Die erste große Alien-Invasion nach „ID4“ inszenierte ein Jahr später ausgerechnet Steven Spielberg, der zuvor eigentlich eher auf Du und Du mit den Außerirdischen zu sein schien (bis hin zu ihrem Kurzauftritt am Ende seiner Kubrick-Adaption „A.I.“, die drei Monate vor den Attentaten in die US-Kinos kam). Seine Version von „Krieg der Welten“ lässt die Army zwar eingreifen, doch tatsächlich etwas bewirken kann sie nicht. Am Ende ist es eine simple Immunschwäche, die den Invasoren den Garaus bereitet – je nach Lesart also ein kosmischer Zufall oder ein Deus ex Machina.

War of the Worlds

Drohende Weltuntergänge und Angriffe übermäßiger Gegner abzuwehren gelingt im Hollywood-Kino der posttraumatischen Nuller- und Zehnerjahre bislang nur mit Hilfe von Superhelden (die dabei einiges an Schrammen davontragen) und/oder Fantasietechnologien („Pacific Rim“). Selbst unter ultimativem Einsatz herkömmlicher militärischer Mittel lässt sich weder die Zombie-Apokalypse stoppen („World War Z“), noch ein urzeitliches Riesenmonster aus dem Verkehr ziehen („Godzilla“ in der 2014er Fassung).

Wie also nach 9/11 mit außerirdischen Invasoren umgehen, wenn herkömmliches Kriegsgerät nicht einmal in der „Transformers“-Reihe genügt (deren Beiträge zunehmend wie überlange Werbefilme für die Army daherkommen), um die Aliens auszumerzen oder doch wenigstens zu vertreiben? Von den Kollateralschäden und Zerstörungorgien, die notwendig sind, um am Ende einen Sieg davonzutragen, braucht man gar nicht erst zu sprechen (auch jenseits von Michael Bay bei den „Avengers“ oder dem „Man of Steel“ zu finden).

Wie auch immer Fox und Emmerich nächstes Jahr das Problem lösen wollen, es wird vermutlich wenig daran ändern, dass die Invasion der Außerirdischen zunehmend ganz anders verläuft als 1996 oder 2005. Denn sofern der Topos reale Ängste widerspiegeln (und ihnen begegnen) soll, wird der großangelegte Angriff von außen – nach momentaner politischer Lage – in naher Zukunft keine sonderliche Rolle spielen. Die Besucher aus dem All werden nicht vom Raumschiff aus auf brave Amerikaner schießen. Sie werden subtiler vorgehen. Sich unters Volk mischen, heimlich beobachten, Pläne schmieden und den einen oder anderen entführen (wie gerade erst Scarlett Johansson in „Under the Skin“).

Die Alien-Invasion eignet sich von jeher als Spiegel kollektiver Paranoia und bietet mit „Invasion of the Body Snatchers“ (1956) bekanntlich ein Idealbeispiel. Im Angstkatalog der Gegenwart – und damit sind keineswegs nur die Amerikaner gemeint – haben die Außerirdischen ihr Pendant im Schläfer gefunden. An allen Ecken und Enden lauert heute ein Nicholas Brody, nur weiß niemand so genau, wie er in den Griff zu kriegen ist. Die Aliens sind längst unter uns und jederzeit in der Lage zu zerstören, was uns lieb und teuer ist.

Dagegen helfen alle erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen nur vermeintlich, denn der Schläfer lässt sich zumeist erst dann erkennen, wenn es bereits zu spät ist. Wie so oft in der Historie des Mediums sind es die B-Filme, die den hier kulminierenden Ängsten als erste am nächsten kommen. Eine eher unspektakuläre Produktion wie „Dark Skies“ (bezeichnenderweise in Deutschland mit dem Titelzusatz „Sie sind unter uns“ ausgestattet) trägt eine Reihe entscheidender Faktoren zusammen, die der Bedrohung aus dem All das Gesicht des Schläfers verpassen.

Dark Skies

Angriffsziel ist eine typische amerikanische Vorzeigefamilie, ausgestattet mit jenen milden Formen der Dysfunktionalität, ohne die keine Figurenkonstellation heute mehr glaubwürdig verkaufbar ist. Dass die außerirdischen Invasoren schon seit Jahren ein Teil ihres Lebens sind, wird erst offenbar, als bereits alles zu spät ist. Und so hilft auch keine Sicherheitstechnologie. Wenn die Alarmanlage des gut bürgerlichen, per Hypothek finanzierten Einfamilienhauses anschlägt, belegt das zwar, dass sie theoretisch funktioniert, zeigt in gleichem Atemzug aber auch, dass sie nichts ausrichten kann: Die Eindringlinge machen mit ihr, was sie gerade wollen.

Auch ein vergleichsweise flächendeckendes Überwachungssystem, das einigen seltsamen Begebenheiten im Haus auf die Schliche kommen soll, erweist sich als nutzlos. Zwar zeichnen die Kameras brav alles auf, was in den einzelnen Zimmern vor sich geht, wenn die Bewohner schlafen, doch das Ergebnis hilft nicht wirklich weiter. Im Gegenteil: Als die Erkenntnis unumstößlich geworden ist, dass sich außerirdische Besucher im Haus zu schaffen machen, sieht sich die Familie mit einer besonders bitteren Wahrheit konfrontiert – es gibt keine Mittel und Wege, den Aliens zu entkommen.

Dass diese auch noch falsche Ziele vorgaukeln, um dann umso effektiver an anderer Stelle zuzuschlagen, gehört zu den gängigen Taktiken terroristischer Zellen. Hier bewirken sie erst die Destabilisierung und dann die Zerstörung der familiären Einheit mit langfristigen Folgen für alle Beteiligten (die im konkreten Fall allerdings nur angedeutet werden). Begabtere Filmemacher als Scott Stewart würden aus diesem Stoff eine beängstigende Parabel spinnen können. Doch bis es dazu kommt, ist nur eine Frage der Zeit.

Die Alien-Invasion als Bankrotterklärung der Angegriffenen trotz oder gerade wegen aller technischen Möglichkeiten bietet der chronischen Angst vor Unterwanderung durch feindlich gesinnte und inhaltlich nur schwer auf einen Nenner zu bringende Fremde eine willkommene Leinwand, auf der sich in düsteren Farben malen lässt. Am Ende werden es immer Bilder der Ohnmacht sein. Wer hier in den nächsten Jahren besonders virtuos den filmischen Pinsel führen wird, bleibt abzuwarten. [LZ]

Dark Skies

[Abbildungen: Twentieth Century Fox (Indepencence Day) | Paramount (War of the Worlds) | Entertainment One/Screencapture (Dark Skies)]

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