Alien: Covenant | Ist der Prolog das ursprüngliche Ende von Prometheus?

01. Mai 2017

Alien: Covenant | The Crossing

[Lesedauer: ca. 2:50 Minuten]

Unter dem Titel „The Crossing“ hat Fox vor einigen Tagen den insgesamt dritten viralen Clip zu Ridley Scotts neuerlicher Rückkehr ins „Alien“-Universum veröffentlicht. Explizit als Prolog ausgewiesen, zeigt der 2 ½-minütige Kurzfilm eine Handvoll Szenen, die an die Handlung des Vorgängers anschließen, ohne inhaltlich etwas auszuplaudern. Derartiges Vorab-Bonusmaterial ist bei den großen Blockbustern heute mehr oder weniger Standard. In diesem Fall allerdings drängt sich der Verdacht auf, dass man es in Wahrheit mit dem bislang ungezeigten Original-Ende von „Prometheus“ zu tun hat.

Dafür spricht einiges. Über die Credits etwa schweigt man sich interessanterweise aus. Im Fall der früheren Clips „Last Supper“ und „Meet Walter“ war die Urheberschaft ausdrücklich vermerkt worden („Conceived by Ridley Scott and 3AM, directed by Luke Scott, and produced by RSA Films“). Hier fällt sie gänzlich weg. Auch auf den Homepages von RSA und 3AM finden sich zwar die beiden anderen Beiträge, von „The Crossing“ jedoch keine Spur. Auffällig ist das unbedingt, denn warum sollten die Verantwortlichen ihre Beteiligung verschweigen bzw. nicht auf eine Nennung bestehen? Steht hinter dem Clip hingegen derselbe Rechtehinhaber wie hinter „Prometheus“ (also Fox), beantwortet sich die Frage von selbst.

Aber auch unabhängig von formalen und rechtlichen Fragen ist die These vom Original-Ende naheliegend: Im offiziellen Finale des Films machen sich Dr. Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und der auf seinen Kopf reduzierte Android David (Michael Fassbender) als einzige Überlebende der fehlgeschlagenen Expedition auf den Weg zum Heimatplaneten der Konstrukteure (im Original „Engineers“ – so nennen sie die potentiellen Erschaffer der menschlichen Rasse). Der Kurzfilm zeigt nun, begleitet vom Off-Monolog Davids und Jerry Goldsmiths 1979er „Alien“-Thema, wie Shaw dem Androiden wieder einen Körper verschafft, sie im Gegenzug von ihm in den Hyperschlaf versetzt wird, und das Raumschiff schließlich – vermutlich Jahre später – sein visuell beeindruckendes Ziel erreicht.

Alien: Covenant | The Crossing

Der Unterschied zum bekannten Ende ist bezeichnend. Wo „Prometheus“ in der jetzigen Fassung ergebnisoffen dasteht, setzt „The Crossing“ einen handfesten Cliffhanger, wie er in den einschlägigen Mehrteilern, die heute die Leinwände beherrschen, unverzichtbar geworden ist (wenn auch oftmals in Form einer Post-Credits-Sequenz). Warum also hat man sich – vorausgesetzt, unsere These trifft zu – bewusst gegen die letztere Variante entschieden? War man sich tatsächlich so unsicher, ob man die Reihe an dieser Stelle weiterführen wollte? Vermutlich. Dafür sprechen nicht zuletzt die zahlreichen Eingriffe des Studios, insbesondere pro/contra Xenomorph und die „Alien“-Mythologie per se, die in einer frühen Drehbuch-Version von Jon Spaiths noch eine wesentlich größere Rolle spielte. Eigener Aussage gemäß war es erst Damon Lindelof, der den Gedanken an ein Sequel, das unabhängig von der „Alien“-Reihe funktionieren könnte, überhaupt erst ins Gespräch gebracht hatte [1].

Aber auch insgesamt war der eigenständige Franchise-Charakter von „Prometheus“ nie völlig klar. Noch vor der US-Premiere wies Lindelof ausdrücklich darauf hin, dass ein Sequel keineswegs beschlossene Sache sei und er sich deshalb frühzeitig mit Scott darüber ausgetauscht hätte, wie man den Film als abgeschlossene Geschichte erzählen könne, ohne dabei gänzlich auf offene Fragen für eine mögliche Fortsetzung zu verzichten: „Ich sagte ihm, wir müssten darauf vorbereitet sein, dass die Leute frustriert sind, wenn wir ihnen zuviel vorenthalten, also sollten wir sehr vorsichtig damit sein, was wir uns für später aufheben.“ Schließlich sei es „keine ausgemachte Sache, dass es Fortsetzungen geben wird, und falls nicht, sollten wir mit dem zufrieden sein, was wir in diesem Film geboten haben.“ [2] Ein Finale wie „The Crossing“ hingegen hätte das Gegenteil zementiert.

Widerlegt aber genau das nicht unsere These? Schon denkbar. Genauso denkbar ist aber auch, dass sich Scott, Lindelof und Fox mit dem Cliffhanger zu einem früheren Zeitpunkt der Produktion eine Option offen gehalten haben. Wie unsicher man in mancherleich Hinsicht war, zeigen einige der bekannten (auf Blu-ray enthaltenen) unveröffentlichten Szenen. Und dass große Hollywood-Studios, die auf Entscheiderebene in aller Regel gerade nicht von Cineasten und Filmemachern geleitet werden, nach Tagesform mal so und mal anders entscheiden, heut vor- und morgen wieder zurückrudern, ist eine banale Erkenntnis. Also lieber sowohl einen Cliffhanger als auch ein weniger offenes Ende drehen lassen? Besser ist das.

Ob es über die tatsächlichen Hintergründe von „The Crossing“ je eine definitive und glaubwürdige Aussage geben wird, steht in den Sternen. Die Verantwortlichen jedoch bei Gelegenheit mit der Frage zu nerven, kann sicher nicht schaden. [LZ]

[Der Clip lässt sich übrigens hier begutachten.]

Alien: Covenant | Teaser-Poster

[Abbildungen: Screencaptures (Stills) | 20th Century Fox (Plakat)]

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