Aggression Scale – Der Killer in Dir | Filmkritik

22. November 2012

Aggression Scale

Wer sich bisher ziemlich ratlos gefragt hat, wie er einen erfolgreich durchgeführten Auftragsmord seinem Chef gegenüber rasch und fälschungssicher dokumentieren kann, darf sich jetzt beruhigt zurücklehnen, denn (Retro sei Dank) seitdem es wieder Polaroids gibt, braucht niemand mehr ein Smartphone. Wie zufriedenstellend die Instant-Kamera ihren Zweck erfüllt, zeigt Steven C. Millers haarsträubend guter Killerthriller bereits in den ersten Minuten anhand einiger anschaulicher Beispiele.

Und doch ist Mobster Bellavance, gerade kurzfristig auf Kaution freigesetzt und offenbar eine mittelgroße Nummer im organisierten Verbrechen, mit der Arbeit seiner schießwütigen Laufburschen eher unzufrieden, denn das richtige Konterfei lässt sich auf den stets überbelichteten Beweisfotos nicht entdecken. 500.000 Dollar seines ehrlich ergaunerten Vermögens sind verschwunden, und die braucht er dringend, um sich aus dem Staub zu machen. Zeit also, den Verräter zu finden und ihm eine Bleivergiftung zu verpassen.

Für die gut trainierten Waffenbrüder eigentlich kein Problem, und die Zielperson mit ihrer Patchwork-Familie ist auch tatsächlich schnell in ihrer Gewalt. Doch als der Auftrag praktisch schon abgeschlossen scheint und die Polaroid bereits gezückt ist, wird aus der scheinbar geradlinigen Home-Invasion-Variante urplötzlich ein verblüffender Zwitter aus „Rambo“ und „Kevin – Allein zu Haus“. Undenkbar? Ist aber so.

Aggression Scale

Aggression Scale

Autor Ben Powell („Satanic“) hat offenbar einigen Spaß an dem wilden Mashup-Konzept gehabt und in Miller (aktuell: „Silent Night“) einen echten Bruder im Geiste gefunden. Gemeinsam liefern sie einen explosiven Cocktail ab, der streckenweise aussieht wie „Spy Kids“ auf Acid und Robert Rodriguez neidisch machen könnte. Dass der erste Akt dabei ein bisschen arg entschleunigt geraten ist, lässt sich verzeihen, zumal der Film das Gaspedal gegen Ende dafür umso entschiedener durchtritt (auch wörtlich).

Im Zentrum der Geschichte steht der Sohn der Familie (sensationell: Newcomer Ryan Hartwig), ein psychisch offenbar massiv angeschlagener Junge, der nicht spricht und dessen Innenwelt niemand so genau kennt. Dass er dabei allerdings aussieht wie die Kinderversion von Michael C. Hall („Dexter“), sollte einem frühzeitig zu denken geben, auch wenn seine ältere Stiefschwester Lauren (macht einen interessanten Wandel durch: Fabianne Therese) wenig mit ihm anzufangen weiß. Kaum 48 Stunden später werden die beiden ein untrennbares Duo sein, nach dessen Vorbild man in der Filmgeschichte nicht lange suchen muss (und das sich für ein Sequel geradezu aufdrängt).

Temporeich inszeniert und fanfreundlich besetzt mit Darstellern wie Genre-Wiederkehrer Derek Mears („Freitag der 13.“, „Predators“ und demnächst „Hatchet 3“), sowie den „Twin Peaks“-Veteranen Dana Ashbrook und Ray Wise (zuletzt an der Seite von Rose McGowan in „Rosewood Lane“ zu sehen) zielt der Film deutlich auf ein spezifisches Kernpublikum ab, für das irrwitzige Plot-Wendungen, absurder Humor und drastische Gewaltausbrüche zum guten Ton gehören. Sollte Quentin Tarantino jemals einen Kinderfilm drehen, dann wird er wohl in etwa so aussehen müssen wie diese clevere Independent-Produktion. [LZ]

OT: The Aggression Scale (USA 2012). REGIE: Steven C. Miller. BUCH: Ben Powell. KAMERA: Jeff Dolen. MUSIK: Kevin Riepl. DARSTELLER: Dana Ashbrook, Fabienne Therese, Ryan Hartwig, Derek Mears, Ray Wise, Boyd Kestner, Lisa Rotondi. LAUFZEIT: 85 Minuten.

Aggression Scale

[Abbildungen: Sunfilm/Tiberius]

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