After.Life | Filmkritik

05. August 2011

After.Life

Eine weitere von so vielen interessanten US-Produktionen mit bekannten Namen und ungewöhnlicher Grundidee, die es kaum mehr auf die Leinwand schaffen. Wo keine eindeutige Marketingformel ersichtlich ist, schrecken die Verleiher zurück – allerdings weniger vor dem Film selber, als vielmehr vor der Frage, wem man ihn verkaufen könne und vor allem wie. Prominent besetzt und stylish inszeniert, schaffte es „After.Life“ in den USA gerade einmal auf 41 Leinwände, und auch die internationale Vermarktung blieb bislang zurückhaltend. In Deutschland brachte es die unkonventionelle Melange aus Mystery, Thriller, Esoterik und Arthouse zwei Jahren nach der Premiere jetzt immerhin zu einer DVD-Auswertung.

Filmkritik: AFTER.LIFE

Anna Taylor sollte eigentlich mit ihrem Leben zufrieden sein. Doch zwischen passivem Sex und einem unscheinbaren Job existiert nicht viel, was echtem Glück gleichkommt. Ein schwerer Autounfall ändert die Situation vom einen zum anderen Augenblick, denn als die junge Frau aus vorübergehender Bewusstlosigkeit aufwacht, ist sie bereits tot. Das jedenfalls will ihr Bestatter Eliot Deacon klarmachen, der behauptet, die Gabe zu besitzen, mit denen sprechen zu können, die sich im Limbo zwischen Diesseits und Jenseits befinden. Doch kann er das wirklich, oder ist er in Wahrheit ein Serienkiller mit exzellenten Manieren, der sich auserkoren fühlt, jene unter die Erde zu bringen, deren Leben seinen Wert schon längst verloren hat? Einen Puls hat Anna jedenfalls nicht mehr. Aber warum kann sie noch atmen?

Es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass man sich derartige Fragen stellt und dabei zusehen muss, wie die Verlässlichkeit jedes vermeintlich sicheren Indizienbeweises für die eine oder andere These ganz schnell wieder einem begründeten Zweifel weichen muss. Wird man etwa Zeuge, wie Anna in einem Anfall aus Wut und Verzweiflung in der verschlossenen Leichenhalle Amok läuft und (von Deacon später entfernte) Spuren physischer Zerstörung hinterlässt, so zieht man sinnvollerweise den Schluss, dass eine Tote dazu kaum imstande wäre. Zu einem anderen Zeitpunkt hingegen muss man sich eingestehen, dass es ebenso jeder Logik widerspricht, wenn Anna Stimmen von außen wahrnehmen kann, ihre eigenen Hilferufe gleichzeitig aber offenbar nicht zu hören sind. Und das bleiben nur die geringfügigsten Widersprüche.

After.Life

Es gibt eine Menge Gründe, diesen Film nicht zu mögen, und die meisten von ihnen haben mit der eigenen Erwartungshaltung zu tun. Das ist ausnahmsweise einmal weniger falschem Marketing zu verdanken, als vielmehr dem dramaturgischen Grundprinzip selber, das kein einziges seiner Versprechen auch wirklich einlöst – und zwar mit voller Absicht. „After.Life“ will kein lupenreiner Genre-Beitrag sein, nutzt jedoch ausgiebig Mittel und unausgesprochene Gesetze, die immer wieder das Gegenteil nahelegen. Das ist legitim und auch keineswegs uninteressant zu beobachten. Haneke light, wenn man so will. Dass man sich in den USA auf diese Weise allerdings den Zugang zu jedem erdenkliche Zielpublikum verschließt, hat das amerikanisierte Remake von „Funny Games“ gründlicher bewiesen, als es seinen Machern lieb sein konnte. Diesem Feature-Debüt ergeht es nicht wesentlich anders, und daran ändert auch eine namhafte Besetzungsliste (Christina Ricci, Liam Neeson, Justin Long) kaum etwas.

In gewissem Sinn ist das bedauerlich, denn „After.Life“ hat durchaus seinen Reiz. Die Struktur erweist sich über weite Strecken als überraschend raffiniert, die Bilder fallen (mit ihrer strengen Farbdramaturgie vielleicht etwas arg) stylisch aus, und das Prinzip, Genre-Standards quasi dialektisch gegeneinander auszuspielen, um den Zuschauer beständig in Unsicherheit zu halten, lässt sich zwar rasch durchschauen, verfehlt aber trotzdem seine Wirkung nicht. Und genau wie im Fall von Hanekes schwer erträglichem Home-Invasion-Meta-Film bleibt man als Zuschauer bis zum Schluss gebannt bei der Stange, weil aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz die Hoffnung auf ein mögliches Happy End Bestandteil der Dramaturgie bleibt. Doch welchen Grund hat man eigentlich, ausgerechnet diesem Versprechen zu trauen, wenn man längst begreifen musste, dass hier alle Erwartungen nur geweckt werden, um im Anschluß restlos in sich zusammenzufallen? Oder sollte dieser Film tatsächlich so konsequent dialektisch sein wollen, dass er am Ende selbst dem eigenen Narrationsprinzip widerspricht und eine saubere Auflösung zulässt?

After.Life

Was die Genre-Standards betrifft, so wird wenig ausgelassen, aber eben auch nichts in Reinform präsentiert. Egal etwa, für welche der beiden möglichen Variante man sich entscheiden mag, Anna stellt als Final Girl in jedem Fall eine Art Ultimativversion dar – erst recht, wenn sie vielleicht schon tot ist. Was sie dazu qualifiziert, ist aber nicht etwa eine regelkonforme sexuelle Enthaltsamkeit, sondern die Tatsache, dass sie kein Vergnügen (mehr) dabei empfindet, wenn ihr Freund mit ihr schläft. Umso steriler muss ihre zunehmend zur Schau gestellte und von Filmemacherin Wojtowicz-Vosloo in präziser Komposition arrangierte Nacktheit ausfallen. Zudem ist der Topos selber asymmetrisch angelegt. Denn während das Final Girl gängigerweise die Funktion hat, die Aufmerksamkeit des Zuschauers im Verlauf des Films zunehmend vom Killer weg und stattdessen auf sich selber zu lenken, geschieht hier das genaue Gegenteil. Im letzten Akt dominieren Deacon und Annas Freund Paul, der erhebliche Zweifel an ihrem Tod hegt und den Spannungsbogen am Leben hält.

Aber auch sonst bewegen sich bekannte Klischees und Regeln mal mehr, mal weniger deutlich neben dem gewohnten Rhythmus. Ob das allerdings die teilweise erheblichen Anschlussfehler im Timing rechtfertigen kann, sei einmal dahingestellt. Werden zwei parallele Handlungsebenen gegeneinander montiert (ein Telefonat, ein Fluchtversuch, eine Autofahrt zur Tankstelle), so stimmen sie zeitlich mehr als einmal schlichtweg nicht überein. Heller Tag wird gar mit einem einzigen Schnitt schon mal zu dunkelster Nacht, obwohl zwischendurch nur wenige Minuten vergangen sein können. Doch selbst wenn Derartiges gewollt wäre und zur Verunsicherung des Zuschauers beitragen sollte, so drängt sich doch eher der Eindruck von unerfahrenem Editing und unaufmerksamer Continuity auf.

Gegen den Film im Ganzen spricht das nicht. Wer allerdings allergisch auf Manipulationen der eigenen Erwartungshaltung reagiert, sollte dringend einen Bogen um diese ansonsten durchaus sehenswerte Independent-Produktion machen. [LZ]

OT: After.Life (USA 2009). REGIE: Agnieszka Wojtowicz-Vosloo. BUCH: Agnieszka Wojtowicz-Vosloo, Paul Vosloo, Jakub Korolczuk. KAMERA: Anastas N. Michos. MUSIK: Paul Haslinger. DARSTELLER: Christina Ricci, Liam Neeson, Justin Long, Chandler Canterbury, Celia Weston, Josh Charles, Rosemary Murphy. LAUFZEIT: 99 Minuten (USA: 104).

After.Life

[Abbildungen: Koch Media]

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