After Earth | Filmkritik: Nepotismus

05. Juni 2013

After Earth

Die ersten Minuten sind atemberaubend und gehen direkt in medias res: Ein verängstigter Junge trägt eine Sauerstoffmaske und droht zu hyperventilieren. Ihm gegenüber, ganz nah, sein Vater, der ihm mit sicheren Gesten zur Ruhe mahnt, bis etwas Unerwartetes geschieht, das den Zuschauer in die Sitze presst. Im nächsten Bild liegt der Sohn bewusstlos im Gras und erinnert sich aus dem Off an die Evakuierung der Erde und den ersten „Ghost“, einen furchtloser Jäger, der die menschenfressenden Riesenkreaturen des neuen Heimatplaneten besiegen konnte. Dann setzt die Geschichte erneut an. Soweit alles gut. Wäre da nicht Jaden Smith, der Sohn vom großen Will, der seinem Spross den Film auf den Leib hat schneidern lassen – offenbar der Überzeugung halber, dass sich Talent und Charisma einfach vererben lassen.

Nun, sie lassen es nicht, und mit den Einspielergebnissen des Startwochenendes (katastrophale 27,5 Millionen Dollar) dürfte auch Jadens zuletzt lautstark formulierte Zukunftsvision, eines Tages ein größerer Star als sein Vater zu werden, erst einmal einen gesunden Dämpfer erhalten haben. Für Will hingegen ist „After Earth“ der erste Flop seit über zwei Jahrzehnten, und selbst „Wild Wild West“ war damals gnädiger gescheitert. Seinen Ruf als letzte Ausnahme von der Regel eines längst nicht mehr funktionierenden Starsystems dürfte er damit eingebüßt haben.

Das mag nach Häme klingen, ist es aber nicht. Denn „After Earth“ hat durchaus seine Stärken und funktioniert trotz einer stattlichen Zahl von Logiklöchern (sehr amüsant zusammengestellt von Rob Bricken auf io9.com) und einem überforderten Hauptdarsteller gar nicht mal so schlecht. Das zentrale Problem ist jedoch der unerträgliche Nepotismus, der in seiner Szene für Szene spürbaren Aufdringlichkeit sogar Til Schweigers zahlreiche Vater-Tochter-Vehikel harmlos aussehen lässt. Will Smith hat hier weder seinem Sohn noch sich selbst einen Gefallen getan. Vom Zuschauer ganz zu schweigen.

After Earth

Die Menschheit hat die unbewohnbar gewordene Erde verlassen. Doch Nova Prime, das gelobte Land jenseits des bekannten Sonnensystems, birgt seine eigenen Gefahren – siehe oben. Der junge Kitai (Japanisch für „Hoffnung“ – wer hätte das gedacht?) würde es nur zu gerne seinem heldenhaften Vater gleichtun, doch der Eintritt in die Ranger Corps wird ihm verwehrt. Dass er dabei auch noch ein Kindheitstrauma mit sich herumschleppt, macht die Sache nicht besser. Zudem ist das Verhältnis zu seinem autoritären Erzeuger nicht das beste. Ein gemeinsamer Trip ins All zum Einsatzort des kurz vor der Pensionierung stehenden Seniors soll hier Abhilfe schaffen. Doch das Raumschiff gerät in einen Asteroidensturm und havariert ausgerechnet auf der Erde, die längst zur Sperrzone geworden ist. Nur Vater und Sohn überleben, doch Kitai bleibt als einziger unverletzt. Es ist nun an ihm, das Signalgerät zu aktivieren, mit dem die beiden um Hilfe rufen können. Das allerdings befindet sich im 100 km entfernt abgestürzten Heck, und so beginnt ein gefährlicher Trip durch unbekanntes Terrain.

Was folgt, ist ein action- und CGI-reiches Abenteuer, das der Sohn zu bestehen hat, während ihm der Vater per Funk zur Seite steht (Kitais Anzug ist eine Art Ganzkörperkamera, die aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen offenbar auch eine Außenposition einnehmen kann). In erster Linie funktioniert das vielleicht für ein jüngeres Publikum, doch auch Erwachsene können ihren Spaß an der Angelegenheit haben. Wäre da nicht die Jaden/Will-Problematik und die Tatsache, dass alles, aber auch wirklich schlichtweg alles an diesem Film so vorhersehbar ist wie die Reaktion eines aggressiven Pavians, wenn er mit Steinen beworfen wird (tja, wo mag das Beispiel wohl herstammen?).

Für den seit einer Weile mit Misserfolgen gebeutelten M. Night Shyamalan war „After Earth“ zwar eine Auftragsproduktion, doch die bekannten Trademarks des einst mit einer Menge Hoffnung bedachten Filmemachers sind nichts desto trotz überall zu erkennen – beginnend beim Konzept eines persönlichen Konfliktes, der sich nur vor dem Hintergrund einer globalen Katastrophe lösen lässt (man denke an „Signs“). Doch neben der gewohnten visuellen Brillanz, den sorgsam gewählten Frames, der manipulativen Montage und der auf mehreren Zeitebenen aufsetzenden Dramaturgie, die dort Fäden spinnt, wo der Zuschauer lange Zeit nur Andeutungen erkennen kann, macht sich ein schwerlich zu ignorierendes Gefühl von Auto-Epigonentum breit. Dies ist sichtbar die Arbeit eines Autorenfilmers, den Not oder ein hoher Honorarscheck oder beides unter die Fuchtel eines überambitionierten Superstars getrieben haben. Erstmals musste sich Shyamalan für einen Film, bei dem er selber Regie führt, die Arbeit am Drehbuch nicht nur mit einem Co-Autor teilen (Postapokalyptiker Gary Whitta, von dem die Ursprungsversion stammt), sondern laut Variety auch noch Korrekturen über sich ergehen lassen, die ihm vom Studio auf die Nase gedrückt wurden.

After Earth

Weniger problematisch als mancherorts mit einiger Aufregung diskutiert ist die vermutete unterschwellige Scientology-Propaganda um Vulkane und Auditings, die etwa Ex-Mitglied Marc Headley für den Hollywood Reporter entdeckt zu haben glaubt. Das mag alles sein, doch wer sich davon beeinflussen lässt, dem ist sowieso nicht zu helfen. Wenn etwa Kitai von seinem Vater immer wieder dazu ermahnt wird, in die Knie zu gehen und sich ganz auf den Moment zu konzentrieren, und wenn er eingetrichtert bekommt, Angst sei nicht real, sondern lediglich eine Projektion in eine unbekannte Zukunft, dann kann man auch oberflächlich im Zen-Buddhismus herumfischen und wird ganz sicher fündig. Wer L. Ron Hubbard tatsächlich auf der Leinwand sehen will, ist bei „Oblivion“ schon an der besseren Adresse (und zudem beim besseren Film gelandet).

Zwei Dinge sind besonders bedauerlich: Die Vorgeschichte ist vielversprechender als der Film selber (eine Art „Starship Troopers“ mit umgekehrten Vorzeichen) und Will Smith bietet hier vielleicht eine der besten Leistungen seiner Karriere. Frei von selbstironischen Untertönen und fast durchweg an einen einzigen Ort gebunden, spielt er seinen Sohn mühelos an die Wand. Soviel Ego muss offenbar schon sein.

Dass die Notlandung übrigens ausgerechnet auf der Erde stattfinden (und so den Titel rechtfertigen) muss, macht inhaltlich keinerlei Sinn, denn der Heimatplanet des Predators hätte es auch getan. Doch vielleicht soll uns das inhaltlich sagen, dass Vater und Sohn aus ihrer Entfremdung nur wieder zueinander finden können, wenn sie zu ihren eigentlichen Wurzeln zurückkehren, gewaltsam lösgelöst von einer ihrer Natur ungemäßen Umgebung – oder irgendwie etwas in der Art. Das aber mag bitte jemand interpretieren, dem die Zeit dafür nicht zu schade ist. [LZ]

OT: After Earth (USA 2013) REGIE: M. Night Shyamalan. BUCH: M. Night Shyamalan, Gary Whitty. MUSIK: James Newton Howard. KAMERA: Peter Suschitzky. DARSTELLER: Jaden Smith, Will Smith, Zoe Isabella Kravitz, Sophie Okonedo, Jaden Martin, Glenn Morshower, Kristofer Hivju, Chris Geere. LAUFZEIT: 100 Min.

After Earth

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[Abbildungen: Sony Pictures Releasing GmbH]

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Eine Antwort zu “After Earth | Filmkritik: Nepotismus”

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