A most wanted Man | Filmkritik

09. September 2014

A most wanted Man

Etwas kommt in Bewegung, langsam, aber unaufhaltsam. Schon die erste Einstellung, die eine Kaimauer und stärker werdenden Wellengang zeigt, gibt die Richtung des Agententhrillers „A Most Wanted Man“ vor und nimmt die bedächtige, zunehmend eindringlichere Erzählhaltung vorweg, von der die dritte Regiearbeit des Starfotografen und Filmemachers Anton Corbijn bestimmt ist – eine Adaption des hierzulande unter dem Titel „Marionetten“ erschienenen Romans von John le Carré.

Im Zentrum des Films steht der detailversessene, stets etwas müde wirkende Geheimdienstler Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman in seiner letzten Hauptrolle), der eine halboffizielle Spionageeinheit auf deutschem Boden leitet und sich ständig mit den undurchschaubaren Bürokraten der großen Nachrichtendienste herumschlagen muss. Handlungsort ist ein in herbstlichen Farben gehaltenes Hamburg, jene Stadt, in der Mohammed Atta und seine Mitstreiter bekanntlich die Anschläge vom 11. September 2001 vorbereiten konnten, und zwar unter dem Radar der Geheimdienste. Ein Versagen, das sich nicht wiederholen soll.

Deshalb wird heute jede noch so kleine Bewegung genau unter die Lupe genommen: Beispielsweise die illegale Ankunft des russischstämmigen Tschetschenen Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin), der auf Umwegen in die Hansestadt gelangt und nach kurzer Zeit Kontakt zur islamischen Gemeinde sucht. Spätestens als der junge Mann, der in russischen und türkischen Gefängnissen gefoltert wurde, mit Hilfe der Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) an den Bankier Thomas Brue (Willem Dafoe) herantritt, läuten in den verschiedenen Spionageabteilungen alle Alarmglocken.

Denn offensichtlich will Karpov das Erbe seines verhassten Vaters antreten und eine immense Geldsumme in Empfang nehmen, mit der terroristische Aktionen geplant werden könnten. Doch während Bachmann den mysteriösen Flüchtling vorerst weiter beobachten will, um einen größeren Fisch an Land ziehen zu können, drängen der Geheimdienstchef Dieter Mohr (Rainer Bock) und die in Deutschland agierende CIA-Agentin Martha Sullivan (ähnlich kühl und kalkulierend wie in „House of Cards“: Robin Wright) auf ein schnelles Eingreifen.

A most wanted Man

Auch wenn sich in „A Most Wanted Man“ alles um die spannungsgeladene Arbeit der Geheimdienste dreht, hat der Film rein gar nichts mit den glamourösen Fantasien eines Bond-Abenteuers gemein (insbesondere aus der Ära vor Daniel Craig). Was wenig verwundern muss, da Vorlagenschöpfer John le Carré als Kenner der Materie (er selbst war bekanntlich lange Zeit im Spionagedienst tätig) seit jeher äußerst realistische Szenarien entwirft und Corbijn schon in seiner melancholischen Killerballade „The American“ bewiesen hat, dass er sich vor allem für eine Entschleunigung von Genre-Abläufen interessiert.

Im Fokus stehen daher eine von den 9/11-Anschlägen ausgehende Paranoia-Stimmung und die von Misstrauen geprägten Beziehungen der Figuren, wobei das Drehbuch von Andrew Bovell (verfasste unter anderem Mel Gibsons Comeback-Versuch „Edge of Darkness [dt. Auftrag Rache]“ sowie den rätselhaften Psychothriller „Lantana“) nur andeutungsweise Auskunft über den Background der Handlungsträger gibt.

Von Anfang an tritt uns Bachmann als akribischer, aber ebenso getriebener Mann entgegen, ständig rauchend und wiederholt dem Alkohol zugewandt. Ein Schattenkämpfer, der ganz für seine Arbeit lebt, allerdings – wie sich aus den Gesprächen mit der US-Beamtin Sullivan heraushören lässt – vor geraumer Zeit einen schweren Rückschlag erlitten hat. Etwas ist furchtbar schief gelaufen in seiner beruflichen Vergangenheit, weshalb Bachmann nach Deutschland zurückbeordert wurde. Ausgerechnet jetzt, da er beweisen will, dass ihn sein untrüglicher Instinkt nicht verlassen hat, findet er sich erneut zwischen den Mahlsteinen unterschiedlicher Interessengruppen wieder.

Philip Seymour Hoffman spielt diesen im Dreck wühlenden Ermittler kraftvoll, zugleich aber auch erstaunlich zurückhaltend. Auf subtile Weise macht er die Einsamkeit und die Zweifel spürbar, die an der Figur nagen, lässt hinter der harten, massigen Schale einen weichen Kern aufscheinen – etwa in den Unterhaltungen mit seiner engsten Mitarbeiterin Erna Frey (Nina Hoss) – und setzt mit spärlich platzierten Temperamentausbrüchen umso nachhaltigere Akzente. Hoffmans nuancierte Performance allein macht „A Most Wanted Man“ sehenswert, nicht zuletzt, weil die innere Zerrissenheit seiner Figur rückblickend eng mit dem realen Leben des Schauspielers verbunden scheint.

A most wanted Man

Aber auch jenseits dieser eindringlichen Darstellung zieht der genau beobachtende Thriller den Zuschauer in seinen Bann, ermöglicht ihm an der zwischenzeitlichen Neupositionierung einiger Figuren und den gewieften Schachzügen von Bachmanns umstrittener Antiterroreinheit teilzuhaben. Zudem sind gezielt Unsicherheiten in die Handlung eingestreut: Wem ist wirklich zu trauen? Welche Rolle spielt die idealistische Annabel Richter? Und kann der undurchsichtige Karpov die Geheimdienstler wirklich zu einem großen Drahtzieher führen? Fragen, die das Geschehen konsequent verdichten und den Boden für ein spannungsreiches Finale bereiten, das den Betrachter nachdenklich zurücklässt.

Perfekt abgestimmt auf die Geschichte sind die häufig wenig einladenden Schauplätze, die Kameramann Benoît Delhomme („Der Junge im gestreiften Pyjama“) auf die Leinwand bannt: unscheinbare Dönerbuden, abgewrackte Spelunken, dunkle Tiefgaragen und klobige Funktionsbauten, in denen die Agenten ihrer beschwerlichen Arbeit nachgehen. Zusammen mit der präsenten, aber nie aufdringlichen Musik von Corbijn-Freund Herbert Grönemeyer (übernahm auch eine kleine Rolle im Film) entsteht eine durchdringend-bedrückende Atmosphäre.

Ein trostloses Bild wird hier gezeichnet, das dem Kampf gegen den Terrorismus jegliche heroische Aura raubt und bloß in einem Punkt vom betont authentischen Duktus abrückt: Die deutschen Ermittler unterhalten sich ausschließlich auf Englisch (allerdings mit deutschem Akzent), und das selbst untereinander – was freilich in Kauf genommen werden muss, wenn man eine Reihe von US-Stars als Zugpferde verpflichtet. [Christopher Diekhaus]

A most wanted Man

OT: A most wanted Man (UK/USA/DE 2014) REGIE: Anton Corbijn. BUCH: Andrew Bovell. MUSIK: Herbert Grönemeyer. KAMERA: Benoît Delhomme. DARSTELLER: Philip Seymour Hoffman, Willem Dafoe, Robin Wright, Rachel McAdams, Nina Hoss, Grigoriy Dobrygin, Rainer Bock, Martin Wuttke, Daniel Brühl, Kostja Ullmann. LAUFZEIT: 122 Min.

A most wanted Man

[Abbildungen: Senator]

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