A Cure for Wellness | Filmkritik: Wassertreten in der Schweiz

05. August 2017

A Cure for Wellness

[Lesedauer: ca. 3:20 Minuten]

Da ist er wieder, der Zweidrittelfilm, jenes Bewegtbildpendant zu saurer Milch, das über lange Zeit extrem vielversprechend daherkommt, Klischees gekonnt umschifft, manchmal gar eine echte Offenbarung erhoffen lässt, nur um dann gegen Ende umso gründlicher in haarsträubenden Nonsens umzukippen. Leider, leider gehört auch Gore Verbinskis („The Ring“) extrem ambitionierte und mit rund 2 ½ Stunden Laufzeit überlange Rückkehr in die Gefilde des Horror-Genres zu diesem Typus herber Enttäuschungen, wie sie nur die erzählenden Künste zu bieten haben. Ob das Studio interveniert hat? Ob schlimme Testvorführungen die Schuld tragen? Ob noch mindestens drei Enden hinzugefügt wurden? Wir wissen es nicht. Schockierender als der Film selber jedenfalls wäre die Erkenntnis, dass hier in Wahrheit überhaupt niemand dazwischengefunkt hat. Schwer vorstellbar, aber keineswegs ausgeschlossen.

Eigentlich beginnt das Problem schon mit der Besetzung der Hauptfigur, denn so ziemlich jeder in diesem Film hinterlässt einen größeren Eindruck als Dane DeHaan (hatte gerade erst ein ähnliches Problem in „Valerian“). Das ist nicht unbedingt die Schuld des Darstellers, sondern liegt vor allem an der blutleer konzipierten Rolle, die ein erfahrenerer Schauspieler leicht mit seiner eigenen Leinwandhistorie hätte auffüllen können. Stattdessen wird man den Eindruck nicht los, dass weder Leonardo DiCaprio noch Cillian Murphy greifbar waren und deshalb der nächstbeste Ersatz her musste. Das ist bitter, denn an sich macht DeHaan nichts falsch. Ihn diesen Film allerdings alleine schultern zu lassen, ist eine echte Zumutung.

Die Story hingegen hat eine Menge Potential und kommt am Anfang gar wie eine Satire auf Gesundheitswahn und zivilisatorischen Burnout daher. Jungbroker Lockhart soll ein altgedientes Vorstandsmitglieds seines Unternehmens aus einem Schweizer Sanatorium in die Großstadt zurückholen, wo eine anstehende Fusion auf seine Unterschrift wartet. Doch dem abgetauchten Börsianer sind Wassertreten und Kricket ganz offensichtlich lieber als stressauslösende Zahlenspekulationen, zumal er sich ernsthafte Sorgen um seine Gesundheit macht. Dass die auf einem Berg gelegene Kurklinik und seine Insassen mehr als suspekt wirken, macht die Sache nicht gerade angenehmer, und als Lockhart nach einem Autounfall mit Gipsbein ausgerechnet in einem Krankenbett der seltsamen Heilanstalt aufwacht, weiß der Zuschauer längst: Hier kommt niemand so leicht mehr heraus.

A Cure for Wellness | Dane DeHaan

Dass er dem Protagonisten damit einen gewaltigen Schritt voraus ist, gehört zu den vielen Schwächen eines Drehbuchs, das zwar mit dem klassischen Hitchcock-Heldentypus spielt, ihn jedoch eine Menge wenig intelligente Entscheidungen treffen lässt. Ja, Lockhart begreift schnell, dass im Schweizer Wellness-Resort einiges nicht stimmt, aber demgemäß handeln, das lässt er einfach bleiben. Wieso das so ist? Schwer zu sagen. Vielleicht hat er zu lange 24 Stunden am Tag unter Strom gestanden, um außerhalb seines Businessdenkens noch sinnvoll entscheiden zu können. Mag sein, doch der Film selber liefert dafür keinen erkennbaren Hinweis. So übernimmt DeHaans Figur jedenfalls eher die Funktion des Slasher-Dummchens, das ausgerechnet immer dahin flieht, wo der Killer den besten Zugriff hat.

Mehrfach gelingt es ihm zu entkommen, doch statt das Weite zu suchen, macht er lieber Halt in einer Dorfkneipe, die Oomph, Bilderbuch und die Söhne Mannheims spielt (eine Konstellation des Grauens, die wohl der deutschen Beteiligung an diesem Projekt zu verdanken ist). Dass er von dort bald schon wieder abgeholt wird, darüber braucht man kein Wort zu verlieren. Patienten, die offenbar in Wassertanks konserviert werden, eine Runde Torture Porn beim hausinternen Zahnarzt (wer denkt da nicht an Laurence Olivier?), Halluzinationen und Visionen von Aalen, die aus dem Toilettenkasten ausbrechen – all das reicht nicht, um Lockhart einfach nur die Beine (bzw. den Gips) in die Hand nehmen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

Auf der Haben-Seite kann der Film mit beeindruckender Optik, erstaunlich einprägsamer Musik (gegen Ende muss Komponist Benjamin Wallfisch allerdings eine schwachbrüstige Kopie von Schostakowitschs berühmtem Walzer Nr. 2 für Varieté-Orchester abliefern) und einigen interessanten Nebencharakteren punkten. Das Sanatorium mit seinem seltsam aus der Zeit gefallenen Look (gedreht wurde in den Beelitz-Heilstätten bei Potsdam und auf der Burg Hohenzollern in der Schwäbischen Alb) macht einiges her und auch der Kulissenbau kann sich sehen lassen (unter anderem ein überdimensionaler Wassertank, in dem Lockhart beinahe ums Leben kommt). Skurrile Patienten und fragwürdiges Klinikpersonal tragen zur allgemein beunruhigenden Atmosphäre bei. Wirklich außergewöhnlich ist allerdings nur ein rätselhaftes Mädchen, das die Anstalt noch nie verlassen hat (trotzdem aber weiß, wie man eine Jukebox bedient) und den Mysteryfaktor der Geschichte einigermaßen aufrecht erhält. Die Engländerin Mia Goth („Nymphomaniac“ und demnächst im Remake von „Suspiria“ zu sehen) spielt sie ebenso ätherisch wie zerbrechlich und empfiehlt sich als eigentliche Hauptdarstellerin.

A Cure for Wellness

Als wirklich bedauerlich muss man die Tatsache empfinden, dass irgendwo in dieser missglückten Angelegenheit eigentlich ein guter Film steckt, der seinen Machern allerdings deutlich entglitten ist. Ein bisschen „Shutter Island“ (wir erwähnten DiCaprio bereits), inklusive der schlecht sitzenden Anzüge von Lockhart, ein bisschen „Stonehearst Asylum“ und ja, natürlich auch ein motivischer Funken „Ewige Jugend“. Wenn man genau hinschaut, kann man einen der Assistenzärzte tatsächlich dabei erwischen, wie er den „Zauberberg“ liest – das Buch dann aber schnell wieder weglegt, um vor einer einer sich langsam entblätternden Krankenschwester zu masturbieren. So hätte man sich den eigenen Deutschunterricht gewünscht.

Justin Haythe hat in seiner Karriere wenig Schlechteres („Lone Ranger“, ebenfalls mit Verbinski) und einiges Besseres geschrieben (z.B. „Revolutionary Road“, womit wir schon wieder bei DiCaprio wären). Am Ende gab es einen saftigen Scheck, und da schaut man dann nicht mehr so genau hin. Dass unterschiedliche hiesige Förderanstalten dem Film runde 10 Millionen Euro hintergeschmissen haben, spricht einmal mehr gegen jegliches Gespür der verantwortlichen Gremien, denn an den Kinokassen fiel „A Cure for Wellness“ gnadenlos durch und konnte sein Budget bis heute nicht einmal ansatzweise einspielen. [LZ]

OT: A Cure for Wellness (USA/D 2016). REGIE: Gore Verbinski. DREHBUCH: Justin Haythe. MUSIK: Benjamin Wallfisch. KAMERA: Bojan Bazelli. DARSTELLER: Dane DeHaan, Mia Goth, Jason Isaacs, Ivo Nandi, Harry Groener, Celia Imrie, David Bishins, Tomas Norström, Rebecca Street, Adrian Schiller, Michael Mendl, Susanne Wuest. LAUFZEIT: 142 Min (DVD), 146 Min (Blu-ray). VÖ: 10.08.2017.

A Cure for Wellness | DVD-Cover

[Abbildungen: 20th Century Fox Home Entertainment]

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