3D unter Goebbels: dreidimensionales NS-Filmmaterial im Bundesarchiv entdeckt

16. Februar 2011

Was wie die absurde Idee eines B-Films klingt, ist tatsächlich wahr. Während seiner Recherchen für eine Dokumentation über Bildmanipulation im Dritten Reich ist der australische Filmemacher Philippe Mora jetzt im Berliner Bundesarchiv auf 3D-Material von 1936 gestoßen. Zwei dreißigminütige Propagandafilme zeigen Versuche mit einer Technik, die in den USA erst in den 1950er Jahren populär wurde. „Die Filme wurden auf 35 mm aufgenommen – allem Anschein nach mit zwei Linsen, denen ein Prisma vorgeschaltet wurde“, vermutet Mora gegenüber Variety. Sie seien von einem unabhängigen Studio im Auftrag des Propagandaministeriums erstellt und als „Raumfilme“ bezeichnet worden, „was möglicherweise der Grund dafür war, warum niemand darauf gekommen ist, dass man es hier mit 3D zu tun hat.“

Wundern muss einen die Entdeckung allerdings nur eingeschränkt, denn die Geschichte von 3D begann bereits Ende des 19. Jahrhunderts, als der Brite William Friese-Green das erste Patent für eine Doppelprojektion anmeldete. Die erste 3D-Kamera mit zwei geringfügig verschobenen Linsen entstand wenig später. 1915 wurden in New York drei Testrollen mit anaglyphen grün-rot-Bildern vor Publikum gezeigt, und sieben Jahre später gab es in Los Angeles mit „The Power of Love“ den ersten dokumentierten 3D-Film für ein reguläres Publikum zu sehen. 1936 schließlich wurde ein dreidimensionaler Beitrag gar für den Oscar in der Kategorie „Bester Kurzfilm“ nominiert. Dass Goebbels hier also im selben Jahr mit der manipulationsstarken Technik experimentierte, ist naheliegend.

Mora plant, das Material in den dreidimensionalen Teil seiner Dokumentation mit dem Arbeitstitel „How the Third Reich was recorded“ einzubauen. „Die Qualität der Filme ist fantastisch. Die Nazis waren besessen davon, alles aufzuzeichnen, und jedes einzelne Bild wurde genauestens kontrolliert“. Dass weiteres 3D-Material existiert, ist für den Filmemacher zudem keine Frage. Mit Nazi-Deutschland setzt sich der Australier übrigens keineswegs zum ersten Mal auseinander. Bereits 1973 löste er mit „Swastika“ bei der Uraufführung in Cannes einen mittleren Skandal aus, denn sein Film zeigte erstmals heute hinlänglich bekannte Privataufnahmen Hitlers auf dem Obersalzberg. Der irrige Vorwurf, Mora, selber Sohn eines deutschen Juden im französischen Widerstand, humanisiere seinen Gegenstand, sorgte in Deutschland für einen handfesten Boykott des Films, der heute ein Klassiker unter den NS-Dokumentationen ist.

Mora, der seit über vier Jahrzehnten als Filmemacher arbeitet und unter anderem für zwei Fortsetzungen des Werwolf-Klassikers „The Haunting“ von Joe Dante verantwortlich ist, beschäftigte sich zuletzt in seiner aktuellen Dokumentation „Two Sons“ erneut mit dem Thema Nationalsozialismus. Sein nächstes Projekt, ein Biopic über Salvador Dali, ist selber dreidimensional ausgerichtet. 2012 soll „Dali 3D“, eine deutsch-australische Co-Produktion mit Alan Cumming und Judy Davis in den Hauptrollen, weltweit in die Kinos kommen.

[Abbildung: Screencapture „Swastika“ | Bildbearbeitung: screen/read]

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