11/22/63: Fünf Herausforderungen für die Stephen-King-Adaption von J.J. Abrams

05. September 2015

11/22/63 | James Franco, Stephen King, J.J. Abrams

Als Stephen King auf seinem Twitter-Account das erste Foto vom Set veröffentlichte, zeigten sich die drei Hauptbeteiligten – er selbst, Schauspieler James Franco und Produzent J.J. Abrams – bestens gelaunt. Dabei stand die Verfilmung seines Opus Magnum „11/22/63“ (hierzulande unter dem nüchtern-belanglosen Titel „Der Anschlag“ veröffentlicht) über einen Zeitreisenden, der die Ermordung John F. Kennedys verhindern will, zunächst unter keinem guten Stern. Jonathan Demme hatte sich die Rechte gesichert, stieg aber kurz darauf wegen kreativer Differenzen wieder aus. Leser des Buches konnten diese Entwicklung nur begrüßen.

Wo Demme nämlich an eine Leinwandversion der voluminösen Vorlage (über 800 Seiten) dachte, die schmerzhafte Kürzungen zur Folge gehabt hätte, trat Abrams direkt mit dem Konzept einer mehrteiligen TV-Fassung an das Projekt heran. Wer aber eine werkfremde, auf mehrere Staffeln ausgedehnte Neuerfindung des Stoffs befürchtet und dabei „Under the Dome“ im Hinterkopf hat, darf sich wohl beruhigt zurücklehnen. „Lost“-Erfinder und „Star Wars / Star Trek“-Re-Animator Abrams zielt auf eine abgeschlossene Mini-Serie in enger Anlehnung an Kings Original.

Wirft man einen Blick auf die aktuelle Besetzungsliste, findet man jedenfalls schon einmal alle relevanten Figuren aus dem Roman wieder (und das sind nicht wenige). Doch trotz des langen Atems, die eine Fernsehproduktion – zumindest in den USA – heute ermöglicht, sieht sich die Serie doch mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert, deren Umsetzung bei aller Werktreue durchaus sportlich zu nehmen sein wird. Wir haben fünf davon zusammengetragen, die uns besonders relevant oder tricky erscheinen.

1. Zeitcolorit. King hat eigenen Aussagen gemäß nie zuvor einen Roman geschrieben, der ein vergleichbares Maß an historischer Recherche erforderte. Da der Hauptanteil der Geschichte in den Jahren 1958 bis 63 spielt, mussten kartonweise Details zusammengetragen werden, um den zeitlichen Hintergrund glaubwürdig gestalten zu können. Das Ergebnis ist verblüffend, denn Kings langjähriger Assistent Russ Dorr musste unter anderem gar die durchschnittlichen Preise einzelner Lebensmittel aus den Archiven fischen. Vieles davon ist mehr als lediglich schmückendes Beiwerk, sondern dient dem Protagonisten Jake Epping aus dem Jahr 2011 nicht selten wahlweise als Spielball oder Hürde. Eine punktgenaue Wiederbelebung des betreffenden Zeitraums wird also auch für die Verfilmung von zentraler Relevanz sein.

2. Gewalt. Taucht in „11/22/63“ zwar nur äußert dosiert auf, nimmt dafür aber dort, wo sie eine Rolle spielt, eine umso radikalere Form an. Der Amoklauf eines Vaters, der seine Frau und zwei seiner Kinder bestialisch ermordet, setzt die Handlung überhaupt erst in Gang und wiederholt sich im Verlauf der Geschichte noch einmal in einer abweichenden Version. Jede Art der Verharmlosung würde der Motivation Eppings ihr Gewicht rauben. Zwei weitere Gewaltakte gegen wichtige Charaktere tragen ebenso wesentlich zur Entwicklung bei und sind so in ähnlichem Maß unverzichtbar. Wie explizit die TV-Version hier vorgehen wird (Hulu produziert), bleibt abzuwarten.

3. Oswald. Neben dem allgemeinen Zeitcolorit hat King auch großen Wert auf die akkurate Wiedergabe der historisch verbürgten Fakten rund um den vermutlichen Attentäter gelegt. Wochenlang werden Lee Harvey Oswald und seine Ehefrau im Roman von Jake Epping beobachtet und belauscht. Den Lesefluss bremst das zwar in gewissem Maße aus, für den Handlungsverlauf, vor allem aber für Jakes weitergehende Motivation ist vieles unverzichtbar. Fraglos wird die Adaption hier deutlich kürzen (müssen), ohne dabei allerdings die Relevanz einzelner Hintergründe gänzlich außen vor lassen zu dürfen.

4. Nebenhandlung. Fast der gesamte Mittelteil der Vorlage dreht sich mehr oder weniger ausschließlich um Jakes (Zweit)Leben als Lehrer an einer kleinen Schule auf dem Land und seine Liebesbeziehung zur örtlichen Bibliothekarin Sadie Dunhill (in der Verfilmung dargestellt von Sarah Gadon – mittlerweile wiederkehrendes Gesicht bei Cronenberg in „Maps to the Stars“ und „Cosmopolis“). Auch hier tritt King merklich auf die Bremse, wechselt kapitelweise das Genre und lässt Jake beinahe sein Ziel aus den Augen verlieren. Für einen 800-seitigen Roman ist das kein großes Problem. Bei einer mehrteiligen Serie könnte hingegen so mancher Zuschauer abspringen, wenn der rote Faden plötzlich für eine Weile auf Eis liegt. Hier wird die Verfilmung mit großer Wahrscheinlichkeit eine abweichende Balance finden müssen.

5. Alternative Realität. An dieser Stelle sollten nur Kenner der Vorlage weiterlesen. Alle anderen würden sich einen bemerkenswerten Clou vorwegnehmen lassen. – Wenn Jake nämlich an einem bestimmten Punkt ins Jahr 2011 zurückkehrt, findet er eine alternative Realität vor, die sich als Folge seiner Eingriffe in längst Geschehenes ergeben hat. Auch hier hat King Recherchen angestellt und sich spekulative Szenarien angesehen, die eine historische Entwicklung durchspielen, bei der Kennedy das Attentat überlebt hat. Jake erfährt hiervon lediglich in Form einer Erzählung, die den Zeitraum von 1963 bis 2011 umspannt. King ist damit fein raus, doch wenn sich die Verfilmung nicht ebenfalls auf den Monolog einer Figur beschränken will, wird sie eine andere Lösung finden müssen. Da hier die zentrale Pointe des Romans liegt, wäre ein Verzicht jedenfalls kaum akzeptabel.

Wie Abrams und seine Autoren mit diesen und anderen Herausforderungen umgehen werden, sollte sich im kommenden Jahr herausfinden lassen. Ein genauer Sendetermin ist allerdings noch nicht bekannt. [LZ]

11/22/63 | Cover der Scribner-Ausgabe

[Abbildungen: twitter.com/StephenKing (Foto) | Scribner (Cover)]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

David Cronenberg | Verzehrt

Tags: , ,

Kommentare sind geschlossen.