11.22.63 | Killing Oswald: Mini-Serie nach Stephen King

28. November 2016

11.22.63

Der allgemeine Serienboom und der damit einhergehende Relevanzwandel weg vom Kino und hin zum heimischen TV (als Überbegriff für alle erdenklichen Endgeräte, mit denen sich streamen und klassisch fernsehen lässt) raubt dem Zuschauer vor allem eine Menge Zeit. Staffel für Staffel fordern die angesagtesten Blockbuster aus dem Hause Netflix, AMC, HBO, Amazon (Liste beliebig erweiterbar) uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Denn wer zwischendurch mal pausiert, ist raus. Ein Grund mehr, die Tugenden der Mini-Serie wiederzuentdecken, die sich problemlos in einer Nacht konsumieren lässt und dann aber auch auserzählt ist. Für die Adaption von Stephen Kings voluminösem Zeitreiseroman „11.22.63 [dt. Der Anschlag]“ schien sie dem umtriebigen J.J. Abrams genau das passende Format zu sein.

In einem kleinen Featurette, das der gerade in Deutschland erschienenen DVD/Blu-ray als einziges Extra beigefügt ist, erzählt er genau das. Eine Filmversion (wie zunächst von Jonathan Demme geplant) hätte die Vorlage doch arg eingedämmt, als Mehrteiler könne der Stoff hingegen ausgiebig atmen. Richtig so. Umso ernüchternder, dass sich die rund sieben Stunden, die alle Folgen plus Pilot in der Summe nun umfassen, ausgerechnet zum Atmen nur eingeschränkt Zeit nehmen und stattdessen weitestgehend darauf konzentrieren, die zahlreichen Hakenschläge der Kernhandlung abzuarbeiten.

Dass kein falscher Eindruck entsteht: „11.22.63“ ist eine durchweg gelungene, sorgsam ausgearbeitete und dem Roman wie seinen Figuren gegenüber stets um Respekt bemühte King-Adaption – ein eher seltener Fall also. Wer eine weitere Katastrophe nach Maßgabe von „Under the Dome“ befürchtet hatte, kann also aufatmen (hier wird wirklich eine Menge geatmet). Auch dafür ist das Format der Mini-Serie mitverantwortlich, denn es zielt per se nicht darauf ab, über mehrere Staffeln hinweg zu funktionieren, sondern darf am Ende tatsächlich auch zuende sein.

Im Fall von „Under the Dome“ war das geschlossene Konzept der Vorlage nach und nach bis zur völligen Unkenntlichkeit verunstaltet worden, um eine möglichst langlebige Serie zu installieren (die mit Kings Original schon bald nichts mehr zu tun hatte). Das ist hier zum Glück nicht der Fall. Stattdessen darf man – sofern mit der Vorlage vertraut – erleichtert verfolgen, wie dem Roman in seiner Grundsubstanz kein Schaden zugefügt wird, die wesentlichen Figuren glaubwürdig umgesetzt sind und Abweichungen in den meisten Fällen eine nachvollziehbare, nämlich den Erzählzwängen des Mediums geschuldete Motivation zugrunde liegt.

11.22.63 | James Franco

Doch natürlich ist nicht jeder Zuschauer auch automatisch mit Kings Roman vertraut und bekommt so ohnehin einen anderen, gänzlich unvoreingenommenen Eindruck, und der dürfte recht schlüssig ausfallen: Englischlehrer Jake Epping (James Franco), gerade frisch geschieden und ohne nennenswerte soziale Bindungen, steht urplötzlich vor der Herausforderung seines Lebens. In einem Hinterzimmer seines Stamm-Diners befindet sich ein Portal in die Vergangenheit. Wenige Schritte genügen und man ist im Jahr 1960 gelandet. Kehrt man in die Gegenwart zurück, sind dort gerade einmal zwei Minuten ins Land gezogen, ganz egal, wie lange man sich Zeit gelassen hat. Faszinierend.

Diner-Besitzer Al Templeton (Chris Cooper) hat das Portal entdeckt und x-fach bereist. Todkrank bittet er Jake, eine Aufgabe zu übernehmen, die er selber nicht mehr zuende bringen kann – die Ermordung John F. Kennedys zu verhindern. Der Haken dabei: Reist man zwischen den Zeiten hin und her, ist alles, was man in der Vergangenheit verändert hat, null und nichtig. Drei Jahre muss Jake also jenseits des Portals verbringen und sich ein echtes Leben aufbauen, Lee Harvey Oswald (Daniel Webber) ausfindig machen, sichergehen, dass dieser auch wirklich der Mörder des Präsidenten ist, und ihn schließlich über den Jordan schicken. Und als ob das nicht schon übel genug wäre, hat die Vergangenheit auch noch gar kein Interesse daran, verändert zu werden und wehrt sich demgemäß auf ihre ganz eigene Weise. Ein Himmelfahrtskommando also.

11.22.63 | Daniel Webber

Was klingt wie eine typische „Twilight Zone“-Episode (die es unter dem Titel „Profile in Silver [dt. Das Portrait auf der Münze]“ in ähnlicher Form auch tatsächlich gibt), ist bloß der zündende Funken für eine der untypischsten, ausuferndsten und wahnwitzigsten Geschichten aus Kings Feder, die im Print weit über 1000 Seiten umfasst. Jakes dreijähriger Aufenthalt in der Vergangenheit wird minutiös aufbereitet, große und kleine historische Fakten finden ihren ausgiebig recherchierten Niederschlag, Genregrenzen verschwimmen und im mittleren Drittel entwickelt sich gar ein (fast) klassischer amerikanischer Kleinstadtroman mit dem Herzschlag einer der schönsten Liebesgeschichten, die der Meister je geschrieben hat.

Das ist selbst für einen breit angelegten Mehrteiler zuviel des Guten und so rückt die detektivische Beschattung Oswalds ins Zentrum, während die meisten anderen Handlungsstränge mehr oder weniger stark komprimiert werden. In der Summe ergibt die Serie dadurch aber ein einheitliches Bild, zumal sie Kings (selbst für seine Verhältnisse) weit ausholende Dramaturgie durch größere Geradlinigkeit ersetzt und die Geschichte im anderen Medium so leichter konsumierbar macht (im Original etwa tritt Jake seine Zeitreise mehrfach an, bevor er sich zur Kennedy-Mission entscheidet – ein Umweg, auf den hier gänzlich verzichtet wird).

Eine der größten Abweichungen erlaubt sich die Serie mit der Ausarbeitung einer Nebenfigur aus dem Roman, die in der TV-Version zu Jakes Mitwisser und –streiter wird. Die Idee dahinter ist eine ausgesprochen kluge, denn wo der Roman zur Vermittlung zahlreicher Details aus dem Oswald-Umfeld ganz auf den inneren Monolog seines Protagonisten zählen kann, braucht der Zuschauer einen narrativen Trick. Drehbuchautorin Bridget Carpenter („Parenthood“) hat sich deshalb für die Installation eines Komplizen entschieden, über den sich einzelne Inhalte geschickt kommunizieren lassen.

11.22.63 | Sarah Gadon, James Franco

Nicht alle Entscheidungen der Verfilmung sind ähnlich gut nachvollziehbar und manchmal bleiben Elemente im Eifer des Gefechts einfach so auf der Strecke. Den größten emotionalen Verlust jedenfalls erleidet die Liebesgeschichte zwischen Jake und der Schulbibliothekarin Sadie Dunhill (entwaffnende Idealbesetzung: Sarah Gadon, „Cosmopolis“). Schuld trägt neben der Übermacht des Oswald-Strangs nicht zuletzt James Franco, der seine Figur mit allzu viel Verbissenheit (und permanener Anspannung der Glabellafalten) ausstattet, als dass noch ausgiebig Raum für große Gefühle übrig wäre. Erst im ergreifenden Finale, das Carpenter uneingeschränkt aus dem Buch übernommen hat (und das laut King eine Idee seines Schriftstellersohnes Joe Hill war), findet die Verfilmung einen echten Zugang zur schicksalhaft und bittersüß aufgeladenen Romantik der Vorlage.

„11.22.63“ ist vor allem ein Triumph der Ausstatter, auch wenn die präzise Wiederbelebung vergangener Jahrzehnte und Epochen im TV längst keine Ausnahmeerscheinung mehr ist. Ein bisschen Hitchcock der 60er mögen Abrams, seine Gestalter und Regisseure (darunter für eine besonders effektive Episode auch Franco selbst) vor Augen gehabt haben, als sie den Look der Serie entwarfen, und so schwebt etwa über der Credit-Sequenz ein Hauch von Saul Bass, die Titelmusik (komponiert von Abrams himself und deshalb wohl auch nicht auf dem offiziellen Soundtrack-Album) klingt nach Bernard Herrmann und Sarah Gadon trägt die Frisur von Tippi Hedren. Bei soviel Mühe, die alle Beteiligten in die Produktion gesteckt haben, ist das unsägliche Ramschtisch-Design, das sich die Verantwortlichen vom Verleih für das lieblos hingeschluderte Packaging ausgedacht haben, eine echte Unverschämtheit. [LZ]

OT: 11.22.63 (USA 2016). REGIE: James Strong, Fred Toye, John David Coles, James Franco, James Kent, Kevin Macdonald. BUCH: Bridget Carpenter, Quinton Peeples, Brigitte Hales, Joe Henderson, Brian Nelson. MUSIK: Alex Heffes, J.J. Abrams. KAMERA: Adam Suschitzky, David Katznelson. DARSTELLER: James Franco, Sarah Gadon, George MacKay, Chris Cooper, Daniel Webber, Lucy Fry, Nick Searcy, Josh Duhamel, Tonya Pinkins, Jonny Coyne, Kevin J. O’Connor, Leon Rippy, Cherry Jones, Brooklyn Sudano, Gil Bellows, Gregory North. LAUFZEIT: 422 Min (DVD), 439 Min (Blu-ray). VÖ: 17.11.2016

11.22.62 | DVD-Cover

[Abbildungen: Hulu (Stills) | Hulu/Russ Martin (Porträt James Franco) | Warner Bros. Home Entertainment Inc. (Cover)]

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