Rose McGowan: Brave | Alice im Traumaland

18. Februar 2018

Rose McGowan | Brave

[Lesedauer: ca. 12:50 Minuten]

Für das kollektive (popkulturelle) Gedächtnis war Rose McGowan lange Zeit vor allem zweierlei: Das blonde Mädchen, das im ersten Film der „Scream“-Reihe auf fatale Weise im Garagentor steckenbleibt, und das brünette Starlet, das auf dem Red Carpet der MTV Awards in nichts als einem Netzkleid posiert. Beide Momente sind mit zwei der wenigen Männer verbunden, die in „Brave“, ihrer mit Wut, Blut und Tränen in die Tasten gehämmerten Autobiographie, vergleichweise gut davonkommen: Wes Craven und (mit Einschränkungen) Marilyn Manson. Ansonsten liest sich das schwer erträgliche und ebenso schwer aus der Hand zu legende Buch wahlweise wie ein misogyner Entwicklungsroman aus der Hölle, eine Urban-Horror-Version von „Alice im Wunderland“ oder ein perverses Videospiel über Macht und Missbrauch mit multiplen Endgegnern auf jedem Level.

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Dark Stages: Lithographien von David Lynch in Düsseldorf

20. Januar 2018

David Lynch | Dark Stages: Lithographien (I hold you tight)

[Lesedauer: ca. 1:30 Minuten]

„I hold you tight“, liest es sich in übermäßig spationierten Lettern über der Szenerie, doch was sich darunter abspielt, hat wenig mit einer zärtlichen Umarmung zu tun. Die Distanz zwischen den beiden Figuren ist enorm, denn die Arme des Mannes, über dem eine tiefschwarze Sprechblase seinen Anspruch auf das Gegenüber manifestiert („Mine“), sind länger als sein eigener Körper, und das Objekt seiner Begierde, eine nackte Frau, hat dem Würgegriff seiner gewaltigen Pranken nur wenig entgegenzusetzen – außer einem seltsamen Oszillieren aus Entsetzen und Ekstase, das sich für den Betrachter schwerlich greifen lässt. Wen das Motiv an jene ikonische Szenerie zwischen Frank Booth und Dorothy Vallens aus „Blue Velvet“ erinnert, ist auf dem richtigen Weg, denn der bereits leicht vergilbte Schwarzweißdruck stammt von David Lynch.

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SS-GB | Alternative Fakten: BBC-Mehrteiler bringt deutsche Besatzer an die Themse

19. Januar 2018

SS-GB

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

Was denn? Schon wieder eine Serie, bei der Deutschland den Krieg gewonnen und internationale Wahrzeichen mit Hakenkreuzen dekoriert hat? Genau. Nur dass sich diesmal nicht ganz Nordamerika zum Führergruß gedrängt sehen muss (wie in der Amazon-Serie „The Man in the High Castle“), sondern der britische Nachbar. Die Luftschlacht um England ist ganz anders ausgegangen, als man es aus den Geschichtsbüchern kennt, und so machen es sich die Nazis 1941 bei einem Earl Grey gemütlich und importieren den Judenstern nach London. Scotland Yard untersteht der SS und von politischer Neutralität, wie sie sich die Polizei trotz Invasion gerne auf die Fahne schreibt, bleibt bald nicht mehr viel übrig. Eine gute Zeit für Kollaborateure.

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Alles Geld der Welt | Filmkritik: Mehr ist mehr

15. Januar 2018

Alles Geld der Welt

[Lesedauer: ca. 3:15 Minuten]

Reich werden, das kann jeder, reich bleiben hingegen, das ist eine echte Leistung – doziert John Paul Getty I, zu seiner Zeit der vermutlich reichste Mann der Welt. Es ist der zentrale Glaubenssatz, in dem alle Fäden seines Handelns zusammenlaufen (zumindest in dieser Filmversion des historischen Getty aus der Feder von David Scarpa). Nachvollziehbar also, dass er für die Freilassung seines entführten Lieblingsenkels Paul weder die geforderten 17 Millionen Dollar, noch später 4, noch überhaupt irgendetwas zahlen will. Öffentlich begründet er seine Entscheidung wie ein Staatsoberhaupt: Er ist nicht erpressbar. Wer für einen Enkel zahlt, zahlt bald auch schon für alle anderen (und davon gibt es 14). Einen Vertrauten wird er an anderer Stelle mit der albernen Aussage abweisen, er könne sich das Lösegeld momentan schlichtweg nicht leisten. Punkt. Wer das alles für ziemlich unrealistisch hält, hat vermutlich noch nie mit Menschen zu tun gehabt, gegen die Dagobert Duck wie ein bescheidener Tagelöhner aussieht. Reichtum ist ein Wert an sich.

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The Expanse (Staffel 1) | Mars macht mobil: Visuell beachtliche Scifi-Serie des Syfy-Channels schwächelt in der Figurenzeichnung

13. Januar 2018

The Expanse (Staffel 1)

[Lesedauer: ca. 2:20 Minuten]

Während die UN zur Weltregierung aufgestiegen ist, hat sich der Mars als ernstzunehmende Militärmacht etabliert. Und als ob diese Konstellation nicht schon explosiv genug wäre, wächst im ausgebeuteten Asteroidengürtel eine Widerstandsgruppierung heran, die keiner der beiden Parteien gut gefällt. Doch ist es wirklich sie, die im Verborgenen für eine Destabilisierung der Verhältnisse sorgt, um einen Krieg heraufzubeschwören, oder lauert da noch eine unbekannte Gefahr von außen, die niemand kennt? So in etwa sieht das Grundszenario der vielgelobten, visuell beachtlichen und mittlerweile auf drei Staffeln angewachsenen Serie „The Expanse“ des Syfy-Channels aus, die man hierzulande auf Netflix oder neuerdings auch auf DVD und Blu-ray verfolgen kann. Doch was helfen aufwendige Sets und ein dystopischer Konflikt kosmischen Ausmaßes, wenn die handelnden Figuren kreuzlangweilig sind?

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Bright | Erster Netflix-Blockbuster ist die teuerste Schlaftablette der Welt

06. Januar 2018

Bright

[Lesedauer: ca. 3:30 Minuten]

In einem Anfall von Größenwahn (oder war es Ironie?) ließ Max Landis kürzlich den Rest der Welt wissen, dass „Bright“ das Potential hätte, sein persönliches Pendant zu „Star Wars“ zu werden. Angesichts des Ergebnisses kann man da nur verständnislos mit dem Kopf schütteln – eine Reaktion übrigens, für die der Film auch sonst eine Menge Anlässe bietet. Inzwischen ist der zugehörige Tweet zwar verschwunden, aber das Netz vergisst ja bekanntlich nichts. Was genau sich der Autor von „Chronicle“ (gut) und „Victor Frankenstein“ (weniger gut) dabei gedacht hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Viel wichtiger ist allerdings die Frage, wie es nur wenige Tage nach Veröffentlichung bereits zur Beauftragung eines Sequels kommen konnte, und was das für die zukünftige Politik von Netflix bedeuten mag.

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Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann | KiKA-Serie mit Simon Böer ist ein Highlight im deutschen TV-Einerlei

19. Dezember 2017

Beutolomäus und der wahre Weihnachtsmann

[Lesedauer: ca. 4:35 Minuten]

Wer hätte das gedacht? Alle 100 Jahre wird der Weihnachtsmann ausgetauscht. Ähnlich wie James Bond oder der Papst, halt nur wesentlich später. Eigentlich nachvollziehbar, denn irgendwann machen die rheumatischen Gelenke die Kletterei durch den Kamin einfach nicht mehr mit, und die ständige Reiserei mit einem fliegenden Schlitten birgt im Alter deutliche Risiken (die Konzentrationsfähigkeit lässt nach und Kollisionen mit anderen Flugobjekten werden zunehmend wahrscheinlicher). Ausgerechnet jetzt ist es gerade wieder so weit. Schon bemerkenswert, denn das letzte Mal muss rechnerisch mitten im Ersten Weltkrieg gewesen sein. Aber auch die aktuelle Wahl steht unter keinem guten Stern. Denn im Zeitalter des Cyberterrorismus hackt ein übler Geselle namens Ruprecht das System und krönt sich – ganz ohne Hilfe der Russen – selber zum neuen Weihnachtsmann. Eine ziemliche Katastrophe.

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Zarah – Wilde Jahre | Abtreibung, Bukowski, Nazi-Väter: die 70er als Klischeecollage

07. Dezember 2017

Zarah - Wilde Jahre

[Lesedauer: ca. 2:55 Minuten]

Und wieder so ein Musterbeispiel für die gründliche verkorkste Programmplanung des ZDF, das sich immer gerne als Privatsender missversteht und deshalb Produktionen, die nicht die erwünschte Quote bringen, entweder ins Nachtprogramm verschiebt („The Missing“) oder gleich ganz absetzt („Herzensbrecher“). Im Fall von „Zarah – Wilde Jahre“ hatte die Hauptredaktionsleiterin Fernsehfilm / Serie II vorab noch betont, dass man bei der Etablierung neuer Formate häufig einen längeren Atem benötige, musste ihre Worte aber kurz darauf wieder schlucken, als die Verantwortlichen nämlich das neue Inhouse-Produkt bereits nach zwei Folgen aus der Primetime entfernten und in die Geisterstunde bzw. zu ZDFneo strafversetzten (wo neuerdings ebenfalls quotenabhängig liquidiert wird – siehe „Schulz und Böhmermann“). Stattdessen gab es in Wiederholung eine echte Mainzer Geheimwaffe zu sehen: „Die Bergretter“. Gute Nacht, Seriendeutschland.

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The Sinner | Im Käfig: Fesselnder Mehrteiler mit Jessica Biel und Bill Pullman

27. November 2017

[Lesedauer: ca. 2:00 Minuten]

Frage in die Runde: Wann genau ist das letzte Mal eine US-Serie nach einer deutschen Vorlage entstanden? Die wahrscheinlichste Antwort, die einem da einfällt: Nie. Dieser Umstand hat sich gerade geändert, denn auch wenn man die End Credits bis zum Schluss durchhalten muss, um den entscheidenden Hinweis zu lesen, beruht „The Sinner“ doch ausdrücklich auf dem gleichnamigen, bereits 1999 erschienenen Roman von Petra Hammesfahr. Im September vergangenen Jahres hatte USA Network zunächst einen Pilotfilm in Auftrag gegeben, im Januar dann die gesamte Serie. Erstausstrahlung: August. In Deutschland sind seit Anfang November alle acht Teile auf Netflix zu sehen. Das ist ein Tempo, mit dem das Kino einfach nicht mehr mithalten kann.

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Unlocked | Filmkritik: Kein Franchise für Noomi Rapace

12. November 2017

Unlocked

[Lesedauer: ca. 2:15 Minuten]

Es gibt Gründe, warum Filme wie dieser nach und nach vollständig aus den Kinos verschwunden sein werden: Sie haben kein Zielpublikum mehr. Für Blockbuster zu klein, für Arthouse zu Mainstream. Wer da bereit ist, sein hart verdientes Geld in ein Ticket zu investieren, gehört zu einer Minderheit. Die 90er, als das Sterben der mittelgroßen Leinwände noch unvorstellbar schien und CGI-freie Thriller wie „Class Action“ oder „The Pelican Brief“ ihre Kosten mithilfe prominenter Hauptdarsteller problemlos wieder reinholen konnten, sind lange vorbei. Heute gehören Produktionen wie „Unlocked“ den Streaming-Diensten. In seiner britischen Heimat spielte Michael Apteds aus der Zeit gefallenes Spionage-Allerlei gerade einmal rund 250.000 Pfund ein. In Deutschland reichte es lediglich für eine DVD-Premiere.

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Rillington Place: Der Biedermann als Serienkiller | Tim Roth und Samantha Morton brillieren in BBC-Drama

01. November 2017

Rillington Place

[Lesedauer: ca. 2:50 Minuten]

In Englands Kriminalhistorie ist John Christie nach Jack the Ripper vielleicht der bekannteste aller Frauenmörder. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass seine Geschichte auf Umwegen dazu beitrug, die Todesstrafe im Vereinigten Königreich 1965 abzuschaffen. Nach seiner Festnahme gestand Christie unter anderem einen Mord, für den drei Jahre zuvor ein anderer gehängt worden war, und bei dessen Prozess er zu allem Überfluss auch noch eine entscheidende Rolle als Hauptzeuge gespielt hatte. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten sich wenig mit Ruhm bekleckert, schlampig ermittelt und vermutlich gar ein Geständnis erzwungen. Immerhin erhielt der unschuldig verurteilte Timothy Evans posthum eine offizielle Entschuldigung vom damaligen Innenminister (wovon er sich herzlich wenig kaufen konnte). Die BBC hat den vielfach beleuchteten Fall nun erneut aufgerollt und einen finsteren Dreiteiler produziert, der alles andere als gute Laune verbreitet – und deshalb umso gelungener ist.

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Weinstein und Grindhouse: Robert Rodriguez singt ein Heldenlied auf sich selbst

28. Oktober 2017

Robert Rodriguez

[Lesedauer: ca. 8:20 Minuten]

Wenige Tage nachdem Quentin Tarantino in Gestalt eines Interviews zum Fall Harvey Weinstein leidlich versucht hat, Schadensbegrenzung in eigener Sache zu betreiben [1], zieht jetzt auch Robert Rodriguez nach und hinterlässt dabei ein noch schlimmeres Bild als sein langjähriger Freund und Geschäftspartner. Beide waren über den Großteil ihrer Karrieren hinweg Protegés des mittlerweile gestürzten Moguls und hatten sich zunächst geschockt über die Enthüllungen gezeigt, die Anfang Oktober in einem Beitrag der New York Times öffentlich gemacht worden waren [2]. Beide haben nun zugegeben, schon lange von dem einen oder anderen Fall gewusst zu haben. Doch im Gegensatz zu Tarantino, der wenigstens ein (wenn auch kalkuliertes) Schuldeingeständnis ablieferte, verzichtet Rodriguez auf jegliche Selbstreflexion und steckt sich stattdessen lieber einen Orden an. Wer will das noch toppen?

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National Treasure (2016) | Beklemmender Vierteiler über sexuellen Missbrauch

23. Oktober 2017

National Treasure

[Lesedauer: ca. 2:40 Minuten]

Es ist natürlich bloßer Zufall, dass diese mehrfach preisgekrönte britische Mini-Serie ausgerechnet zu einer Zeit auf dem deutschen Markt erscheint, da die Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein weltweit hohe Wellen schlagen. Ein Grund mehr jedoch, sie für das zu preisen, was sie ist – ein schmerzhafter und schonungsloser Blick auf dasjenige, was mit Menschen geschieht, die (möglicherweise) Opfer oder Täter geworden sind, mit ihren Angehörigen und Freunden, und einer Öffentlichkeit, die nicht glauben kann oder will oder sich wie hungrige Aasgeier auf alle Beteiligten stürzt. Vor allem aber geht es um den Zuschauer, der im Dunkeln gelassen wird darüber, ob die Vorwürfe echt sind oder inszeniert, was die Unklarheit mit uns macht, und auf welche Seite wir uns zu schlagen bereit sind.

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Mea Culpa: Quentin Tarantinos Weinstein-Geständnis ist ein Fall von klassischer Krisen-PR

21. Oktober 2017

Quentin Tarantino

[Lesedauer: ca. 8:30 Minuten]

Er kann einfach nichts in Bescheidenheit tun. Selbst im Fall des üblen Bekenntnisses, über Jahrzehnte hinweg stiller Mitwisser von Harvey Weinsteins sexuellen Übergriffen gewesen zu sein, muss sich Quentin Tarantino einen großen Auftritt zurechtinszenieren. Zunächst hatte er beharrlich geschwiegen, dann mitteilen lassen, den Schock erst ein paar Tage verarbeiten zu müssen, und schließlich ein Interview mit der New York Times geführt [1], dessen Sensationscharakter abschätzbar war – durchdacht und geplant wie ein Drehbuch von Big Quentin himself. Tatsächlich steckt dahinter aber vor allem eine Form von Kalkül, die Kommunikationsexperten als Krisen-PR kennen. Denn Tarantinos Mea Culpa ist wahlweise ein strategischer Schachzug zur Schadensbegrenzung oder ein manipulativer Versuch, den eigenen Kopf aus der eng anliegenden Schlinge zu ziehen.

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Hollywood Babylon: Für Harvey Weinsteins stille Mitwisser ist Rose McGowan der ultimative Alptraum

14. Oktober 2017

Rose McGowan

[Lesedauer: ca. 11:30 Minuten]

In „Planet Terror“, jenem albernen Versuch, mit einem Millionenbudget im Rücken dem Billigkino der 70er Jahre Tribut zu zollen, übernahm Mitinitiator Quentin Tarantino unter der Regie seines Lieblingskollaborateurs Robert Rodriguez einen besonders unrühmlichen Part. In den Credits schlicht als „Rapist#1“ gelistet, zwingt er die Protagonistin mit vorgehaltener Waffe erst zum Tanz und lässt dann die Hosen runter, um seinem Rollennamen gerecht zu werden. Bevor es jedoch dazu kommen kann, ätzt ihm ein Zombievirus die Genitalien weg. Gerechte Strafe für den Vergewaltiger? So sehen es die Herren QT und RR in ihren Filmen gern. Im echten Leben hingegen haben sie sich offenbar die Karriere von einem solchen aufbauen und bis zum heutigen Tage fördern lassen. Eines seiner Opfer heißt Rose McGowan.

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The Missing (2016) | The truth is out there: BBC-Mehrteiler um verschwundene Kinder überzeugt auch in der zweiten Staffel

01. Oktober 2017

The Missing (Staffel 2)

[Lesedauer: ca. 3:30 Minuten]

In ihrer unendlichen Weisheit hatte die Programmplanung des ZDF vergangenen Mai beschlossen, ausgerechnet den letzten Teil der hochgelobten BBC-Serie „The Missing“ (Staffel 1) ins Nachtprogramm zu verlagern und stattdessen eine Wiederholung der deutlich harmloseren Krimireihe „Lewis“ zu zeigen. Begründung: mangelndes Zuschauerinteresse. „Bei der letzten von acht Folgen?“ denkt sich der kritische Beobachter da. „Hätte das den gebührenfinanzierten Profis vom Lerchenberg nicht schon früher auffallen müssen?“ – Nun, allerdings. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass den Verantwortlichen plötzlich Parallelen zum Fall Maddie McCann aufgefallen waren, deren 10-jähriges Verschwinden in jenen Tagen fleißig durch die Medien geisterte. Das (so mag man vermuten) war den Mainzern dann wohl ein bisschen arg nah an der Wirklichkeit, also setzte man lieber auf vorauseilenden Gehorsam und ersparte dem mündigen Zuschauer das erschreckende Finale. Dass es die zweite Staffel nun irgendwann ins Free-TV schafft, kann man vor diesem Hintergrund getrost vergessen.

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mother! | Filmkritik: Paradise Lost

16. September 2017

mother!

[Lesedauer: ca. 2:50 Minuten]

Da fällt die Entscheidung nicht leicht: eigenwillige Variation einer Bestsellervorlage, ultimative Home-Invasion oder doch einfach der längste Witz der Welt? Bei der Premiere in Venedig fand die Uneinigkeit über Darren Aronofskys 120-minütige Totalzumutung ihren Niederschlag in einer konsequenten Kakophonie aus Buh- und Bravorufen. Seitdem hat sich die Lage kaum geändert. Kritiker- und Zuschauerreaktionen schwanken verlässlich zwischen Ablehnung, Bewunderung und völliger Ratlosigkeit. Mark Kermode zufolge soll den Teilnehmern einer Pressevorführung in England seitens des Verleihs geraten worden sein, den Film erst einmal sacken zu lassen [1]. Tatsächlich ist das die einzig sinnvolle Gebrauchsanweisung, denn „mother!“ (mit „Zing“-Laut auf dem Exklamationsszeichen) will es niemandem leicht machen, setzt sich in den Hirnwindungen fest und entwickelt dort ein parasitäres Eigenleben.

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Get Out | Filmkritik: Morgen schwarz, heute weiß

07. September 2017

Get Out

[Lesedauer: ca. 2:55 Minuten]

Am Ende von „Night of the Living Dead“ wird der Protagonist bekanntlich erschossen, weil man ihn für einen Untoten hält. Und weil er schwarz ist, werden bis heute Deutungen verfasst, die hier ein politisches Statement zu erkennen glauben. Für George A. Romero blanker Nonsens. Jegliches Kalkül wies er weit von sich, die Besetzung des farbigen Schauspielers Duane Jones sei reiner Zufall gewesen. Für die Wirkungshistorie ist das allerdings völlig belanglos, zumal schwarze Hauptfiguren im Horrorkino auch ein halbes Jahrhundert später noch Ausnahmefälle sind. Jordan Peele ist sich dessen wohl bewusst, und die Einflüsse, die seinem Debütfilm zugrundeliegen, reichen zurück bis zu „White Zombie“, jenem Pre-Code-Klassiker, der Rassismus als Thema erstmals ins Genre einführte, ohne ihn freilich zu thematisieren.

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Generation der Verdammten | BBC-Weltkriegsdrama ist vor allem bebilderte Historie

02. September 2017

Generation der Verdammten

[Lesedauer: ca. 2:00 Minuten]

Wer sich während der arg zerdehnten 180 Minuten dieses Mehrteilers auf seltsame Weise an seine Schulzeit erinnert fühlt, ist damit nicht allein. „The Passing Bells [dt. Generation der Verdammten]“ gehört zu jenem Typus bebilderter Historie, den Geschichtslehrer gerne einsetzen, um sich die Vorbereitung mehrerer Stunden Unterricht zu ersparen. Die BBC hatte die Produktion im Rahmen des weltweiten Gedenkprogramms zu 100 Jahren Erster Weltkrieg in Auftrag gegeben und gezielt ein jüngeres Publikum ansprechen wollen. Mit drei Jahren Verspätung erscheint das gut gemeinte Stück Bildungsfernsehen nun auch auf dem deutschen Markt.

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The Promise – Die Erinnerung bleibt | Filmkritik: Genozid ist Genozid ist Genozid

20. August 2017

The Promise

[Lesedauer: ca. 3:00 Minuten]

Hier kommt der feuchte Traum eines jedes Filmproduzenten: Ein milliardenschwerer Gönner greift in die Portokasse und stellt mal schnell 90 Millionen Dollar für sein eigenes Wunschprojekt bereit. Da überlegt man nicht lange, sondern gibt ein Drehbuch in Auftrag, sucht sich Cast und Crew zusammen, sichert sich zugkräftige Namen und lässt die Kameras laufen. So oder ähnlich geschehen im Fall von „The Promise“, einem der größten Kassenflops des ersten Halbjahres 2017. Kirk Kerkorian, einstiger Eigner von MGM, Hauptaktionär von Chrysler und mächtiger Strippenzieher in Las Vegas, hatte sich einen Film über den armenischen Völkermord gewünscht und dafür nahezu das gesamte Budget zur Verfügung gestellt. Das fertige Produkt bekam er zwar nicht mehr zu sehen, verstarb im Juni 2015 aber zumindest mit dem sicheren Wissen, dass sein Wunsch in Erfüllung gehen würde.

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