The Hateful Eight | Filmkritik: Das große Faseln

24. Januar 2016

The Hateful Eight

Es gibt diesen Künstlertypus, dem man gerne bereit ist, eine Menge zuzugestehen – darunter Dinge, die man jedem anderen im natürlichen Reflex um die Ohren hauen würde. Der Grund für diese Ausnahmeregelung, zu der man sich entgegen aller Vernunft breitschlagen lässt: All die Unerträglichkeiten, die einem da zugemutet werden, lösen sich früher oder später angesichts einzelner, gänzlich herausragender Leistungen ins neutrale Nichts der Kategorie „Schwamm drüber“ auf. Quentin Tarantino gehört zu eben diesem Typus von Künstlern, doch was er seinem Publikum mit den (je nach Fassung) bis zu 187 Minuten seines Neo-/Post-/Meta-/Pseudo-Spaghettiwesterns abverlangt, stellt selbst die heißeste Fanliebe auf eine zermürbende Geduldsprobe.

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Hat das deutsche Genrekino eine Zukunft? | Symposium der Filmbüros NRW weckt Hoffnung

19. Januar 2016

Peter Thorwarth weiß eigentlich gar nicht, was das sein soll, ein Autorenfilm. Schließlich schreibe er auch alles selber und führe Regie. Aber er mache halt Genre. Die entscheidende Frage, die sich dabei stellt: Soll man sich angesichts der spätpubertärsten und am meisten durchgespulten aller Positionen zum Kampfbegriff des deutschen Kinos der 70er direkt übergeben oder reicht es auch, verständnislos den Kopf zu schütteln? Die beiden anderen Fragen dieses vom Filmbüro NRW vergangenen Dezember unter dem weit ausholenden (und – gähn – an Siegfried Kracauer angelehnten) Titel „Von Caligari bis ins finstere Tal“ veranstalteten Syposiums im Kölner Museum Ludwig sind jedenfalls deutlich wichtiger: Warum führt der Genrefilm hierzulande ein Nischendasein? Und wie lässt sich das ändern?

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Shrew’s Nest | Filmkritik: Geschlossene Gesellschaft

17. Januar 2016

Musarañas

Das spanische Thriller- und Horrorkino ist immer für Überraschungen gut. Bereits 2014 erarbeitete sich das Spielfilmdebüt „Musarañas“ des Regiegespanns Juanfer Andrés und Esteban Roel einen beachtlichen Festivalruf. Lob und Anerkennung kommen nicht von ungefähr, zumal das wirkungsvolle Drama neben aller inhaltlichen und formalen Raffinesse mit einer famosen Macarena Gómez („Witching & Bitching“) gesegnet ist, die jeden noch so grausamen Ausfall ihrer Figur nuanciert und nachhaltig vermitteln kann. Dass auf dem Weg zum blutig-bedrückenden Finale einige Enthüllungen vorauszuahnen sind, darf man daher getrost ignorieren.

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The Revenant | Filmkritik: Wiedergeburt aus dem Pferdeleib

15. Januar 2016

The Revenant

Selbst durch Ryuichi Sakamotos schwermütige Musik weht ein eiskalter Wind. In den langen Pausen zwischen den Noten behauptet er seine Präsenz, verstörend unaufdringlich, und deshalb umso unerbittlicher. Die Natur handelt nicht, zwingt nicht, zögert nicht. Unbeeindruckt vom Menschen, der an ihr zerbricht, folgt sie ihren Gesetzen. Wer sich ihnen ausliefert, muss bereit sein, auf der Strecke zu bleiben. Geschichten darüber können nur vom Überleben erzählen, vom beständigen Aufschub des Unvermeidlichen. Um das zu begreifen, muss man es am eigenen Leib erfahren. Nichts anderes will dieser Film erreichen und deshalb ist „The Revenant“ physisches Kino in Reinform.

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Star Wars: Das Erwachen der Macht | Filmkritik: Family Affairs

16. Dezember 2015

Star Wars: Das Erwachen der Macht

Nur wenige Minuten, nachdem der ikonische Prolog trapezförmig in den Tiefen des Weltraums verschwunden ist und vom rätselhaften Verschwinden Luke Skywalkers, des letzten aller Jedi, und dem phönixartigen Aufstieg der „First Order“ aus der Asche des Imperiums berichtet hat, fällt der Film bereits mit der Tür ins Haus: Oberschurke Kylo Renn ist (glaubt man Max von Sydow in einem Kurzauftritt als Obi-Wan-Lookalike) aufgrund familiär-freudianischer Disposition mit neuem Namen zur dunklen Seite der Macht gewechselt – und schon möchte man das Kino eigentlich wieder verlassen. Eine weitere Anakin-Psychose als Grundmotivation für einen Sternenkrieg? Ernsthaft?

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Knock Knock | Filmkritik: Strafe muss sein

12. Dezember 2015

Knock Knock

Evan Webber hat eine Bilderbuchfamilie, und das ist durchaus wörtlich gemeint. Die Wände des schicken Vorstadthäuschen sind geschmückt mit jeder Menge großformatiger Eltern/Kinder-Fotos und zum Vatertag gibt es – wie hübsch – einen Wecker mit dem Nachwuchs drauf. Nur sexuell wird ein bisschen auf Sparflamme gekocht, aber das soll sich ändern, wenn Ehefrau und Kids vom Wochenende am Meer zurückkehren. Als allerdings zwei durchnässte Schönheiten zu nachtschlafender Zeit an der Tür des Strohwitwers klopfen, macht sich die Versuchung breit. Nach anfänglichem Widerstand verbringt Evan die Nacht mit den beiden und wacht am nächsten Morgen inmitten eines Alptraums auf: Das Duett hat es offenbar auf untreue Ehemänner abgesehen, die für ihre Entgleisung bitter büßen müssen.

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Dämonen und Wunder – Dheepan | Filmkritik

10. Dezember 2015

Dheepan

Mit seinem Gefängnisthriller „Ein Prophet“ und dem Liebesdrama „Der Geschmack von Rost und Knochen“ blieb dem Franzosen Jacques Audiard in Cannes die Goldene Palme noch verwehrt. 2015 allerdings durfte der Regisseur und Drehbuchautor den Hauptpreis des Festivals endlich entgegennehmen. Prämiert wurde sein Flüchtlingsdrama „Dämonen und Wunder – Dheepan“, was als Entscheidung mit Symbolkraft zu werten ist, auch wenn es nicht um Migranten aus Afrika oder dem Nahen Osten geht. Im Mittelpunkt von Audiards jüngster Regiearbeit steht eine tamilische Scheinfamilie, die dem Bürgerkrieg in Sri Lanka den Rücken kehrt und sich nach Frankreich durchschlägt.

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Krampus | Filmkritik: Weihnachten ist der blanke Horror

07. Dezember 2015

Krampus

„It’s beginning to look a lot like Christmas“, behauptet Bing Crosby, während eine Horde konsumbesessener Familien ohne Rücksicht auf Verluste ein Kaufhaus erstürmt, als gelte es, sich aus Angst vor dem Einfall der Hunnen gegenseitig die letzten Lebensmittelreserven aus den Händen zu reißen. Danach geht es heimwärts, denn der alljährliche Besuch jener ungebliebten Sippschaft steht bevor, die einem die Feiertage endgültig zur Hölle macht. Friede auf Erden? Eher nicht. Dringend Zeit also, allen Beteiligten auf möglichst einprägsame Weise noch einmal den wahren Sinn des Festes vor Augen zu führen.

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Victoria | Filmkritik: 138 Minuten Berlin

20. November 2015

Victoria

Das Beste an diesem Film: dass er seine Virtuosität nicht vor sich herträgt. Dass er seinen logistischen Größenwahn ganz der Geschichte unterordnet und an keiner Stelle selbstzweckhaft zur Schau stellt. „Victoria“, dieser eigentlich unscheinbare kleine Ensemble-Film, der sich ein paar Straßenzüge aus Berlin-Mitte für 138 Minuten zur Bühne macht, besteht (falls es irgendjemand tatsächlich noch nicht mitbekommen hat) aus einem einzigen Echtzeit-Take. Das muss man vorab zur Kenntnis nehmen. Denn sonst könnte es passieren, dass die Machart angesichts einer entwaffnend mitreißenden Erzählweise gänzlich aus dem Blick gerät.

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Deutschlands erste Comic Con verspricht buntes Programm | Dortmund: 5. und 6. Dezember

14. November 2015

Am ersten Dezemberwochenende steht die Dortmunder Westfalenhalle ganz im Zeichen von Nerds und Geeks. Die Premiere der German Comic Con am 5. und 6. Dezember könnte den Markt für Comic- und Fantasy-Fans nach Auslaufen der Ringcon neu sortieren. Angekündigt sind zahlreiche internationale Seriendarsteller, Comickünstler, Genre-Autoren und Cosplay-Stars. Ein Folgetermin für 2016 steht bereits vorab fest. Dann allerdings wird man sich den Vergleich mit der Stuttgarter Konkurrenzveranstaltung gefallen lassen müssen, die für Ende Juni angekündigt ist.

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Spring | Filmkritik: Unsterbliche Liebe

08. November 2015

Spring

Dies ist ein Liebesfilm. Der schönste und ehrlichste, den das Kino seit langem hervorgebracht hat. Frei von Klischees und mit Figuren, die sich wie echte Menschen anfühlen. Die man mag, ohne sich Mühe geben zu müssen, ja gar, ohne sich dagegen wehren zu können. Und als ob das nicht schon Ausnahmefall genug wäre, schleicht sich klammheimlich auch noch eine gehörige Dosis Lovecraft in die Geschichte ein. Ob die Macher den Namen des großen Tentakelmeisters da vielleicht einfach wörtlich genommen haben?

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Ich seh Ich seh | Filmkritik: Wiegenlied für böse Träume

01. November 2015

Ich seh Ich seh

Manchmal verliert selbst Gott einen Stern. Und weil er das weiß, zählt er lieber pedantisch nach, um sicherzugehen, dass sie alle noch am Himmelszelt stehen. Dass ihr Anblick allerdings nur eine Täuschung, ihr Leuchten ein langanhaltendes Echo ihres Verglühens sein kann, war dem Verfasser des berühmten Wiegenliedes Mitte des 19. Jahrhunderts selbstverständlich noch fremd. Anders der Kenntnisstand der beiden Filmemacher hinter diesem österreichischen Schauerstück, das seine falschen Fährten zwischen Leben und Tod, Haneke, Kubrick und Torture Porn so offensichtlich legt, dass man den Wald vor lauter Bäumen einfach übersieht.

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Dieter Laser: Tabus, Tausendfüßler und der Tod von Dr. Heiter | Interview

25. Oktober 2015

Wenn er die passende Rolle hat, verleiht er menschlichen Abgründen ein ziemlich angsteinflößendes Gesicht. Privat hingegen ist Dieter Laser der netteste Zeitgenosse, den man sich vorstellen kann. Mit ungezählten Einsätzen auf der Bühne und vor der Kamera im Gepäck weiß er zudem genau, wie man ein simples Interview in eine Show eigener Güteklasse verwandelt. Mit uns sprach er über zukünftige und vergangene Projekte, die Zweischneidigkeit von Tabubrüchen, das Abschütteln lästiger Figuren und was unter anderen Umständen aus Dr. Heiter und Bill Boss, den Hauptfiguren der „Human Centipede“-Filme, hätte werden können.

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Dieter Laser on Centipedes, Sky Sharks and Jesus’ Blood | Interview with the man behind Bill Boss and Dr. Heiter

24. Oktober 2015

Dieter Laser | Interview

When portraying a villain, Dieter Laser may be able to scare you to death but in real life he is the nicest person you can imagine. Having played more characters on stage and in front of the camera than you can count, he knows how to turn a simple interview into a show of its own kind – or did you ever hear of a „pussy schnitzel“ before? In our little conversation he talked about new and recent projects, the pros and cons of taboo breaking, how to get rid of annoying characters and what might have been the future of Dr Heiter and Bill Boss from „The Human Centipede“ films.

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Frontera | Filmkritik: Grenzwestern ohne Fokus

21. Oktober 2015

Frontera

Während die Flüchtlingsdebatte Deutschland seit kurzem in Atem hält, gibt es in den USA schon lange hitzige Diskussionen zum Thema Einwanderung. Zäune und bewaffnete Patrouillen an der Grenze zu Mexiko sind nach wie vor bittere Realität und stehen für Amerikas Versuch, den eigenen Wohlstand gegen vermeintlich schädliche Einflüsse abzusichern. Allen Abschreckungsvorkehrungen zum Trotz sind die Vereinigten Staaten aber noch immer ein Sehnsuchtsland, das viele Mexikaner auf teilweise gefährlichen Wegen ansteuern. Regisseur und Drehbuchautor Michael Berry befasst sich in seinem programmatisch betitelten Spielfilmdebüt „Frontera“ (spanisch für „Grenze“) mit der Immigrationssituation und ist bestrebt, sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Eine lobenswerte Absicht, die leider in ein unbefriedigendes Drama mündet.

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Dieter Laser übernimmt Rolle in Fantasyfilm nach Bestsellervorlage | Jesus’ Blood and Red Currants (Rehepapp)

21. Oktober 2015

Nach 10 Jahren mühsamer Vorproduktion beginnen diesen Herbst die Dreharbeiten für die Bestsellerverfilmung „Rehepapp“ von Regisseur und Fassbinder-Verehrer Rainer Sarnet. Basierend auf der gleichnamigen Vorlage des Fantasy- und Kinderbuchautors Andrus Kivirähk lag die estnisch / holländisch / polnische Co-Produktion lange Zeit auf Eis. Mittlerweile ist nicht nur die Finanzierung gesichert, sondern mit Dieter Laser als „The Baron“, einem deutschen Gutsherrn, auch ein namhaftes Zugpferd gefunden.

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Jesus’ Blood and Red Currants: Dieter Laser joins Estonian fantasy film

21. Oktober 2015

Jesus Blood and Red Currants | Rehepapp

It took Rainer Sarnet more than a decade to put his dream project into motion. Before the end of the year though, „Rehepapp“ will finally begin shooting. What a relief it must be for the 42 year old filmmaker and Fassbinder-admirer, who is best known for his Dostoyevsky adaption of „The Idiot“ (2011). Based on the bestselling novel of the same name by fantasy and children book author Andrus Kivirähk, this Estonian / Dutch / Polish co-production was first heard of in 2005, but only to vanish in oblivion – or pre-production hell, if you will. Now the film is back on track with Dieter Laser starring as „The Baron“, a German manor lord.

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The Voices | Filmkritik: Rosa Brillen, bittere Pillen

06. Oktober 2015

The Voices

Jerry sieht die Welt durch die rosa Brille – und das ist in vielerlei Hinsicht wörtlich gemeint. Seine Arbeitsuniform: rosa. Die CI-Farben seines Arbeitgebers: rosa (und nein, er ist nicht bei der Telekom beschäftigt). Auch im übertragenen Sinne sieht alles gar nicht so schlecht aus für den einfachen Lagerhelfer. Sein Chef mag ihn und die süße Fiona aus der Abrechnungsabteilung sagt doch glatt für ein Date zu. Dass er sich zuhause mit Hund und Kater unterhält, nun ja, er lebt eben allein. Weil die beiden ihm allerdings auch redselig antworten, wird man den Verdacht nicht los, dass hier irgendwas nicht stimmt – und das ist noch milde ausgedrückt. Denn Jerry hat lange Jahre in der Psychiatrie verbracht und verzichtet entgegen ärztlicher Anordnung schon seit einer Weile auf seine Medikamente. Kann das gutgehen? Sicher nicht.

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Cologne Conference 2015: Keine deutschen Preisträger | Mathieu Amalric sendet Videobotschaft in Abwesenheit

02. Oktober 2015

Cologne Conference 2015 | David Schalko, Nora von Waldstätten, Paolo Sorrentino, Joshua Oppenheimer

Ein paar bedrückende Minuten lang schien die Abschlussveranstaltung der diesjährigen Cologne Conference in Gefahr, ihren Ton kultiviert-zurückhaltender Heiterkeit relativieren zu müssen: Mathieu Amalric hatte seine Teilnahme am Festival und der Preisverleihung aus privaten Gründen kurzfristig absagen müssen und stattdessen eine monochrome Videobotschaft geschickt. Sichtlich niedergeschlagen und mit tiefen Ringen unter den Augen bedankte er sich für die Auszeichnung mit dem Hollywood Reporter Award und bedauerte seine Abwesenheit. Der Rest ging angesichts schlechter Tonqualität und akzentlastigem Englisch des Franzosen konsequent unter – für den weiteren Verlauf des Abends vermutlich eine glückliche Fügung.

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RM486: Alien in fünf Inkarnationen | Rose McGowan veröffentlicht ihr erstes Musikvideo

27. September 2015

RM486 | Rose McGowan

Rose McGowan war schon immer ein Alien. Als die Öffentlichkeit 1995 erstmals mit ihr Bekanntschaft macht, ist sie ein Teenager ohne festen Boden unter den Füßen, orientierungslos auf einem Roadtrip durch die USA, randvoll mit Exzessen aus Sex, Gewalt und Crystal Meth. „The Doom Generation“ zeichnete ein fremdartiges Amerikabild, für das die damals gerade 22-jährige Zufallsschauspielerin eine ebenso attraktive wie verstörende Projektionsfläche bot. Keine ihrer Rollen danach sollte noch einmal ähnlich radikal ausfallen, auch wenn Durchschnittscharaktere ihr nie sonderlich gut standen. Inzwischen hat sie die Seiten gewechselt, führt selbst Regie und ist mit dem Musikvideo zu ihrem ersten unter eigenem Namen veröffentlichten Track auf dem besten Weg zum Gesamtkunstwerk.

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